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Nordwestmecklenburg „Ich bin keine Igelmutter“
Lokales Nordwestmecklenburg „Ich bin keine Igelmutter“
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20:42 27.12.2017
Überwinterungskiste mit Deckel für Igel im Freien. Mit einem kleinen Gang, damit keine Raubtiere hinein- können – und einem Gitter gegen Mäuse.
Jammersdorf

Das Wort „Igelmutter“ mag Jutta Schlawin aus Jammersdorf überhaupt nicht. „Ich bin keine Igelmutter. Das klingt leicht schrullig. So, als würde es beim Igelschutz nicht um etwas sehr Ernsthaftes gehen.“ Mehr als ernst sei die Lage der Igel, erzählt sie. Immer wieder hört Jutta Schlawin Sätze wie: Man solle doch nicht so ein Gedöns, nun auch noch um die Igel, machen. Natürliche Auslese eben.

Jutta Schlawin aus Jammersdorf engagiert sich im Tierschutz.

Aber genau das stimme eben schon lange nicht mehr, sagt die engagierte Tierschützerin, die sich in ihrer Auffangstation in  Jammersdorf seit zehn Jahren um verwaiste und verletzte Igel kümmert. Igel gehören zu den besonders geschützten Arten. „Die Igel können sich nicht mehr selbst helfen.“ So sieht das auch der Naturschutzbund MV (Nabu MV), der auf seiner Webseite auf das aufmerksam macht, was dem Igel das Leben zunehmend schwer macht: „Straßen zerschneiden seinen Lebensraum, aufgeräumte Landschaften bieten ihm keinen Unterschlupf und die intensive Landwirtschaft lässt keinen Raum für seine Nahrungstiere und seine Verstecke.“

Auffangstation für verletzte und verwaiste Igel

Dass sich der Zustand der Igelpopulation in Nordwestmecklenburg in den letzten Jahren drastisch verschlechtert hat, bemerken Frau Schlawin und andere Auffangstationen an den verletzten und geschwächten Tieren, die ihr aus der Region und sogar von weiter her gebracht werden. „Früher konnte ich mir Zeit nehmen, den Kot tierärztlich untersuchen zu lassen, um zu schauen, ob die Igel von was für welchen Parasiten befallen sind. Die Zeit habe ich jetzt nicht mehr. Sie bekommen sofort eine Kur.“ Immer mehr Igel seien stark untergewichtig, mit einem durch Parasiten und Nahrungsmangel deutlich geschwächten Immunsystem. Und immer mehr gewinnen den Kampf um ihr Leben, trotz menschlicher Fürsorge, nicht. Die Familie von Jutta Schlawin unterstützt sie in ihrem Anliegen. Igelstationen in Mecklenburg-Vorpommern müssen sich selbst finanzieren. Im Durchschnitt kostet ein kranker Igel pro Tag circa 2,50 Euro (Unterkunft, Futter, Medikamente und Tierarztkosten). Jutta Schlawins Mann ist Geschäftsführer einer Klima- und Lüftungsanlagenbau-Firma. In seiner Freizeit tut auch er, was er kann, um den Igeln zu helfen. Davon zeugen unter anderem die von ihm gebauten Überwinterungskästen für die Igel, die auf dem Land der Familie, gut durch Bäume und Sträucher geschützt, stehen, ebenso wie der umgebaute ehemalige Bauwagen, in dem es viele Käfige für all die Igel gibt, die krank sind und aufgepäppelt werden müssen, damit sie überhaupt in den Winterschlaf gehen können. „Ein Igel verliert im Winterschlaf um die 30 Prozent seines Gewichts“, erklärt Jutta Schlawin.

Immer wieder kommen in Jammersdorf Kindergartengruppen und Grundschulklassen vorbei, um sich über die Igel zu informieren. Darüber freut sich Jutta Schlawin, die gern solche Anfragen annimmt. In diesem Jahr hat die Jammersdorferin bisher 74 Igel aufgenommen, davon alleine 14 Igelbabys, die aufwendig mit Pipette und Spezialmilch gefüttert werden müssen.

