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Liebesdienst für einen Neonazi

Wismar Liebesdienst für einen Neonazi

Sie handelte aus Liebe: Die Unternehmerin Ines Raum verlieh viel Geld an den Chef des Motorradclubs „Schwarze Schar“, der auch als Neonazi bekannt ist. Nun will sie es zurück.

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Ines Raum (49), Vorsitzende der Wismarer Wirtschaftsgemeinschaft.

Quelle: Christel Ros

Wismar. Ines Raum (50) verklagt Philip Schlaffer (35), langjähriger Präsident des Motorradclubs „Schwarze Schar“ und als Neonazi bekannt. Der Prozess vor dem Landgericht Schwerin beginnt morgen. Die Wismarerin, Vorsitzende und Mitglied mehrerer Vereine in der Hansestadt, will rund 70 000 Euro zurück. Geld, das sie Schlaffer im Jahr 2010 über einen Darlehensvertrag zukommen ließ.

Der Prozess sorgt schon im Vorfeld für Aufsehen. Ein anonymes Schreiben ist seit der letzten Woche im Umlauf. Zugeleitet wurde es unter anderem der Wismarer Wirtschaftsgemeinschaft (WWG) und der CDU, auch im Rathaus ist es gelandet. In dem Schreiben wird auf den Prozess hingewiesen und auf einen möglichen Imageschaden für Vereine. Ines Raum ist Mitglied in 15 Vereinen. Der Bekannteste ist die Wismarer Wirtschaftsgemeinschaft mit 280 Unternehmen.

Die Hauptfrage ist: Warum hat Ines Raum insgesamt 90 000 Euro privat an Philip Schlaffer verliehen? Gegenüber den LN schildert die 50-Jährige eine Liebesgeschichte, die am Ende im totalen Fiasko endet und die Überschrift tragen könnte: „Liebe macht blind!“.

Im Sommer 2009 ist die Ehe von Ines Raum auf dem Tiefpunkt. Zufällig läuft ihr Thomas S. über den Weg. Achteinhalb Jahre habe der im Gefängnis gesessen, ist acht Jahre jünger und total charmant, wie sie sagt. Die große Liebe. Sie sei eine Art Bewährungshelferin für ihn gewesen. Hat vieles bezahlt, sich um einen Job gekümmert. Beide leben in ihrer Wohnung.

Thomas S. und Philip Schlaffer kennen sich. Und auch Ines Raum lernt ihn und weitere Bekannte kennen. Sie wird eingeweiht, dass Philip Schlaffer ein Clubgebäude im Gewerbegebiet Gägelow kaufen will.

Die Sache nimmt Fahrt auf. Im Januar 2010 wird der Darlehensvertrag vorbereitet, einen Monat später unterschrieben. Ines Raum zahlt 90 000 Euro. Heute sagt die Geschäftsfrau: „Ich war wie in Trance. Ich habe so einen Quatsch gemacht als erwachsene Frau.“

Dass sie überhaupt gezahlt hat, ist wohl nur mit unbeschreiblich großer Liebe und Naivität zu begründen. Raum: „Es hätte so viele Ausreden gegeben, kein Geld zu geben.“ Sie tat es. Ließ ein Konzept für den Club erstellen. In dem fanden sich Ü 30-Party, XXL-Wettessen oder Oktoberfest wieder.

Raum war zufrieden. „Die Jungs waren so euphorisch.“ Sie selbst sei nie bei einer Veranstaltung gewesen. Wusste sie aber nicht, mit wem sie sich einließ? Ines Raum: „Ich wollte den Rechten nie eine Plattform geben. Sie hatten sich für mich eindeutig von rechts abgewandt und sie wussten, dass ich linksdenkend bin.“

Die 90 000 Euro seien ihre Rücklage für die Rente gewesen. 20-mal habe eine Raten-Rückzahlung geklappt. Im Dezember 2011 sei keine Zahlung mehr eingegangen. Ines Raum wendet sich einige Wochen später an die Polizei und reicht Klage ein. Die große Liebe war längst aus. Heute redet sie vom Typ Heiratsschwindler.

2012 der Schock für Ines Raum: Angeblich hat ihr Ex-Liebhaber 50 000 Euro von einem Mitglied der „Schwarzen Schar“ erhalten, um es Ines Raum zu geben — als Auslöse für das privat gewährte Darlehen. Der Ex bestätigt den Erhalt des Geldes schriftlich und mit einer eidesstattlichen Erklärung gegenüber dem Anwalt von Schlaffer. Den Wahrheitsgehalt der Schriftstücke zweifelt die Wismarerin an.

Im Juli 2012 erhält sie einen anonymen Brief, in dem ihr Steuerhinterziehung, Erpressung und Unterstützung krimineller Vereinigungen vorgeworfen wird. „Das hat mich natürlich sehr belastet“, sagt Ines Raum. Auf die Frage, ob sie daran gedacht hat, den Vorsitz oder die Mitgliedschaften von Vereinen ruhen zu lassen, sagt sie: „Nein. Was ich mir vorzuwerfen habe, ist, dass ich eine blöde Kuh bin. Ich wollte Menschen eine Chance geben. Ich bin neugierig, weltoffen und tolerant und wollte, dass Kriminelle rehabilitiert werden können.“

Nun kommt es zum Prozess. Die Nervosität steigt bei allen Beteiligten. So hat der Anwalt von Philip Schlaffer einen Vergleichsvorschlag in Höhe von 30 000 Euro unterbreitet. Diese Summe habe die Gegenseite inzwischen auf 40 000 und sogar auf über 50 000 Euro erhöht.

