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„Ja, ich hätte damals auf Flüchtlinge geschossen“

Schlagsdorf „Ja, ich hätte damals auf Flüchtlinge geschossen“

Wolfgang Kniep war Grenzsoldat und gibt in seinem Buch „Der Eid“ einen Einblick in seine Gefühlswelt. Seine Lesung im Grenzhus in Schlagsdorf fand großen Anklang.

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Wolfgang Kniep (l.) las im Grenzhus in Schlagsdorf aus seinem Buch „Der Eid“ — und fand viele Zuhörer.

Quelle: Fotos: Steffen Oldörp

Schlagsdorf. Eigentlich sollte sein Buch „Der Eid“ ganz anders heißen, sagt Autor Wolfgang Kniep. „Ich hätte geschossen“ wäre aus Sicht des zweifachen Familienvaters passender gewesen. Doch das war dem Verlag zu ehrlich, erzählt Kniep, der sich einen Namen als freischaffender Liedermacher und plattdeutscher Autor gemacht hat und 2011 den begehrten Johannes Gillhoff-Preis verliehen bekam. Nun las er im Grenzhus in Schlagsdorf aus seinem Buch und gab einen Einblick in seine Gefühlswelt als junger Mann an der Grenze.

Anfang der 1970er Jahre war er einer von rund 600000 Grenzsoldaten, die für die DDR 38 Jahre lang die innerdeutsche Grenze bewacht hatten — und auf DDR-Flüchtlinge geschossen hätten. Als Kniep 1972 eingezogen wird, ist er verheiratet, hat eine kleine Tochter und arbeitet als Lehrer. Nach der dritten Musterung muss er zu den Grenztruppen. „Egal“, liest er aus seinem Buch. „Aussuchen kann man es sich eh nicht. Und wie man hört, soll die Verpflegung dort besser sein als bei anderen Waffengattungen.“ Die ersten sechs Monate absolviert Kniep in Glöwen (Brandenburg). Grundausbildung. Hier schwört er den Fahneneid, verspricht, sein Land, die DDR — den Arbeiter- und Bauernstaat — gegen jeden Feind zu beschützen.

Mit Schießübungen und Politikunterricht werden Kniep und die anderen Soldaten auf ihre Zeit an der Grenze vorbereitet. Hier werden ihnen Bilder von den Feinden des Staates gezeigt. Es sind Fotos von DDR-Bürgern, von Flüchtlingen, also jenen Menschen, mit denen sie es an der Grenze eventuell zu tun haben werden. Ausschließlich Männer. „Rein optisch sind das schon miese Typen“, schreibt Kniep in seinem Buch. Auch die Waffen, die man den „Grenzverletzern“ abgenommen hatte, wurden Kniep und Co. präsentiert. Kurze und lange Messer, Eisenstangen, Beile, sogar Schusswaffen. Für ihn steht damals fest: „Diese Waffen werden mich töten, wenn ich nicht schnell genug bin.“ In seinem Buch stellt er sich die quälende Frage: „Was wird dann aus meiner Familie?“ Aus seiner Frau und seiner Tochter?

Auch die Bilder von den „verletzten und getöteten Grenzsoldaten, die ihren Auftrag nicht oder zu zögerlich ausgeführt hatten“, verfehlen ihre Wirkung bei dem damals 23-Jährigen nicht. „Alles Männer in meinem Alter.“ Kniep hat Angst, sagt er. „Angst und Wut auf solche Verbrecher.“

Nach seiner sechsmonatigen Grundausbildung in Glöwen muss Kniep von 1973 bis 1974 an die Grenze bei Lassan. Hier schiebt er Zwölf-Stunden-Schichten. Für seine junge Frau, die noch junge Liebe, war die Zeit als Grenzsoldat eine harte Probe. „Sie glauben nicht, was man alles tut, um mal seine Lieben zu sehen“, sagt Kniep. Sein Ziel als junger Soldat: „Möglichst exakt allen Befehlen zu folgen und ja nicht negativ aufzufallen.“ Seine Hauptmotivation, sagt er, war Urlaub. Als Grenzer bekam er nicht viel davon. Nur alle paar Monate war er zu Hause bei Frau und Tochter. Manchmal nur für ein Wochenende. „Also musste man sehen, dass man möglichst Sonderausgang bekommt.“ Und den gab es nur für vorbildliche Soldaten.

Kniep war ein guter Schütze, sagt er. Einen Fehlschuss auf einen Flüchtling hätte ihm damals niemand abgenommen. Und außerdem hätte er dadurch seinen langersehnten Ausgang oder Urlaub aufs Spiel gesetzt. „Ich bin der ziemlichen Überzeugung, dass ich nicht aus Gründen, Urlaub zu bekommen, auf Menschen geschossen hätte. Das kann ich wohl guten Gewissens sagen.“ Aber alles andere Er bricht den Satz ab. Er verlange nicht, sagte er zu den Zuhörern, dass man sich da „hineinversetzt, dass man das nachvollziehen kann oder gar entschuldigt.“ Kniep fühle sich nach wie vor schuldig, betont er.

„Nur, weil ich geschossen hätte.“ Heute, sagt der dreifache Großvater, ist er dem Schicksal „sehr, sehr dankbar, dass ich es nicht tun brauchte.“ Das habe damals aber nichts mit Überzeugung zu tun gehabt. „Nein, das war glücklicher Zufall.“ Denn einen Menschen zu töten und damit klarzukommen, weiß Kniep, ist nicht einfach. Einer seiner Zugführer, ein ausgezeichneter Schütze, habe auf einen Flüchtling geschossen, die Niere getroffen, sodass er an den Folgen starb. Mit der Last konnte der Schütze nicht leben, erzählt Kniep. „Er nahm sich nach der Wende das Leben.“

Kniep berichtet, dass die Leute immer zurückhaltend sind, wenn er sagt, dass er bei den Grenztruppen war. „Die Reaktion ist oft: Ach ja? Aber sie haben doch nicht geschossen, oder?“ Wenn Kniep mit Nein antwortet, löse sich jedes Mal die Anspannung. „Doch wenn ich ehrlich hinzufüge ,Aber ich hätte‘, ist das Gespräch oftmals beendet.“

Die wenigen, die ihm gelegentlich weiter zuhören, stellen ihm dann Fragen. „Viele interessieren sich für die Motive, die mich zu einer so schrecklichen Aussage bewegen“, sagt Kniep. Klar könne er der Konfrontation aus dem Weg gehen, „indem man anderen die Schuld gibt.“ Doch das will Wolfgang Kniep nicht. Er will ehrlich sein — zu sich selbst und zu anderen. Kniep sagt, für ihn war es an der Zeit, nach mehr als 40 Jahren als Grenzsoldat „Unklarheiten klarer zu machen.“ Deshalb habe er das Buch geschrieben. Und deshalb stelle er sich auch den kritischen Fragen zu diesem sensiblen Thema. Eines ist Wolfgang Kniep nicht unwichtig zu erwähnen: „Die Soldaten, auf die heute gerne mit dem Finger gezeigt wird“, die rund 600 000 Soldaten, die auf DDR-Seite gedient haben, „waren überwiegend ganz normale Menschen.“

Steffen Oldörp

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