Nicht nur die Kinder staunen, wenn sie ihnen erzählt, dass Igel keine Äpfel oder Birnen fressen. Fast jeder kennt das Bild des Igels mit dem Apfel auf den Stacheln. „Igel fressen kein Obst, dazu ist ihr Verdauungstrakt viel zu kurz.“ Wenn ein Igel sich tatsächlich mal an einem Apfel zu schaffen machen sollte, dann, weil er ein Insekt darauf oder darin frisst.“ Auch das mit den Flöhen, die vom Igel auf Menschen überspringen, ist so eine Geschichte. „Sicher, sie haben ein oder zwei Flöhe, und geschwächte Tiere mehr. Ich behandle sie auch deshalb“, sagt Jutta Schlawin: „ Aber eher, damit sie von Parasiten frei sind und sich erholen können.“ Igelflöhe, sagt sie noch, gehen in der Regel nicht auf Menschen über.

Igel fressen also kein Obst – sie fressen Insekten, Käfer und Käferlarven, Spinnen, Asseln, Schnecken, auch Regenwürmer. Schnecken und Regenwürmer allerdings sind Zwischenwirte von bestimmten Parasiten. In der Igelauffangstation bekommen die Tiere Katzennass- und -trockenfutter, ungewürztes Rührei, abgekochte Eier – manchmal auch angedünstetes, ungewürztes Rinderhack.

Nach den Osterfeuern wieder in die Natur

Haben die Igel den Winterschlaf überstanden und sich ihr Einschlaf-Gewicht wieder angefuttert, kehren sie in die Natur zurück. „Erst nach den Osterfeuern, weil sie sich auch im Frühling oft Unterschlupf in den Reisighaufen suchen. Und immer dorthin, woher sie kommen“, sagt Jutta Schlawin. Sie notiert sich, wer Igel zu ihr bringt, woher er kommt. Igel merken sich gewohnte Standorte. Nur wenn es gar nicht möglich ist, sie dort auszusetzen, woher sie kommen, werden andere geeignete Stellen in der Natur gesucht.

 

Info: Kontakt zu Jutta Schlawin

über das Tierheim Dorf Mecklenburg.

Wer für die Igel spenden möchte:

Betreff: Igel / Tierheim Dorf

Mecklenburg, Sparkasse Mecklenburg-Nordwest

IBAN: DE71 1405 1000 1200 0003 54, BIC: NOLADE21WIS

Was Sie tun könnten, um Igel zu schützen

Verzicht auf englischen Rasen und kleinmaschige Zäune.

Nie Reisighaufen abbrennen, ohne vorher vorsichtig umzusetzen.

Vorsicht beim Mähen, Aufräumungs- und Rodungsarbeiten: In Haufen – auch Kompost – und Holzstapeln sind oft Igelnester.

Kellerschächte und Gruben abdecken.

Baugruben, Kabel- und ähnliche Gräben (auch an Straßen) auf hineingefallene Igel kontrollieren. Falls vorhanden, aus der misslichen Lage befreien.

Igelleitern für Teiche und an Wasserbecken mit steilem, glattem Rand anbringen, damit sie sich selbst retten können.

Keine Schlagfallen aufstellen, keine Vogel-Schutznetze am oder bis zum Boden.

Kein Chemieeinsatz im Garten. Bei Schädlingsbekämpfung umweltverträgliche Alternativen ausschöpfen.

Verzicht auf Laubsauger. Im kompostierten Laub entwickelt sich die zukünftige Nahrungsquelle für die Stachelritter – kleine Igel und anderes Kleingetier werden oft mit aufgesaugt.

Fußballtore für Kinder regelmäßig kontrollieren. Laub, das sich darin verfängt, macht den Igel fast unsichtbar.

Netze können zur tödlichen Falle werden.

Wertstoffsäcke erst kurz vor der Abholzeit an die Straße stellen. Igel klettern in die Säcke und lecken Dosen und Becher aus, weil sie Hunger haben.

Keine Milch für Igel!

Annett Meinke

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