Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Horroreltern vor Gericht: „Papa war böse“

Schwerin/Grevesmühlen Horroreltern vor Gericht: „Papa war böse“

Zwei Grevesmühlener sind wegen Kindesmisshandlung angeklagt.

Voriger Artikel
Dassower Kuh-Drama mit Happy End
Nächster Artikel
„Die Schulmensa ist auch ein Lernort“

Rechtsanwalt Matthias Wulf (links) mit Ronny B. sowie Rechtsanwalt Matthias Landmann, der Nicole B. vertritt. Den Angeklagten drohen Haftstrafen von mehr als zwei Jahren.

Quelle: Fotos: Michael Prochnow / Cornelus Kettler

Schwerin/Grevesmühlen. Es ist eine Geschichte, die sprachlos macht: Seit gestern müssen sich der 32-jährige Ronny B. und seine Ehefrau Nicole B. (36) aus Grevesmühlen vor dem Schweriner Landgericht verantworten. Sie sollen von Ende 2015 bis Mai 2016 den damals dreieinhalbjährigen Sohn des Fernfahrers schwer misshandelt haben. Die Nebenklage spricht sogar von Folter.

 

LN-Bild

Bei einer geständigen Einlassung wird die Haftstrafe zwischen zwei Jahren und drei Monaten sowie drei Jahren und drei Monaten liegen.Richter Armin Lessel

So soll die 36-jährige Angeklagte den Jungen stundenlang nackt in der Badewanne mit kaltem Wasser übergossen haben, das Kind musste in einem von Kot und Urin durchtränktem Bett schlafen, ein anderes Mal soll die Angeklagte den Jungen mit dem Kopf in die mit Fäkalien verstopfte Toilette gedrückt haben. Schläge seien an der Tagesordnung gewesen. Im Frühjahr 2016 habe der Junge schließlich die Nahrungsaufnahme verweigert, Ronny und Nicole B. kümmerten sich dennoch nicht um das Kind, das immer mehr abmagerte. Es hatte Ende 2015 knapp 13 Kilogramm gewogen. Als im Mai 2016 das Jugendamt die Einweisung ins Wismarer Klinikum anordnete, brachte es noch knapp zehn Kilogramm auf die Waage. Der Junge war zudem völlig dehydriert und mit Hämatomen übersät. Als Grund für die Torturen nannten die Angeklagten im Rahmen der Ermittlungen das angeblich aggressive Verhalten des Jungen. Das Kind lebte ursprünglich bei der leiblichen Mutter, mit der Ronny B. nur wenige Monate im Jahr 2012 zusammen war, später in einer Wohngruppe in Schwerin. Ende 2015 erhielt der Vater, der mit seiner jetzigen Ehefrau in Grevesmühlen lebt, das sogenannte Mitsorgerecht.

Wie aus den Ermittlungsakten hervorgeht, lehnte der Junge die neue Umgebung jedoch ab. Innerhalb weniger Wochen verwandelte sich der aufgeweckte Junge, wie die Betreuer der Schweriner Wohngruppe ihn beschrieben, in ein verängstigtes Kind. Laut Anklageschrift hätten die Angeklagten den Jungen irgendwann nur noch als Objekt gesehen. Mehrere Schriftwechsel, unter anderem per Whatsapp, zwischen dem 32-Jährigen und seiner Ehefrau liegen dem Gericht vor, in denen die Angeklagte detailliert die Torturen beschreibt, die der Dreieinhalbjährige erleiden musste. Die Antwort des Vaters: Das habe er nicht anders verdient.

Zum gestrigen Prozessauftakt hatten die Angeklagten noch durch ihre Anwälte erklären lassen, dass sie nicht aussagen würden. Nach einem Gespräch zwischen den Verteidigern und dem Vorsitzenden Richter Armin Lessel dann die Wende. Wie Lessel erklärte, habe man sich darauf geeinigt, dass die Angeklagten bei einer geständigen Einlassung mit Haftstrafen zwischen zwei Jahren, drei Monaten und drei Jahren, drei Monaten rechnen könnten. Dieses Strafmaß kann nicht zur Bewährung ausgesetzt werden.

Der Junge selbst muss voraussichtlich nicht vor Gericht aussagen, gestern wurde ein Video gezeigt, in dem er im Sommer 2016 einer Gutachterin die Misshandlungen beschreibt. Eine Stunde lang ist dort ein kleiner blonder Junge zu sehen, der sichtliche Probleme hat, das Erlebte zu beschreiben. Immer wieder berichtet das Kind davon, dass es an verschiedenen Stellen „Aua“ gehabt habe. Und: „Papa war böse“, lautet ein Satz aus dem Video aus dem Mund des Jungen. Er sagt dort unter anderem aus, wie sein Vater ihn gegen den Kopf und den Hals geschlagen habe.

