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Nordwestmecklenburg Helden im Verborgenen: Die Seenotretter von Mecklenburg
Lokales Nordwestmecklenburg Helden im Verborgenen: Die Seenotretter von Mecklenburg
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21:28 27.06.2018
Nachgestellte Szene: Rettung eines Schiffbrüchigen durch das Tochterboot „Caspar“ des Warnemünder Seenotkreuzers „Arkona“. Quelle: Foto: Thomas Steuer/dgzrs
Poel/Kühlungsborn

/Rostock. Sie retten Wassersportler aus Seenot, helfen Bootsfahrern bei Havarien oder bringen Ärzte und Sanitäter zu verletzten Schiffspassagieren – die Seenotretter von Mecklenburg. Von Boltenhagen bis Graal-Müritz sind sie im Einsatz. Einer von ihnen ist Rainer Kulack. Er ist seit 48 Jahren Seenotretter, hat dramatische Einsätze miterlebt, normale Hilfeleistungen und viele Trainingsfahrten absolviert. „Ich will keine Sekunde davon missen. Anderen auf dem Meer zu helfen, ist meine Berufung“, betont der 63-Jährige.

Sie sind die Schutzengel auf der Ostsee: die Seenotretter von Mecklenburg. Mehr als 50 Helfer fahren hinaus, um Wassersportler aus Notlagen zu befreien.

Noch genau kann er sich an seine erste Ausfahrt mit den Lebensrettern erinnern: Kräftige Männer sitzen in einem Holzboot und halten die Ruder fest. Der 14-jährige Rainer Kulack hockt zwischen ihnen und hat nur einen Wunsch: Er will mitmachen. Doch die Antwort ist ernüchternd: „Was willst du junger Schieter hier auf dem Boot?!“ Aber der Junge gibt nicht auf und an seinem 16. Geburtstag im November 1970 erfüllt sich sein Wunsch: Er wird Seenotretter.

2018 ist für ihn ein anstrengendes Einsatzjahr. Nicht weil es so viele Notfälle auf der Ostsee gibt, sondern weil seine Mannschaft krankheits- und altersbedingt geschwächt ist. Nur sechs Seenotretter sind derzeit in Kühlungsborn im Einsatz. „Das heißt, jeder ist bei jedem Einsatz dabei“, sagt Kulack. Genügend Leute aufs Boot zu bekommen, sei schwierig. Nur er sei fest angestellt bei der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Seine Mitstreiter helfen ehrenamtlich und müssen sich im Ernstfall von der Arbeit freistellen lassen. „Und nicht alle arbeiten in Kühlungsborn, das ist eine logistische Herausforderung“, ergänzt Kulack. Elf Einsätze zwischen der Insel Poel im Westen und der Warnowmündung im Osten haben er und seine Seenotretter in diesem Jahr hinter sich. „Wir machen vor allem Hilfeleistungen, wir fahren hinaus, wenn Bootsmotoren ausfallen, sich Skipper verletzt haben oder es an Bord brennt“, berichtet Kulack.

Die meisten Einsätze in diesem Jahr – insgesamt 31 – hat bisher die Crew aus Warnemünde gezählt. Mit ihrem Seenotkreuzer „Arkona“ sichern neun fest angestellte und rund 15 freiwillige Seenotretter um Vormann Karsten Waßner das Seegebiet zwischen Kühlungsborn und Wustrow mit den vielbefahrenen Seeschifffahrtsstraßen zu den Rostocker Seehäfen. Der Seenotkreuzer ist rund um die Uhr mit vier Mann besetzt und sofort einsatzbereit. Neben Fähren, Kreuzfahrtschiffen, Kuttern und anderen Schiffen der Berufsschifffahrt sind in dem Revier auch viele Segel- und Motoryachten sowie Freizeit- und Ausflugsschiffe unterwegs. Da gibt es immer viel zu tun.

Bislang 15 Einsätze sind die Poeler Seenotretter in diesem Jahr gefahren. Ihr Revier erstreckt sich über Boltenhagen im Westen bis zur Halbinsel Wustrow im Osten. Die 23 freiwilligen Seenotretter um Vormann Thomas Lietz sichern das Seegebiet seit knapp zwei Monaten mit einem neuen Einsatzfahrzeug ab: Das Seenotrettungsboot „Wolfgang Wiese“ ist wie viele andere bei der Tamsen Maritim Werft in Rostock gebaut worden. Benannt ist es nach dem passionierten Segler Wolfgang Wiese, der mit seinem Nachlass den Neubau finanziert hat. Denn die Arbeit der Seenotretter wird ausschließlich mit Spenden und freiwilligen Zuwendungen finanziert.

