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Mit Paten an der Seite in den deutschen Alltag finden

Grevesmühlen Mit Paten an der Seite in den deutschen Alltag finden

Mehr als 50 Ehrenamtliche aus Grevesmühlen und Umgebung engagieren sich in der Flüchtlingshilfe „bleib.mensch“ / Es wird um Spenden für die Kleiderkammer gebeten.

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Ein Blick in die Kleiderkammer im Ärztehaus in Grevesmühlen: Die ehrenamtlichen Helfer wollen nicht erkannt werden — aus Angst vor fremdenfeindlichen Übergriffen. Jede Spende wird gebraucht, insbesondere Hausrat, Kinder- und Männerbekleidung.

Quelle: Fotos: Jana Franke/sabine Moll

Grevesmühlen. Ruth sitzt auf der Couch und wiegt ihre Namensvetterin im Arm. Mama Oumou aus Mauretanien gab ihrem im Dezember geborenen Baby den deutschen Namen — aus Dankbarkeit für die große Hilfsbereitschaft, die die große Ruth für die kleine Ruth zeigt. So strickt sie Babykleidung, geht mit dem Mädchen im Kinderwagen spazieren, hilft Mama Oumou wo sie nur kann. Ehrenamtlich für die in Grevesmühlen gegründete Initiative „bleib.mensch“ aktiv, übernahm sie die Patenschaft für das Duo.

Viele haben schlimme Erlebnisse hinter sich. Wir haken nicht nach, aber wenn sie darüber reden, hören

wir geduldig zu.“Sabine Moll, Patin

70 Jahre liegen zwischen der großen und der kleinen Ruth. Bis auf den Namen eint sie wenig. Außer, dass ihre Mütter während der Schwangerschaft in Angst lebten — die Mutter der großen Ruth in den Wirren des Zweiten Weltkrieges, die Mutter der kleinen Ruth auf hoher See in einem Schlauchboot. Oumou nahm mit ihrem Baby im Bauch die gefährliche Flucht auf sich, die ihr Leben prägt. Viel spricht sie nicht darüber. Es ist nur zu erahnen, was sie im afrikanischen Mauretanien erlebt hat. In Medienberichten ist unter anderem von Sklaverei, Vergewaltigungen und terroristischen Anschlägen die Rede. Patin Ruth gibt Oumou Sicherheit im nordwestmecklenburgischen Alltag.

Alltag — wenn man es denn so nennen kann. Manche Geflüchteten sind gezeichnet, weiß Sabine Moll. Die 57-Jährige aus Grevesmühlen engagiert sich gemeinsam mit ihrem Mann Ortwin (59) für Flüchtlinge — ehrenamtlich. „Ich finde es wichtig und es ist eine wertvolle Sache“, sagt sie. Unter anderem geben beide Sprachunterricht in den Wohnungen der Geflüchteten. „Wir lernen Vokabeln, lesen Texte“, erläutert Sabine Moll. Durch die regelmäßigen Kontakte kann sie auch ein wenig hinter die stark wirkende Fassade der Menschen schauen. „Viele haben schlimme Erlebnisse hinter sich. Wir haken nicht nach, aber wenn sie darüber reden, hören wir geduldig zu.“ Und: „Die Integration ist eine andere, wenn die Menschen eine Bezugsperson haben.“

Oumou spricht kein Deutsch, nur gebrochen Französisch. Die Verständigung zwischen der großen Ruth und ihr läuft mit Händen und Füßen — und sie wissen, was die jeweils andere meint. Die ehrenamtliche Patenschaft für die hochschwangere, verängstige Frau übernahm die große, 1945 geborene Ruth aus der Nähe von Grevesmühlen im Oktober. Oumou fand eine Bleibe in Mallentin und in Ruth eine Vertraute.

Sie fuhren gemeinsam zu Ärzten, zum Einkaufen, putzten die Wohnung zusammen. Mittlerweile lebt Oumou mit ihrem Baby in Grevesmühlen — und die große Ruth besucht sie.

Solch eine Patenschaft kostet Geld. Das weiß auch Norbert Koschmieder von der Flüchtlingshilfe „bleib.mensch“. Umso größer war die Freude, als er erfuhr, dass die Organisation mit Spenden aus der LN-Weihnachtsaktion „Hilfe im Advent“ unterstützt wird. Mehr als 4500 Euro kamen zusammen. „Wir sagen Danke an alle bereitwilligen Leser für ihre Spende an hilfsbedürftige Menschen. Die Spendengelder verwenden wir für nicht abgedeckte Sachspenden wie Schuhe und Unterwäsche, für Anwaltskosten, für Babys, die hier geboren werden, sowie für Transporte mit dem Auto und für gemeinsame Begegnungen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen“, resümiert Norbert Koschmieder.

Wenn die Flüchtlinge die Anerkennung haben und in Deutschland bleiben dürfen, dann beginnt die Arbeit für die Paten erst richtig, weiß Ulla Hardt zu berichten. Auch sie engagiert sich in der Initiative, die Geflüchtete unter anderem in Mallentin und Grevesmühlen betreut. Begleitung zu Arztbesuchen, Behördengänge — die Ehrenamtlichen legten schon Tausende Kilometer zurück. Auch kümmert sich die 49-Jährige mit anderen ehrenamtlichen Helfern um die Kleiderkammer, die im Ärztehaus in Grevesmühlen untergebracht ist. „Bis auf ein Bett, ein Stuhl und ein Spint pro Person sowie das Allernötigste für die Küche haben die Menschen nichts. Keine Lampen, kein Fernseher, kaum Kleidung“, zählt sie auf. In den notdürftig zusammengezimmerten Regalen in der Kleiderkammer finden sie alles, was sie benötigen — gespendet von Menschen aus der Region. Auf viele weitere ist die Initiative angewiesen. „Wir wollen, dass sie sich hier wenigstens einigermaßen heimisch fühlen“, so Ulla Hardt.

Kleiderkammer der Flüchtlingshilfe

Im Ärztehaus in Grevesmühlen hat die Flüchtlingshilfe Räumlichkeiten für die Kleiderkammer gefunden. Spenden werden im Gemeindehaus der evangelischen Kirchgemeinde (Am Kirchplatz, ☎ 0 38 81/25 24) und im katholischen Pfarramt (Nils-Stensen-Weg, ☎ 23 24) entgegengenommen.

Gebraucht werden Kinderspielzeug (möglichst neutral), Kinderbekleidung ab Größe 150, Kinderschuhe, Schulbedarf wie Federtaschen, Schreibmaterial und Schultaschen), Winterjacken, Mäntel, Handschuhe, Schals, Mützen, Herrenbekleidung, Schuhe, neuwertige Unterwäsche für Damen und Herren, Socken für kleine und große Menschen, Hand- und Badetücher, Bettlaken, Fahrräder, Kinderautositze, Geschirr jeder Art, Töpfe, Pfannen, Lampen, Fernseher und Radios.

• www.bleibmensch.com

Jana Franke

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