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Nach dem schweren A 20-Unfall: Debatte um Altersgrenze von Autofahrern

Grevesmühlen Nach dem schweren A 20-Unfall: Debatte um Altersgrenze von Autofahrern

Eine 82-jährige Frau hat als Geisterfahrerin einen Unfall verursacht / Erneut stellt sich die Frage: Hätte das Unglück im Vorfeld verhindert werden können?.

Der tragische Unfall auf der A 20: Eine Frau war mit ihrem Auto (links) von Schönberg bis nach Grevesmühlen auf der falschen Fahrbahn unterwegs.

Quelle: Karl-Ernst Schmidt

Grevesmühlen. Die Autobahn stundenlang gesperrt, eine getötete Autofahrerin (82), ein schwer verletzter 52-Jähriger. Der schwere Verkehrsunfall auf der A 20 vor einer Woche sorgt immer noch für Diskussionen. Im Kern geht es dabei um die Frage: Wie konnte es dazu kommen, dass die 82-Jährige mehr als 20 Kilometer von der Auffahrt Schönberg bis Grevesmühlen fahren konnte, ohne zu bemerken, dass sie auf der falschen Richtungsfahrbahn unterwegs war?

LN-Bild

Eine 82-jährige Frau hat als Geisterfahrerin einen Unfall verursacht / Erneut stellt sich die Frage: Hätte das Unglück im Vorfeld verhindert werden können?.

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Antworten darauf wird es nicht geben, die Unfallverursacherin starb bei dem Unglück. Der Fahrer eines Audi, den sie frontal rammte, liegt mit Knochenbrüchen im Krankenhaus.

Wie viele ältere Autofahrer überhaupt auf deutschen Straßen unterwegs sind, lässt sich nicht einmal sagen. Eine Nachfrage beim Straßenverkehrsamt in Nordwestmecklenburg ergab, dass es keine zuverlässige Statistik über die genaue Zahl und das Alter der Führerscheininhaber gibt. Nur soviel: Pro Jahr geben in Nordwestmecklenburg, einem Landkreis mit 160000 Einwohnern, etwa fünf Autofahrer freiwillig ihrer Fahrerlaubnis ab.

In anderen europäischen Ländern gibt es bereits Pflichtuntersuchungen für Autofahrer, in Deutschland nicht. Ändern könnte dies allein der Bundestag mit dem Bundesrat, da das Gesetz geändert werden müsste. Eine Nachfrage bei den Bundestagsabgeordneten der SPD und CDU ergab folgendes: Frank Junge (SPD): „Dieser Unfall ist zutiefst tragisch und natürlich kommt nach so einer Tragödie die Diskussion auf, ob wir in Hinblick auf die Fahrtauglichkeit von Senioren eingreifen müssen. Mit zwanghaften Verbindlichkeiten und Bevormundungen kommen wir hier nicht weiter. Natürlich, auch das gehört zur Wahrheit mit dazu, lässt die Konzentration und Leistungsfähigkeit ab einem bestimmten Alter nach, doch das ist bei jedem Menschen unterschiedlich, daher sind pauschale Regulierungen nicht die Lösung. Nach meinem Empfinden sollten Autofahrer selbstverpflichtend aktiv werden.“ Der SPD-Abgeordnete, weist darauf hin, dass es bereits verschiedene Angebote gebe, die dahingehend genutzt werden können. „Und genau hier sollten wir ansetzen. Dabei denke ich zunächst an einen Ausbau dieser Angebote, wie beispielsweise beim ADAC oder TÜV. Und schließlich, das betrachte ich als elementar, müssen wir uns intensiv Gedanken machen, wie diese Möglichkeiten besser kommuniziert werden können.“ Denn die besten Angebote nützen nichts, wenn niemand sie kennt. „Oft ist auch die Rede von der Schaffung alternativer Angebote, doch wir wissen, dass gerade hier im ländlichen Raum die öffentlichen Verkehrsmittel das Auto nicht ausreichend ersetzen können“, sagt Frank Junge.