Nur wenige Tage nachdem man das neue Boot nach Timmendorf in unmittelbarer Nähe des Leuchtturms stationiert hatte, musste es zu einem dramatischen Einsatz fahren: Vier Kajakfahrer waren bei stürmischer See gekentert, zwei konnten sich allein retten. Einen weiteren Mann fanden die Seenotretter am Bug seines Kajaks. Er klammerte sich fest, war stark unterkühlt, nicht ansprechbar und nur schwer von seinem Boot zu lösen. Doch er hat überlebt. „Er möchte im Herbst bei uns vorbeikommen und sich bedanken“, sagt Lietz. Auch der vierte Kajakfahrer hätte den Vorfall überstanden.

Wie bei vielen Einsätzen haben bei diesem Vorfall die Kühlungsborner und Poeler zusammengearbeitet. Die Vormänner Lietz und Kulack kennen sich gut. Gemeinsam organisieren sie auch jedes Jahr den Tag der Seenotretter. Den feiern beide Stationen immer in Timmendorf auf der Insel Poel. Grund sind die Besucherausfahrten, die an diesem Tag mit den Seenotretter-Booten stattfinden. „Unsere Station in Kühlungsborn befindet sich vier Kilometer vom Hafen entfernt. Da müssten wir für die Gäste einen Fahrdienst organisieren“, erklärt Kulack. Außerdem seien beide Mannschaften in einem Notfall sofort einsatzbereit. Grund: Die Poeler Station liegt dort nur 50 Meter vom Hafen entfernt.

Kulack genießt das Zusammensein „mit den Jungs“ auf der Insel Poel. „Wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft.“ Zu der zählen auch die Warnemünder. Auch sie stellen am Tag der Seenotretter ihre Arbeit vor – dieses Jahr ist der am 29. Juli. Dann werden auch Rettungsübungen gezeigt. „Denn unsere Arbeit findet meist nachts oder weit draußen auf dem Meer statt. Da sieht sie leider fast niemand“, bedauert Rainer Kulack. Viele Kinder würden Feuerwehrmänner werden wollen, weil man viele von deren Einsätzen beobachten kann. „Wir sind die Retter im Verborgenen“, bedauert Kulack. Er sucht, wie viele Stationen, weitere Mitstreiter.

Gesellschaft finanziert sich ausschließlich durch Spenden

Im Jahr 1865 wurde die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger in Kiel gegründet. Sitz der Organisation ist in Bremen.

Die Seenotretter sind auf Nord- und Ostsee bei jedem Wetter rund um die Uhr einsatzbereit – mit einer Flotte von 60 Seenotrettungskreuzern und -booten. 180 Retter sind festangestellt, 800 helfen ehrenamtlich mit.

Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) finanziert ihre Arbeit ausschließlich durch Spenden und freiwillige Zuwendungen. Wer sie unterstützen möchte, kann folgendes Spendenkonto nutzen: Sparkasse Bremen, IBAN: DE36 2905 0101 0001 0720 16, BIC: SBREDE22 Der jährliche Etat der Seenotretter beläuft sich auf rund 40 Millionen Euro. Rund eine Million Euro kommen aus den kleinen rot-weißen Spendenschiffchen, von denen es etwa 14000 in ganz Deutschland gibt. Zwischen 500 und 1000 neue Schiffe, die 32 Zentimeter lang sind, kommen jährlich hinzu.

Die Spendenschiffchen haben mittlerweile einen kleinen Kultstatus erreicht. Sie stehen in vielen Kneipen, Arztpraxen, auf Fährschiffen und in Betrieben.

In diesem Jahr wird Deutschlands wohl bekannteste Spendenbüchse 143 Jahre alt. Ihr Bekanntheitsgrad bringt aber auch Probleme mit sich: Denn als Kultobjekte sind sie heiß begehrt. Schiffchen, die im Internet angeboten werden, stammen meistens aus Diebstählen.

Kerstin Schröder

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