Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Nordwestmecklenburg Mord in der Garnelenfarm: Betrieb wird zum Drehort
Lokales Nordwestmecklenburg Mord in der Garnelenfarm: Betrieb wird zum Drehort
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:50 16.10.2017
Schlüpfte für die Rolle in „Soko Wismar“ in die Betriebskleidung der „Garnelen Farm Wismar“: York Dyckerhoff, Geschäftsführer des Grevesmühlener Betriebes. Ausgestrahlt wird die Folge im Januar oder Februar kommenden Jahres im ZDF. Quelle: Foto: Jana Franke

Ups, was ist denn da passiert? Nachdem Grevesmühlen seinen Kreisstadt-Titel und den Hauptsitz der Kreisverwaltung im Zuge der Kreisgebietsreform vor einigen Jahren an die Hanse- und nun Kreisstadt Wismar abgeben musste, ist es jetzt auch noch die Garnelenfarm im Gewerbegebiet Am Baarssee im Nordwesten der Stadt? Oder warum trägt das grüne Shirt von Geschäftsführer York Dyckerhoff den Ort Wismar im Logo? Ganz einfach: Die Farm wurde zum Drehort für einen spannenden Krimi.

„Soko Wismar“ ermittelt in Grevesmühlen / Insolvente Nachbar-Farm stillgelegt.

Die „Soko Wismar“ ermittelte inmitten der mit 28 Grad warmem Wasser gefüllten Becken, in denen sich Tausende Garnelen pudelwohl fühlen – und dann ist da der Mord am Senior-Chef, der von den Beamten aufgeklärt werden muss. Wer es war und ob der Junior-Chef etwas damit zu tun hat, erfahren die Soko-Wismar-Fans im Januar oder Februar 2018 im ZDF.

„Als die Anfrage kam, wollte ich gar nicht so recht daran glauben“, erinnert sich York Dyckerhoff, der selbst sogar eine kleine Sprechrolle in der Folge hat. Den Stern auf Hollywoods Walk of Fame habe er sich aber noch nicht ausgesucht, scherzt er. Ein Team von 28 Leuten reiste an, drehte von morgens halb sieben bis abends halb sieben. Dyckerhoff selbst verspricht sich vor allem eines von dem aufregenden Tag: Werbung. Und, dass er nicht mit der insolventen Nachbar-Garnelenfarm in Verbindung gebracht wird (Infokasten).

Abgesehen von den kurzzeitigen Schwierigkeiten bei der Lieferung der Postlarven aus Key West (Florida) aufgrund des Wirbelsturms im September, „steigt unser Absatz täglich“, rechnet der Geschäftsführer vor. „Im Juli und August brachten wir doppelt so viele Garnelen auf den Markt wie im Vorjahreszeitraum.“ 1800 Privat- und 100 Geschäftskunden deutschlandweit, in Österreich und der Schweiz listet er.

Das Leben seiner Garnelen ist nicht lang. Als Postlarven werden die White Tiger Shrimps aus Key West geliefert. Fünf bis sechs Monate wachsen und gedeihen sie in den vier mit je 80 Kubikmeter Salzwasser gefüllten Becken heran – messen am Ende 15 Zentimeter und wiegen 23 bis 25 Gramm. Gefüttert werden sie automatisch und per Hand. „Am Anfang haben wir das Futtermittel aus Frankreich importiert“, weiß Dyckerhoff. Ein Student schrieb eine Bachelorarbeit mithilfe der Grevesmühlener Garnelenfarm und entwickelte eine eigene Rezeptur für die Tierchen, mit der sie nun beköstigt werden.

„Keine Chemie, keine Antibiotika oder andere Arzneimittel“, verspricht Dyckerhoff und sagt, dass ihm faire Tierzucht wichtig sei.

Sind die Garnelen nach fünf bis sechs Monaten zum Verspeisen bereit, werden sie mit Eiswasser und Strom getötet. Was sich für den einen oder anderen brutal anhören mag, sei aber schonend, so Dyckerhoff, der sich dabei an die Vorschriften der Tierschutz-Schlachtverordnung des Bundes hält. Am Ende werden die Garnelen auf Eis sortiert, von 28 auf zwei bis vier Grad runtergekühlt, einzeln begutachtet – und frisch, nicht tiefgefroren, wie York Dyckerhoff betont, in einer Styropor-Box versendet. Abgefischt wird täglich, sagt er. Zehn bis 70 Sendungen würden täglich das Haus verlassen.