Ähnlich sieht die CDU-Bundestagsabgeordnete Karin Strenz die aktuelle Situation: „Trotz der Tragik solcher Unfälle halte ich überhaupt nichts davon, alle Senioren unterschiedlichen Alters über eine Kamm zu scheren. Es kann nicht verallgemeinernd festgestellt werden, dass durch eine zunehmende Anzahl älterer Autofahrer die Gefährdung im Straßenverkehr überproportional steigt. Im Gegenteil:

Die ältere Generation von heute ist insgesamt wesentlich vitaler und gesünder als früher.“ Dennoch sei es laut Karin Strenz auch richtig, dass die Gruppe der über 75-Jährigen nach den Fahranfängern statistisch betrachtet die zweitgefährlichste Risikogruppe der Autofahrer im Straßenverkehr darstelle. „Um genau hier das Risiko zu verringern, bin ich für eine stärkere Einbeziehung der Hausärzte von Seniorinnen und Senioren. Zum einen sollten ältere Menschen dazu motiviert und animiert werden, sich freiwilligen Fahrtauglichkeitsuntersuchungen zu stellen. Aber auch die Hausärzte sollen Hinweise und Einschätzungen geben und fahruntauglichen Senioren eindeutig aufzeigen, dass ein weiteres Autofahren sehr gefährlich wäre. Dies ist auch aufgrund der Tatsache, dass ältere Menschen häufiger Medikamenten ausgesetzt sind, die die Fahrtauglichkeit negativ beeinflussen können, enorm wichtig.“

So regeln es andere Länder in Europa

Den Führerschein für immer und ohne Einschränkungen gibt es in Europa neben Deutschland auch in Frankreich, Belgien, Bulgarien, Österreich, Polen und der Slowakei. Die meisten der 28 EU-Staaten haben jedoch separate Altersbestimmungen:

• Spanien: Bereits 45-Jährige müssen zum Gesundheitstest, der danach alle fünf Jahre wiederholt wird, ab dem 70. Lebensjahr sogar alle zwei Jahre.

• Italien: Ab 50 wird die Fahrerlaubnis nur nach einer medizinischen Untersuchung verlängert. Alle fünf Jahre folgt ein weiterer Test, ab dem 70. Lebensjahr dann alle zwei Jahre.

• Tschechische Republik: Fahrer ab 60 Jahren müssen eine ärztliche Fahreignungsbestätigung mit sich führen.

• Niederlande, Norwegen und Schweden: Arztuntersuchung ab 70 Jahren Pflicht.

• Slowenien: ohne Gesundheits-Check bis zum 80. Lebensjahr, danach wird eine Verlängerung der Fahrerlaubnis nur nach ärztlicher Untersuchung ausgestellt.

Quelle: Bundestagsbüro Frank Junge

Heikles Thema

Nein, es gibt keine verlässlichen Zahlen, ob ältere Autofahrer für mehr Unfälle verantwortlich sind, als andere Altersgruppen. Und nein, es geht auch nicht darum, jedem Rentner die Fahrerlaubnis abzuerkennen. Es geht schlichtweg darum, die Sicherheit auf den Straßen zu erhöhen. Es gibt 70-Jährige, die geistig und körperlich fitter sind als mancher 18-Jährige. Aber es gibt es auch viele Senioren, die mit den Anforderungen im Straßenverkehr irgendwann überfordert sind.

Ich finde, es muss erlaubt sein, darüber zu sprechen. Warum müssen Berufskraftfahrer ihre Tauglichkeit unter Beweis stellen und andere Verkehrsteilnehmer nicht? Warum können Senioren nicht, wenn sie freiwillig ihre Fahrerlaubnis abgeben, für den halben Preis Busse und Bahnen benutzen? Oder ermäßigt Taxi fahren? Natürlich bedeutet es Einschnitte für die eigene Freiheit auf vier Rädern. Aber auch mehr Sicherheit auf der Straße. Und der ÖPNV würde davon profitieren.

Andere Länder schaffen es schließlich auch, die Autofahrer zum Gesundheitscheck zu bewegen. Warum packen wir es nicht einfach an?

Michael Prochnow

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