Die Nebenklage fordert Schmerzensgeld für den Jungen, hier geht es um eine Summe von mindestens 10000 Euro. Allerdings ist das angesichts des Zustandes des heute vier Jahre alten Opfers nur ein symbolischer Betrag. Wie ein Gutachten ergab, habe das Kind durch die massive physische und psychische Gewalt erhebliche Schäden erlitten, die teilweise vermutlich ein Leben lang anhalten werden. So sei der Junge entwicklungsverzögert.

Ans Tageslicht gekommen war der Fall, weil die Großmutter des Jungen Anfang 2016 das Sorgerecht beantragt hatte, weil sie Angst um das Kind hatte. Daraufhin hatte das Jugendamt die Familie vorgeladen, angesichts des dramatischen Zustandes des Dreieinhalbjährigen im Mai 2016 war das Kind sofort ins Klinikum eingeliefert worden. Anschließend waren die Ermittlungen gegen Ronny und Nicole B. angelaufen. Auch das Jugendamt des Landkreises war in die Kritik geraten. Nach Aussage der Behörde sei im Februar 2016 ein Sozialarbeiter in der Familie gewesen. Der habe keine Auffälligkeiten beobachten können. Der Prozess wird Montag fortgesetzt.

Ein anonymer Brief und Prüfbericht über die Arbeit im Jugendamt

Öffentlich geworden war der Fall des misshandelten dreijährigen Jungen im Mai 2016 in Grevesmühlen durch einen anonymen Brief, der eklatante Mängel in der Personalausstattung des Jugendamtes des Landkreises anprangerte.

Landrätin Kerstin Weiss (SPD) stellte sich damals vor ihre Mitarbeiter und betonte, es seien von Seiten der Behörde keine Fehler gemacht worden. Tatsache ist, dass Ronny B. im Februar selbst Hilfe beim Jugendamt suchte, da er mit seinem Sohn nicht zurecht kam. Der Besuch eines Sozialarbeiters am 22. Februar 2016 soll keinen dringenden Handlungsbedarf ergeben haben. Der Kreistag entschied sich dennoch dafür, eine unabhängige Firma zu beauftragen, die Vorgänge im Jugendamt zu untersuchen. Der 48 Seiten umfassende Prüfbericht liegt seit einigen Wochen vor.

Mängel in der Arbeitsorganisation, Überlastung und Personalnot - so dokumentiert der Bericht der externen Beratungsfirma die Arbeit im Sozialpädagogischen Dienst des Landkreises Nordwestmecklenburg. Die Beraterfirma Start gGmbH hatte für die Analyse zehn Fallakten nach dem Zufallsprinzip herausgesucht und sieben Mitarbeiter des Sozialpädagogischen Dienstes anonym befragt.

Die monieren unter anderem Arbeitsüberlastung infolge aufwendiger Aktendokumentation, fehlende Handlungsvorgaben vonseiten der Leitungsebene, fehlende Rückmeldung zur eigenen Arbeit, unzureichende Regeln in der Zusammenarbeit der verschiedenen Bereiche des Jugendamtes in Bezug auf Hilfeplanung und Kinderschutz.

Auf die Frage, ob regelmäßig Arbeit liegen bleibe, die eigentlich erledigt werden müsste, antworteten alle sieben Mitarbeiter mit „Ja“. Die Gründe: Personalmangel, zu wenig Zeit sowie Krankheits- und Stellenvertretung bei gleichzeitig hohem Fallaufkommen und komplexer Materie. nb

Michael Prochnow

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nordwestmecklenburg
Reporter vor Ort

In einer fortlaufenden Galerie zeigen wir Ihnen jeden Tag die wichtigsten Bilder aus Lübeck und den umliegenden Kreisen. Klicken Sie hier, um die Galerie für den November 2017 zu sehen!

Sollte die Direktwahl von Bürgermeistern abgeschafft werden?

  • Hochzeitszauber
    Tipps und Tricks zum Planen und Organisieren Ihrer Hochzeit. Ob Location, Dekoration, Trauringe, Flitterwochen, Catering - hier finden Sie Informationen und kompetente Ansprechpartner in und um Lübeck für Ihre Traumhochzeit.

    Tipps und Tricks zum Planen und Organisieren Ihrer Hochzeit. Ob Location, Dekoration, Trauringe, Flitterwochen, Catering - hier finden Sie Informat... mehr

  • Reisetipps
    In unserem Reiseportal finden Sie viele Tipps & Tricks für Reisende und Urlauber.

    In unserem Reiseportal finden Sie viele Tipps & Tricks für Reisende und Urlauber. mehr

  • Events & Veranstaltungen
    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe.

    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe. mehr

  • Essen und Trinken
    Hier erfahren Sie alles rund um die Themen Essen und Trinken. Neue Rezepte und Tipps, worauf muss ich bei den Lebensmitteln achten, wo finde ich ausgefallene Restaurants und welcher Wein passt wozu.

    Hier erfahren Sie alles rund um die Themen Essen und Trinken. Neue Rezepte und Tipps, worauf muss ich bei den Lebensmitteln achten, wo finde ich au... mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Termine

Ausstellungen, Theater, Konzerte und mehr in Lübeck und Umgebung.