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„Jede Nacht höre ich das Grölen und Lachen dieser Typen!“

Grevesmühlen „Jede Nacht höre ich das Grölen und Lachen dieser Typen!“

Eine 34-Jährige aus der Nähe von Grevesmühlen erlebte die Silvesternacht in Köln mit — das verändert nicht nur ihr Leben, sondern das einer ganzen Familie.

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Hände waschen, immer wieder Hände waschen — für Stefanie* ist es regelrecht zu einem Zwang geworden. Fotos (2): Markus Brandt, Sana-Klinikum Wismar

Grevesmühlen. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie eine ganz normale Familie: Die kleine Lara* sitzt auf dem Schoß ihrer Mama und hält die Puppe im Arm, die Oma Gudrun* ihr zu Weihnachten geschenkt hat. Die sitzt beiden gegenüber. Stefanie* streichelt ihrer Tochter über den Kopf, Oma Gudrun schaut sie an und lächelt. Bei genauerem Hinsehen fällt auf: das Streicheln von Stefanie ist mechanisch, der Blick von Lara leer, das Lächeln von Gudrun müde. Stefanie erlebte das Schlimmste, das einer Frau passieren kann: einen sexuellen Übergriff — in der Silvesternacht in Köln. Ein Erlebnis, das sukzessive nicht nur das Leben eines einzelnen Menschen verändert, sondern das einer ganzen Familie.

 Die vierjährige Lara dreht sich um und schaut über ihre Schulter in Stefanies Gesicht. „Bist du wieder traurig, Mami? Geht es dir wieder nicht gut?“ Die 34-Jährige schaut ihrer Tochter in die Augen, sagt nichts. Oma Gudrun steht auf, hebt ihre Enkeltochter vom Schoß ihrer Mama und geht mit ihr ins Wohnzimmer. Zurück bleibt eine in sich zusammengesunkene Stefanie, die auf den Küchentisch starrt.

Sie ist derzeit arbeitsunfähig und versucht bei ihren Eltern in der Nähe von Grevesmühlen Abstand vom Erlebten zu gewinnen. Seit sieben Jahren lebt sie in der Nähe von Köln. Die Liebe hat sie dorthin verschlagen. Mit dieser wollte sie das erste Mal nach Laras Geburt an Silvester wieder mal ausgelassen Party machen. Es waren unglückliche Umstände, die dazu führten, dass sie ohne ihren Freund am Kölner Hauptbahnhof war. Der musste kurzfristig für einen erkrankten Kollegen die Nachtschicht übernehmen. Stefanie ging allein mit ihren Bekannten.

„Die Stimmung war gut“, sagt sie leise und nickt ein paar Mal zur Bestätigung. Die Hände legt sie gefaltet in den Schoß, dort, wo ihre Tochter eben noch saß. „Sie versteht gar nicht was los ist“, fährt Stefanie fort. „Sie ist doch noch so klein. Wie soll ich ihr zu verstehen geben, warum es ihrer Mama so scheiße geht?“ Sie steht auf und wäscht sich die Hände — das übrigens ein paar Mal pro Stunde. Ein Zwang, der sich aus dem Erlebten entwickelt hat. Als wolle sie sich reinwaschen.

 Im Verlauf des Gesprächs wird klar: Stefanie fühlt sich auch von einigen Freunden nicht verstanden. „Sie haben gesagt, dass ich froh sein soll, nicht vergewaltigt worden zu sein!“ Sie schnaubt verächtlich. Ihre ansatzweisen Schilderungen reichen aus, um zu erkennen, was sie in der Silvesternacht durchgemacht hat. „Ich hatte überall Hände. Und dann das Grölen und Lachen der Typen. Ich höre es jede Nacht.“

 Sie nimmt täglich Beruhigungsmittel. Menschenansammlungen meidet sie. Sie schafft es nicht einmal, nach Grevesmühlen in den Supermarkt zu fahren. Zu viele Menschen. Und: „Ich entwickele regelrecht Hass. Hass auf Ausländer. Hass auf Männer“, sagt sie bitter. Selbst von ihrem Freund hat sie sich seit dem Vorfall nicht in den Arm nehmen lassen. „Ich kann das nicht“, schildert sie. Für den Freund schwer, wie er später am Telefon erzählt. „Ich möchte es ja verstehen...“ Er würde ihr gern helfen, aber er wisse nicht wie. „Ich wollte ihr einen Termin beim Psychologen besorgen. Sie könnte im April kommen. Das ist der früheste Termin. Welch ein Hohn“, schimpft er.