Doch Ines Raum will keinen Vergleich. Sie will das volle Geld zurück und fordert obendrauf ein Schmerzensgeld von 30 000 Euro. „Dieses Geld ist nicht für mich. Ich möchte drei Jugendprojekte in Wismar und Umgebung mit je 10 000 Euro unterstützen“, so Raum.

Am Freitag hatten sich die LN an den Rechtsanwalt von Schlaffer gewandt. Eine Reaktion blieb aus.

Rockergruppierung hat sich — offiziell — aufgelöst
„Übernehmen Nazi-Rocker Motorradclub?“, fragten die LN am 20. Februar 2010. Das „Black Paradise“ im Gewerbegebiet von Gägelow wurde vom Motorradclub „Schwarze Schar“

übernommen. Die LN schrieben: „Das Clubheim für Motorradfans gehört seit wenigen Wochen Phillip S. aus Wismar. S. war ehemals Betreiber des Werwolf-Shops in der Hansestadt. Er gilt als Anhänger der rechtsextremen Szene — so wie ein Teil der Mitglieder des Motorradclubs.“ Ein Sprecher des Schweriner Innenministeriums sagte damals, dass dem Club auch Personen angehören, „die der rechtsextremistischen Szene zuzurechnen sind“.


In Gägelow war man wenig begeistert von den neuen Besitzern des Clubhauses. Denn die Gemeinde hatte ein gutes Verhältnis zu dem vorherigen Bikerclub. Weiter hieß es in dem LN-Artikel: „Die ,Schwarze Schar‘, die sich nach eigenen Angaben am 1. Dezember 2008 gegründet hat, erklärt auf ihrer Internetseite, dass man sich entschieden habe, sich zu seiner deutschen Herkunft zu bekennen und dementsprechend die Ämter und Bezeichnungen der deutschen Sprache zu unterwerfen . . . Für Gägelows Bürgermeister Uwe Wandel ist die Entwicklung kein gutes Zeichen. ,Aber den Verkauf konnten wir nicht verhindern, das ging von privat an privat.‘“


Im Sommer 2013 löst sich die kriminell geltende Rockergruppierung „Schwarze Schar“ auf. Das Klubhaus „Zum schwarzen Herzog“ in Gägelow ist geschlossen, alle geplanten Veranstaltungen sind abgesagt. Der Verkauf von „Fanartikeln“ ist eingestellt. Aufgefallen waren die Rocker wieder durch Straftaten. „Wir werden weiter beobachten, wie sich die Sache entwickelt“, sagt das Landeskriminalamt. Vom Einstellen der Aktivitäten ist nicht auszugehen.


Auf der Internetseite der „Schwarzen Schar“ treten seit dem 1. Juli die „Schwarze Schar Nomads Deutschland“ und die „Schwarze Schar Nomads Europa“ auf.


Philipp Schlaffer, der maßgebliche Anführer der Schwarzen Schar, baut am Markt in Gägelow ein Wohnhaus.

Chronologie
Im August 2009 lernt Ines Raum, privat in einer Krise, einen Mann kennen, der mehrere Jahre im Gefängnis saß. Sie verliebt sich Hals über Kopf in ihn.

Über ihren Geliebten lernt Ines Raum Philip Schlaffer kennen. Der will in Gägelow einen Club aufbauen.

Im Februar 2010 kommt es zum privaten Darlehensvertrag über 90 000 Euro zwischen Raum und Schlaffer.

Ab April 2010 beginnt die Ratenzahlung über 955 Euro. Das Geld fließt von privat zu privat. 20 Raten seien gezahlt worden — bis Ende 2011. Auf diese Weise seien 19 100 Euro zurückgezahlt worden.

Im Frühjahr 2011 ist die Liebe aus.

Im Dezember 2011 endet, so der Vorwurf, die Zahlung von Schlaffer. In Schreiben wird behauptet, 50 000 Euro seien geflossen.

Ende Februar 2012 wendet sich Ines Raum an die Polizei.

Am 1. März 2012 reicht sie Klage bei Gericht auf Zahlung ein.

Im Juli 2012 erhält Raum einen anonymen Brief. Die Vorwürfe: Steuerhinterziehung, Erpressung, Unterstützung krimineller Vereinigungen.

18. September 2013: Verhandlung vor dem Landgericht Schwerin.

Im Ehrenamt
Keine Frau ist in Wismar so vernetzt wie Ines Raum. Seit 1990 ist sie selbstständig mit dem Verlag Koch & Raum Wismar. Sie ist zudem Herausgeberin und Autorin der Wismar-Zeitung.


In der CDU ist Ines Raum seit 2010. Sie ist im Vorstand des Stadtverbandes Wismar und dort Pressesprecherin. Von 2006 bis 2010 war sie parteilos, davor bei den Linken.


Ines Raum ist Vorsitzende der Wismarer Wirtschaftsgemeinschaft. Der größte Unternehmerverband der Region Wismar zählt 280 Unternehmen mit 7000 Mitarbeitern. Außerdem ist Raum Vorsitzende des Aufbauvereins St. Gorgen und des Fördervereins der Stadtbibliothek sowie Stellvertretende des Vereins Holzcluster Nord. Darüber hinaus ist sie Mitglied in zehn weiteren Vereinen.

Heiko Hoffmann

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