Der Verkauf startet ab ein Kilogramm für 49 Euro. Mit den hanseatischen Garnelen schaffte es York Dyckerhoff sogar schon in ein Kursprogramm einer Hamburger Gourmet-Kochschule.

Jeden Monat werden neue Postlarven aus Key West – für Dyckerhoff die geografisch nahegelegenste, von der EU zertifizierte Zuchtstation – in die Becken gesetzt. Jedes Mal 70000 Stück. Die Überlebensrate liegt bei 60 Prozent. Am Anfang waren es nur 40, in der Natur sind es gar nur 20 Prozent. Und das, weil sie sich gegenseitig auffressen. Auch in Grevesmühlen. Aber Dyckerhoff hat dazugelernt. „Wir haben die Lichtverhältnisse in der Farm verändert, die Futterrhythmen und das Futter überhaupt verbessert“, erklärt er. Apropos Licht: Das darf am Abend nicht einfach so aus- und am Morgen auf Schlag angeschaltet werden. Es wird gedimmt. Ansonsten wären die Tierchen total verwirrt. „Bei Blitz und Donner sind einzelne Garnelen bereits aus den Becken gesprungen“, berichtet der Geschäftsführer. Aus diesem Grund sind um alle Becken Netze gespannt worden.

Dazulernen will York Dyckerhoff auch in Zukunft. Deshalb arbeitet er intensiv mit der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei (LFA) in Rostock zusammen. Gemeinsam arbeiten er und seine drei Kollegen Anika Bibow (fürs Marketing zuständig), Karl Bissa (Betriebsleiter) und Mathias Hübscher (Produktionsleiter) an einem Projekt mit wissenschaftlichen Experimenten „zur Verbesserung und Optimierung der Garnelenzucht“, erklärt Dyckerhoff.

Seine Vision: Die Grevesmühlener Farm – eine weitere ähnliche gibt es noch in München – soll ein Kompetenzzentrum für die europaweite Garnelenzucht werden. Und er will Postlarven nicht mehr aus Florida beziehen – sondern vor Ort züchten.

Insolvente Firma „Cristalle Garnelen“ weiterhin stillgelegt

Ruhig ist es in und

an der Halle der Farm „Cristalle Garnelen“. Im März ist sie gereinigt und desinfiziert worden, nachdem der Betreiber Andreas Kleinselbeck im September 2016 beim Amtsgericht in Neubrandenburg Insolvenz angemeldet hatte. Die jüngste Gläubigerversammlung soll nach LN-Informationen im Juli gewesen sein, an der der einstige Betreiber nicht teilgenommen hatte.

„Aktuell gibt es keinen ernsthaften Interessenten“, ließ Insolvenzverwalter Christian Graf von Brockdorff auf Nachfrage verlauten. „Die Anlage ist stillgelegt und wird derzeit keiner Nutzung zugeführt.“ Ursprünglich

hatte York Dyckerhoff, Geschäftsführer der

benachbarten Garnelenfarm „Cara Royal“,

Interesse – mittlerweile nicht mehr, wie er gegenüber den LN sagt.

Das Landwirtschaftsministerium Schwerin will sich von Andreas Kleiselbeck die Fördergelder anteilig zurückholen, die für den Bau der im Februar 2015

eröffneten Cristalle-

Garnelenfarm geflossen sind – insgesamt waren es seinerzeit

fast 780000 Euro.

Jana Franke

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Kurse für den Seniorensport werden gebraucht. Seniorensport ist in Nordwestmecklenburg so beliebt wie nie zuvor, die Nachfrage nach Seniorensportgruppen steigt stetig.

16.10.2017

Soll Vereinen, wenn sie städtische Versammlungsräume nutzen, die Miete erlassen werden? Mit dieser Frage beschäftigt sich heute Grevesmühlens Hauptausschuss.

16.10.2017

Zu einem Schülerzeitungs-Workshop wird unter dem Titel „Zukunftsredaktion“ vom 10. bis 12. November in Wismar eingeladen. Er findet im Filmbüro MV (Bürgermeister-Haupt-Straße 51-53) statt.

16.10.2017
Anzeige