 April sei noch gut, erläutert Dr. Bernd Sponheim (54), Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Sana Hanse-Klinikum Wismar mit Außenstellen in Wismar, Grevesmühlen und Gadebusch. In Mecklenburg-Vorpommern kenne er Psychologen, die erst im kommenden Jahr freie Kapazitäten haben. Die Seele muss warten! „Eine Situation, mit der wir natürlich nicht glücklich sind“, gesteht er. Zwar gebe es einen sogenannten Krisendienst. Nur: „Dort stehen keine ausgebildeten Psychotherapeuten zur Verfügung. Hier geht es vielmehr um Trauerbewältigung.“ Das lange Warten auf Termine bei Fachärzten ist grundsätzlich ein Problem in Deutschland. Deshalb sind Terminservicestellen der regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen eingeführt worden. Jene sollen den gesetzlich versicherten Patienten in vier Wochen einen Facharzttermin verschaffen. Klingt gut, das gilt aber nicht für Psychotherapeuten.

 Wichtig sei es für Betroffene mit einer akuten Belastungssituation, wie sie Stefanie zu haben scheint, zu reden, sich jemandem anzuvertrauen. „Und wenn sich Betroffene an ihren Hausarzt wenden“, sagt Dr. Bernd Sponheim. Stefanie findet Gehör bei ihrem Hausarzt in Köln, erzählt sie. Der verschrieb ihr auch die Beruhigungsmittel. Regelmäßig telefoniert er mit ihr — als Freundin der Arzt-Familie. Soweit hat sie zumindest Glück. Nach Hause zu ihrem Freund möchte sie erst einmal nicht. „Ich schaffe das einfach nicht!“ Seelischen Schutz sucht sie bei ihrer Familie — die so langsam aber auch an ihre Grenzen kommt und ratlos ist.

 Lara stürmt aus dem Wohnzimmer. „Mama, Mama, ,Woozle Goozle' ist im Fernsehen, komm!“ Aufgeregt hüpft die Vierjährige durch die Küche. Sie liebt das Kinderprogramm im Fernsehen, am liebsten mit Mama auf der Couch. Lara nimmt Stefanies Hand und zieht sie vom Küchenstuhl. Wie einprogrammiert setzt die 34-Jährige einen Fuß vor den anderen, nimmt auf der Couch Platz und starrt zum Fernseher.

Wirklich anwesend ist sie nicht, was Lara nicht verborgen bleibt. „Du guckst ja gar nicht richtig hin“, sagt sie trotzig.

 Was passiert mit der kleinen Seele Laras, die mit ansehen muss, wie sich Mama mehr und mehr zurückzieht? „Kinder sind in der Regel psychisch recht stabil und stecken viel weg“, erläutert Dr. Bernd Sponheim. „Das ist individuell sehr unterschiedlich und abhängig davon, wie lange das Verhalten der Mutter andauert und wie viele intakte Ressourcen in der gesamten Familie vorhanden sind.“

 Das Kinderprogramm ist zu Ende, Oma Gudrun schaltet den Fernseher aus. Sie nimmt ihre Enkeltochter auf den Arm und geht mit ihr die Treppe hinauf zum Bad. Stefanie sitzt auf der Couch, starrt vor sich hin, sagt nichts. Dann folgt sie ihrer Mutter und ihrer Tochter. Eine ganz normale Familie, nein, das ist sie wirklich nicht mehr.

(*Die Namen sind geändert.)

Psychotherapie
Laut einer Umfrage der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) müssen Menschen mit seelischen Leiden im Durchschnitt drei Monate warten, bis sie zum ersten Mal mit einem Fachmann sprechen können. Noch einmal drei Monate dauert es, bis sie dann tatsächlich mit ihrer Therapie beginnen können.

Jana Franke

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