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„Haus Confidence“ schenkt Alkoholkranken neuen Glauben

Jesendorf „Haus Confidence“ schenkt Alkoholkranken neuen Glauben

Es sind die scheinbar hoffnungslosen Fälle, die im „Haus Confidence“ in Jesendorf unterkommen: gescheiterte Existenzen, geleitet von ihrer Sucht, isoliert in der Gesellschaft. Doch die Einrichtung für chronisch Alkoholkranke unweit der Autobahn 14 gibt den Bewohnern neue Zuversicht, neuen Glauben, neues Selbstvertrauen — im Englischen findet sich dazu der Begriff „confidence“.

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Michael Pogodda (2. v. l.) und Volker Kamlage (2. v. r.) begrüßten SPD-Bundestagsmitglied Frank Junge (r.) und Awo-Kreisverbandschef Stefan Baetke zum Gespräch im „Haus Confidence“.

Quelle: Daniel Heidmann

Jesendorf. „Wir sind keine Therapieeinrichtung“, sagt Mitarbeiterin Dorit Rabe. „Wir kümmern uns um die Leute, die austherapiert sind, die über Jahre versucht haben, von ihrer Sucht wegzukommen und es einfach nicht schaffen. Auch diese Menschen müssen aufgefangen werden.“

Um diesen „Untherapierbaren“ zu helfen, geht das Heim einen ungewöhnlichen Weg. Hier — etwas mehr als 15 Kilometer südöstlich von Wismar — wird den Patienten kein striktes Trinkverbot erteilt. In Jesendorf dürfen die Bewohner ihr Bier zu sich nehmen. „Wir wollen sie auf einem niedrigen Niveau stabilisieren“, erklärt Heimleiter Michael Pogodda die außergewöhnliche Herangehensweise. Was sich zunächst absurd anhört, zahlt sich aus. Die Bewohner müssen sich ihr Bier genauso wie Zigaretten, Anziehsachen oder Hygieneartikel vom eigenen Taschengeld (etwa 110 Euro im Monat) kaufen. Aus zwei Flaschen hartem Schnaps werden so zwei Flaschen Bier. Der freiwillige Teilentzug mündet im Bestfall in der Abstinenz.

„Ein Erfolgskriterium ist die Integration in eine Gruppe“, sagt Pogodda. Denn in Jesendorf finden die Alkoholkranken Gesprächspartner — etwas, was ihnen außerhalb der Einrichtung fehlt. Die eigenen sozialen Kontakte seien beim Großteil komplett abgebrochen. „Viele haben lange Trinkerkarrieren hinter sich. Deren Freunde und Familie wollen sich irgendwann selbst schützen, weil sie es nicht mehr ertragen können“, erzählt Dorit Rabe, die den ambulanten Dienst im Haus leitet. Die Einsamkeit verleite die Erkrankten dann immer wieder, zur Flasche zu greifen. „Dann wird bis zum Umfallen getrunken.“

Das soll im „Haus Confidence“ nicht passieren. Denn die Patienten, die allesamt ähnliche Schicksale teilen, wohnen zusammen. Einige teilen sich sogar ein Doppelzimmer. Jeder im Haus hat seinen Aufgabenbereich, um den er sich kümmert. Die Bewohner pflegen auch die Grünanlagen rund um das ehemalige Hotelgebäude, in dem sich seit 2003 die Einrichtung befindet. Im Kreativraum werden über die gesamte Woche handwerkliche Fähigkeiten gefördert. Unter Anleitung entstehen Vogelhäuschen oder Dekorationsobjekte. Zudem steht den Bewohnern ein Sportraum zur Verfügung.

Doch es geht nicht immer nur nach vorn. „Natürlich gibt es auch Rückfälle, die gehören dazu. Eine Alkoholerkrankung ist wie eine Achterbahnfahrt“, sagt Volker Kamlage, Geschäftsführer der Betreuungseinrichtung. Dann sei die weitere Hilfe umso wichtiger. Doch nicht selten beginnt dann für die Heimleitung ein Kampf mit den Behörden, wie Kamlage dieser Tage im Gespräch mit Bundestagsmitglied Frank Junge (SPD) und dem Awo-Kreisverbandsvorsitzenden Stefan Baetke kritisierte. „So ein Rückfall ist den Ämtern schwer zu vermitteln. Oft endet die Hilfe dann“, betont Kamlage.

Auch seine Kollegen Dorit Rabe und Michael Pogodda kennen die Probleme mit den Ämtern. Sie berichten von einem akuten Fall eines Alkoholkranken, der die Klinik in Schwerin verlassen und nach Jesendorf überführt werden sollte. „Die Sachbearbeiterin der zuständigen Behörde war erkrankt. Niemand ist als Vertretung eingesprungen“, schildert Rabe. Der Mann musste von der Klinik in die Obdachlosigkeit entlassen werden.

Vor allem mit den Schweriner Behörden und dem Landkreis Ludwigslust-Parchim sei die Zusammenarbeit teilweise „gruselig“, wie Rabe deutlich machte. Mit Nordwestmecklenburg gestalte sich die Arbeit dagegen positiv. Doch: „Wir brauchen einheitliche Bearbeitungsmodelle“, sagt Kamlage. Aktuell bearbeite jeder Landkreis die Fälle auf seine Weise. Das biete den Betreuern keine klaren Orientierungspunkte.

Aktuell haben die rund 40 Mitarbeiter der Einrichtung alle Hände voll zu tun. Fast 50 chronisch Abhängige im Alter zwischen 25 und 80 Jahren sind hier untergebracht. Das Einzugsgebiet des „Haus Confidence“ erstreckt sich von der Grenze zu Schleswig-Holstein bis hinter Rostock. „Dass wir fast durchgängig zu 100 Prozent ausgelastet sind, zeigt, dass wir Erfolg haben“, meint Michael Pogodda.

Deshalb gibt es konkrete Pläne, die Kapazitäten zu erweitern. In Zukunft soll die Pflege in das Heim integriert werden. Im Nachbarort Ventschow sollen zudem schon zum 1. April Wohnungen für die sogenannte Ablösephase gemietet werden. Dort leben Patienten zusammen, die kurz vor der Rückkehr in ein eigenständiges Leben stehen. Doch wie damals in Jesendorf, findet die Idee in Ventschow nicht nur Anklang. „Es gibt viele Ressentiments“, sagt Dorit Rabe. Von Bier auf Rezept und Saufgelagen ist unter Einwohnern die Rede. Kinder seien durch „Alkis“ im Ort nicht mehr sicher. Die Leitung hat den Ventschower Bürgermeister eingeladen, sich selbst ein Bild vom „Haus Confidence“ zu machen. „Wir sind eine offene Einrichtung. Leider ist das Interesse im unmittelbaren Umkreis nicht groß. So bleiben Vorbehalte“, sagt Rabe.

Daniel Heidmann

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