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Immer mehr Menschen geraten in die roten Zahlen

Wismar/Gadebusch Immer mehr Menschen geraten in die roten Zahlen

Das Geld ist schneller vom Konto weg, als neues überwiesen wird. Für hunderte Menschen in Nordwestmecklenburg ist das Alltag.

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Den Überblick verloren: Vielen Nordwestmecklenburgern wachsen ihre Schulden über den Kopf.

Quelle: OZ

Wismar/Gadebusch. Das Geld ist schneller vom Konto weg, als neues überwiesen wird. Für hunderte Menschen in Nordwestmecklenburg ist das Alltag. Im vergangenen Jahr wandten sich 365 Frauen und Männer erstmals an die Schuldnerberatungsstellen in Wismar und Gadebusch, die das Diakoniewerk unterhält. 181 Ratsuchende wurden in ein dauerhaftes Betreuungsverhältnis übernommen. „Im Vergleich zu 2013 ist die Zahl nur um zwei Betreuungsfälle gestiegen“, sagt Sylvia Entelmann, Leiterin der Schuldnerberatung Gadebusch. Die erfassten Schulden hätten sich gegenüber dem Vorjahr jedoch verdoppelt und würden insgesamt bei mehr als 3,5 Millionen Euro liegen (1,78 Millionen Euro waren es 2014).

LN-Bild

Das Geld ist schneller vom Konto weg, als neues überwiesen wird. Für hunderte Menschen in Nordwestmecklenburg ist das Alltag.

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Von jetzt an werde ich nur so viel ausgeben, wie ich einnehme, selbst wenn ich mir dafür Geld borgen muss.“Mark Twain (1835-1910),

Amerikanischer Schriftsteller

Es gibt viele Gründe, warum Menschen zu Schuldnern werden. Bei Arbeitslosigkeit, Krankheit, Trennung, dem Wegfall eines Einkommens oder der Finanzierung einer Immobilie könne das so schön durchkalkulierte Finanzgebäude ganz schnell ins Wanken geraten, erklärt Sylvia Entelmann. „Bei unseren Klienten stehen in der Regel sehr harte Schicksale dahinter, an denen auch ganze Familien zerbrechen können.“

Auffällig sei mittlerweile eine extreme Zunahme bei der Zahl der Gläubiger, haben die Schuldnerberaterin aus Gadebusch und ihre Kollegin aus Wismar, Sabrina Bockholdt, festgestellt. „Typische Gläubiger sind nicht mehr das Versandhaus oder der Mobilfunkanbieter“, sagt Sylvia Entelmann. Vielmehr seien die Hauptgläubiger Banken, die scheinbar günstige Kredite anbieten — „und oft gleich eine teure Versicherung dazu“, sagen die Beraterinnen übereinstimmend. Verbraucher würden sich dennoch darauf einlassen. Oft, um andere Löcher zu stopfen, die beispielsweise durch den Kauf eines Autos oder einer Wohnungseinrichtung entstanden sind. Quasi nach dem Motto von Mark Twain: „Von jetzt an werde ich nur so viel ausgeben, wie ich einnehme, selbst wenn ich mir dafür Geld borgen muss.“

Diese Konsumkredite hätten zudem den Nachteil, dass sie teuer seien. „Die Zinsen liegen oft im zweistelligen Bereich“, erklärt Sabrina Bockholdt. Außerdem habe der Kreditnehmer, anders bei Hypotheken für Immobilien, nichts von Gegenwert, das sich wieder verkaufen lasse.

Besonders auffällig sei der Anstieg der Überschuldungen bei Menschen zwischen 65 und 70 Jahre. „Diese Altersgruppe ist mittlerweile stärker betroffen, als andere“, sagt Sylvia Entelmann. Durch das sinkende Rentenniveau könne der gewohnte Lebensstandard nicht gehalten werden. Ihn zu verändern falle aber schwer, die Senioren geraten in die Altersarmut.

