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Nordwestmecklenburg „Ich war viel zu jung, um das zu verstehen“
Lokales Nordwestmecklenburg „Ich war viel zu jung, um das zu verstehen“
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20:48 21.04.2017
Die „Cap Arcona“-Gedenkstätte in Grevesmühlen: Im Jahr 1955 sind die Toten des Schiffsunglücks von Groß Schwansee hierher umgebettet worden. Das Ehrenmal auf dem Tannenberg wurde später errichtet. Dieses wurde die zentrale Erinnerungsstätte innerhalb der DDR. Quelle: Foto: Michael Prochnow

An einen „wunderschönen, sonnigen Tag“ erinnert sich Jochen Ewald zurück. Der damals neun Jahre alte Junge ist am 3. Mai 1945 alleine auf der Brooker Höhe unterwegs. Er spielt. Dabei ist es um ihn herum so ruhig, dass er die Insekten im Gras summen hören kann. Und er beobachtet. Von der Erhebung aus kann er in einigen Kilometern Entfernung Schiffe auf der Ostsee liegen sehen. Alles wirkt wie ein friedlicher Frühlingstag.

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Jochen Ewald beobachtete als Neunjähriger den britischen Fliegerangriff auf die „Cap Arcona“.

Doch die scheinbare Idylle wird abrupt zerstört. Fliegergeräusche unterbrechen die Stille. Ewald blickt zum Himmel und sieht, wie mehrere Flugzeuge über der Lübecker Bucht einschweben.

Sie eröffnen das Feuer auf die Schiffe, greifen in mehreren Wellen an. Auch in der Luft gibt es Detonationen. Flak-Geschütze zielen auf die Flieger, die plötzlich abdrehen und auf den jungen Ewald zukommen. Er steht in einem Buchenwald. Der Bursche bekommt es mit der Angst zu tun. „Mir wurde mulmig. Da bin ich abgehauen, nach Hause gelaufen. Wenig später konnte man laute Explosionen aus der Entfernung hören“, schildert Ewald.

Die Bilder begleiten den heute 81-Jährigen sein ganz Leben lang. Dass er Augenzeuge einer der schwersten Schiffstragödien aller Zeiten geworden war, konnte er damals nicht ahnen. Eines der Schiffe, die er beobachtet hatte, war die „Cap Arcona“. „Dass dort KZ-Häftlinge untergebracht worden waren, war uns nicht bekannt. Bewegungen an Deck konnte ich damals nicht beobachten“, erzählt Ewald. Das Schiff war eines von mehreren Zielen, die am 3. Mai 1945 von der britischen Luftwaffe in der Kieler und Lübecker Bucht versenkt wurden. 7000 Menschen, die meisten KZ-Häftlinge, kamen dabei ums Leben. Die Briten hatten angenommen, dass es sich um Truppentransporte handele. Die SS hatte diese Fehleinschätzung in Kauf genommen. Besondere Kennzeichnungen gab es nicht. Stattdessen war die „Cap Arcona“ marinegrau gefärbt.

„Ich war damals viel zu jung, um das zu verstehen“, meint Ewald rückblickend. Überhaupt dauerte es, bis die Leute durch Dokumentationen erfahren haben, was in der Lübecker Bucht passiert war. „Durch die vielen Ereignisse in den letzten Kriegstagen sind die Beobachtungen in den Hintergrund geraten. Wir waren mit uns selbst beschäftigt. Aber ich habe die Bilder nie vergessen“, erklärt Ewald, der heute mit seiner Frau in Warnkenhagen lebt.

Nur wenige Tage nach dem Fliegerangriff macht der neunjährige Ewald eine weitere grausame Entdeckung. Wieder war es ein sonniger Mai-Tag. Nachmittags ist er – wie so häufig als Kind – am Brooker Strand unterwegs, als er eine Leiche findet. „Es war ein Mann. Er lag auf dem Bauch und hatte eine dunkle Hose an. Er rührte sich nicht, nur das Wasser bewegte ihn“, beschreibt Ewald die Entdeckung.

Er läuft daraufhin verängstigt zurück ins Dorf, gibt seinem Onkel Bescheid. Sein Vater befindet sich zu dieser Zeit noch im Krieg. „Mein Onkel wollte es erst nicht glauben, hat mich begleitet und sich den Toten angesehen“, erzählt Ewald. An einem Arm der Leiche finden sie eine eintätowierte Nummer – ein Kennzeichen eines KZ-Häftlings. Und sein Onkel ist sich angesichts des Zustands des Toten sicher: Dieser Mann ist nicht ertrunken, er wurde erschossen – wie viele andere, die nach der Versenkung der „Cap Arcona“ in der Ostsee um ihr Leben kämpften.

Der angespülte Leichnam war einer der ersten, die nach der Schiffstragödie an den Stränden Nordwestmecklenburgs gefunden wurden. Auch in Groß Schwansee, Warnkenhagen oder auf der Insel Poel landeten die Toten. An allen Orten wird regelmäßig der Opfer gedacht.

So auch heute, wenn Jochen Ewald im Kulturhaus in Warnkenhagen aus seinen niedergeschriebenen Erinnerungen vorträgt. „Das Gedenken an dieses Kriegsverbrechen ist eine wichtige, auch politische Angelegenheit, um die Wahrheit zu erhalten“, mahnt er. Die Ausgangsschuld für die Ereignisse vom 3. Mai 1945 sei eine deutsche, der Ursprung des Übels das System des Nationalsozialismus. Heute werde jedoch immer mehr versucht, die Geschichte zu verfälschen. Deshalb setze er sich seit einigen Jahren aktiv in der Gedenkarbeit ein. Und Ewald hält es mit der Aussage von Landesrabbiner William Wolff:

„Das Vergessen ist die letzte Grausamkeit, die wir den Toten antun können.“

Gedenkveranstaltung in Warnkenhagen

Heute Nachmittag um 15.30 Uhr findet im Kulturhaus Warnkenhagen eine Gedenkveranstaltung zur Schiffstragödie um die „Cap Arcona“ statt. Organisiert wird sie von der Gemeinde Kalkhorst. Der Warnkenhagener Jochen Ewald wird dabei in einem rund 40-minütigen Vortrag über seine Erinnerungen an den 3. Mai 1945 berichten. Er wird auch schildern, wie er als Junge eine der ersten angespülten Leichen am Strand entdeckte und wie er die Wirren der letzten Kriegstage erlebte. Eintritt: frei.

 Daniel Heidmann

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