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Nordwestmecklenburg Herrenhaus — Hospiz: Bewegende Bernstorfer Historie
Lokales Nordwestmecklenburg Herrenhaus — Hospiz: Bewegende Bernstorfer Historie
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20:21 04.01.2016

Am Giebel prangt ein Relief: Ein stolzer Mann auf einem Pferd, begleitet von einem Löwen, darunter die Inschrift „Henricus Leo — AD 1167“. „Mit Heinrich dem Löwen kam die Familie von Bernstorff im zwölften Jahrhundert nach Mecklenburg — und blieb bis heute“, erzählt Eckart Redersborg. Der Grevesmühlener arbeitete zu DDR-Zeiten als Lehrer im Gutshaus und begann, sich für das Gut und die Familie Bernstorff zu interessieren. Mittlerweile hat der 78-Jährige bereits zwei Bücher zum Schloss geschrieben.

Er ist sich sicher, dass das Gutshaus eines der geschichtsträchtigsten Orte des Landes ist. Nicht nur das Bauwerk sei interessant, auch seine Erbauer. „Bernstorff stand über Bothmer“, sagt Redersborg — wissend, dass „man für so eine Aussage Spott erntet“. Doch er erklärt: „Bernstorffs haben über 300 Jahre deutsche und europäische Politik betrieben.“ Beweise dafür würden sich noch zahlreich finden — etwa die Bernstorffsgade, eine große Straße am Tivoli in Kopenhagen.

„Während Graf Bothmer nur für sich gewirtschaftet hat, hat Graf Bernstorff es für ganz Mecklenburg getan“, erzählt Redersborg weiter. So stiftete etwa Hedwig Maria von Bernstorff 1718 den barocken Altar der Kirche zu Börzow. An vielen weiteren Gebäuden der einstigen Grafschaft prangt noch heute das Wappenmedaillon, welches an Arthur Graf von Bernstorff erinnert. „Sogar im Schweriner Dom lässt es sich finden“, berichtet Redersborg begeistert. Denn Arthur Friedrich Carl Graf von Bernstorf stiftete 327000 Mark, mit denen der Bau eines hohen Domturmes in den Jahren 1889 bis 1893 finanziert werden konnte. „Seitdem stellt der Schweriner Dom mit seiner Turmhöhe von 117 Metern die höchste Kirche Mecklenburgs dar“, weiß der Hobbyhistoriker. Architekt des Turms war übrigens Georg Daniel, der auch für das Mecklenburgische Staatstheater in Schwerin verantwortlich war — und der Baumeister des Schlosses Bernstorf ist.

Jenes war und ist bereits das dritte Herrenhaus am Ort. Das erste stand 1613, das zweite folgte 1795. Der rote Backsteinbau mit hellen Dekoren und Türmchen, der bis heute überlebt hat, wurde 1879 bis 1882 im Stil der Neo-Renaissance erbaut. Seither gilt er im Volksmund als Schloss. Als Bausumme war übrigens, wie aus der Deutschen Bauzeitung vom 14. März 1885 hervorgeht, ein Maximalbetrag von 130000 Mark vorgesehen, sprich, nur ein Drittel der Kosten des Schweriner Domturms.

Bis zum Ende — 1945 — blieb die Familie ihrem gleichnamigen Gut treu, auch wenn der mecklenburgische Stammsitz in Wedendorf war. „Als die Russen kamen, mussten die Grafen raus aus dem Schloss. Als einer der wenigen blieb der Graf trotzdem im Dorf“, weiß er.

Später zu DDR-Zeiten wurde das Herrenhaus, wie viele weitere, für öffentliche Zwecke genutzt — etwa als Kindergarten, Poststelle und eben auch als Schule, in der Redersborg unterrichtete. 1990 wurde es an privat verkauft — und damit sich selbst überlassen. Investitionen blieben aus, im Gegensatz zu Vandalismus und Verfall.

Bis der Hamburger Unternehmer Wolfgang Röhr es entdeckte und wiedererweckte. Er verwandelte das Haus in ein Hospiz mit 16 Zimmern plus weitere sieben Appartements für Gäste. Knapp 40 Mitarbeiter kümmern sich heute um Verwaltung, Haus und das Wohl der Gäste. Eine von ihnen ist Marie-Luise Blechschmidt. Die 74-Jährige aus der Lüneburger Heide suchte nach ihrer Krebsdiagnose einen Ort für ihren letzten Lebensabschnitt. „Ich habe mir viele Orte angeguckt, alle waren sehr steril. Aber hier hatte ich ein gutes Gefühl. Hier kann ich bleiben“, sagt sie ruhig. Außerdem habe ihr das Zimmer genügend Platz geboten, ihre eigenen Sachen, ein kleines Stück Zuhause mitzunehmen. „Das war mir sehr wichtig“, sagt die todkranke Frau, die die Tage mit den anderen Bewohnern genießt — ob beim Basteln, Singen oder Spielen. Das einzige, was ihr hier fehlt ist ein Weg zum Spazieren, gesteht sie. „Man kann mit dem Rollator nur die Straße rauf und runter.“ Das soll sich ändern, denn das Hospiz sammelt Spenden für die Reaktivierung des Parks mit Spazierwegen — den sogenannten „Garten der Lebensfreude“ (LN berichtete).

„Mit dem Hospiz entwickelt sich auch das Dorf wieder“, sagt Eckart Redersborg, der sich freut, dass Röhr das Haus davor bewahrte „ein Trümmerhaufen“ zu werden. Auch Annabelle Gräfin von Bernstorff sagt erleichtert: „Wir sind froh, dass das Schloss heute wieder so dasteht.“ Denn auch wenn das Schloss nicht mehr ihr Zuhause ist, Bernstorf ist die Heimat der Familie und dorthin kehrte sie zurück.

Heute wohnt die Familie — die Eltern mit sechs Kindern — nebenan, wo sie Landwirtschaft betreibt.

Anne Kubik

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