„Den meisten Verbrauchern ist es peinlich, über ihre Schulden zu sprechen“, beschreibt Sylvia Entelmann ihre Beobachtungen. Vor allem ältere Menschen würden aus Scham schweigen. „Gerade aber die Verdrängung der tiefroten Zahlen macht den desolaten Zustand noch schlimmer“, ergänzt Sabrina Bockholdt. Überhaupt würden sich viele erst melden, wenn es schon zu spät sei, wenn sie alle privaten Geldreserven ausgeschöpft hätten und nicht mehr weiter wüssten, sagt Sylvia Entelmann. „Die Menschen quälen sich sehr, sehr lange, bis sie zu uns kommen. Besser sei es, die Beratungsstellen sofort aufzusuchen, wenn das Konto zeigt: die Einnahmen decken die monatlichen Ausgaben nicht mehr. Dann lasse sich oft noch gegensteuern.

Wenn die Zahlen aber schon tiefrot sind, bleibt meist nur der Weg in die Verbraucher- oder Privatinsolvenz. Im vergangenen Jahr hat die Schuldnerberatung des Diakoniewerks in 96 Fällen außergerichtliche Einigungsversuche bei Schuldner und Gläubiger unternommen. „Aber nur in neun Fällen konnten wir die Insolvenz noch abwenden“, erklärt die Beraterin aus Gadebusch. 77 Mal wurden Anträge auf die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt. Insgesamt gab es 993 Forderungen, fast dreimal so viele zwei Jahre zuvor.

Der Bedarf an Beratung steigt und mit ihm die Wartezeiten auf einen Termin. In Wismar mussten Frauen und Männer im vergangenen Jahr durchschnittlich vier Monate auf eine Erstberatung warten, in Gadebusch waren es sechs bis acht Wochen. „Anders sieht es bei Kriseninterventionen aus, wenn zum Beispiel eine Wohnung fristlos gekündigt, Strom, Heizung oder Wasser wegen nicht gezahlter Rechnungen abgestellt wurde, dann müssen wir innerhalb von drei Tagen einen Termin finden“, sagt Sylvia Entelmann.

Um den Termindruck etwas zu lockern, wollen die Beratungsstellen in Gadebusch und Wismar regelmäßig Informationstage durchführen. „Wir hoffen, dass wir im Mai damit beginnen können“, verrät Sabrina Bockholdt. Die Informationstage ersetzen zwar keine ausführliche Beratung, aber die Besucher erfahren, wie so ein Verfahren abläuft, welche Unterlagen benötigt werden und wie sie am besten sortiert sein sollten. „Wir wollen den Leuten wenigstens ein bisschen Handwerkszeug mitgeben, damit sie aktiv werden und sich in einem ersten Schritt selbst helfen können“, erklärt Sylvia Entelmann.

Schuldnerberatung seit 25 Jahren

Gezielte Schuldnerberatung gibt es in Deutschland seit dem Ende der 1970er-Jahre.

Seit 25 Jahren bestehen die Beratungsstellen in Wismar und Gadebusch in Trägerschaft des Diakoniewerks im nördlichen Mecklenburg. In Grevesmühlen führt der Arbeitslosenverband (ALV) die Schuldnerberatung durch.

Die Schuldnerberatungsstellen von ALV und Diakonie werden über öffentliche Gelder finanziert. Daher können die Beratungen — egal ob Kurzberatungen oder längere Betreuung — dort kostenlos durchgeführt werden.

Mietschulden machen einen großen Teil der Beratungen aus — und es werden mehr. 2013 gab es in Wismar und Gadebusch 79 Fälle, 2015 waren es 100. Dabei ist die durchschnittliche Forderung fast gleich geblieben, 2800 zu 2850 Euro.

Schuldner gehören keiner bestimmten Altersgruppe an. „Unsere Klienten sind Menschen im Alter von 18 bis 70 Jahren und das soziale Spektrum reicht vom Analphabeten bis zum Doktor“, sagt Sylvia Entelmann, Leiterin in Gadebusch.

Adressen:

• Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatungsstelle Wismar: Frische Grube 2, 23966 Wismar, Telefon 03841/206064, Fax: 03841/285210, Mail:

sabrina.bockholdt@diakoniewerk-gvm.de

• Schuldnerberatung Grevesmühlen: Wismarsche Straße 5, 23936 Grevesmühlen, Telefon 03881/716304, Mail: Schuldnerberatung-GVM@gmx.de

• Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatungsstelle Gadebusch: Mühlenstraße 26, 19205 Gadebusch, Telefon: 03886/712735, Fax: 03886/715813, Mail:

sylvia.entelmann@diakoniewerk-gvm.de

Von Sylvia Kartheuser

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