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Nordwestmecklenburg Nach der Urteilsverkündung: Wie geht’s weiter im Piraten-Streit?
Lokales Nordwestmecklenburg Nach der Urteilsverkündung: Wie geht’s weiter im Piraten-Streit?
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20:43 21.08.2017
Zum Schluss nimmt das Piraten-Stück „Exekution in Cartagena“ noch einmal groß Fahrt auf. Absolut diszipliniert – die Pferde. FOTOS (2): ANNETT MEINKE

Die Verhandlung dazu war Montag vergangener Woche. Etwa 30 Zuschauer folgten dieser. Gestern bei der Urteilsverkündung blieben die Stühle leer, lediglich zwei Pressevertreter lauschten den Ausführungen von Richter Klaus Halm, der noch einmal verdeutlichte, dass er keine Eilbedürftigkeit sehe, die Voraussetzung für die einstweilige Verfügung sei.

Anwalt berät sich mit Mandanten / Psychologin über Mediation.

Nach der Verhandlung in der vergangenen Woche hatte Torsten Renzow, der die drei Familien im Rechtsstreit gegen die Piraten vertritt, mit einem solchen Urteil gerechnet. Jetzt müsse er erst einmal mit seinen Mandanten die weitere Vorgehensweise besprechen, erläuterte er gestern auf Nachfrage. „Sie könnten gegen die Entscheidung Rechtsmittel einlegen oder parallel ein Hauptsacheverfahren anstreben“, erklärte er. Soll heißen: Eine Unterlassungsklage wäre möglich. Entschieden ist aber noch nichts.

Streit seit 2007

Seitdem die Piraten ihren Sitz in der Schweriner Landstraße haben, gibt es Streit zwischen den Anwohnern und dem Veranstalter. Torsten Renzow: „Es ist zäh.“ Die einstweilige Verfügung sei ein Hammer gewesen, den er im Auftrag seiner Mandanten rausgeholte hatte, umschreibt er. Zum Anlass dafür nahm er eine Messung durch das Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie (LUNG) Ende Juli, die laut Renzow eine Überschreitung der gesetzlich vorgeschriebenen Werte ergab. Zugrunde legt er außerdem einen Vertrag, der zwischen den Anwohnern und den Piraten geschlossen worden war. In dem sei genau definiert, dass sich die Piraten an die gesetzlichen Werte halten werden, so Renzow. Als sie das wiederholt nicht taten, machten die Familien bereits vor einigen Jahren eine Vertragsstrafe geltend, die die Piraten, nachdem die Sache bis ans Oberlandesgericht ging, auch zahlten. Unterm Strich arbeiteten sie an der Lautstärke, verlegten ihre Vorstellungen eine halbe Stunde nach vorne und boten ein Feuerwerk nur noch zu Beginn und zum Abschluss der Saison. Messungen hätten aber ergeben, so Renzow, dass weiterhin Richtwerte nicht eingehalten würden. Deshalb entschieden sich seine Mandanten für den Schritt der einstweiligen Verfügung. „Wir wollen nicht das künstlerische Konzept des Intendanten angreifen, sondern lediglich, dass sich die Veranstalter an das Gesetz halten“, so Torsten Renzow, der es an einem Beispiel verdeutlichte: „Ich kann auch nicht in Mallentin 100 km/h fahren und, nachdem ich geblitzt wurde, sagen, dass mein Auto nun mal so schnell fährt.“

Vorschläge für eine weitere Lärmreduzierung gibt es von Seiten des Landkreises und von Lärmgutachtern, erläuterte Renzow. Unter anderem sei von Satelliten-Lautsprechern die Rede gewesen, die in den Zuschauerrängen angebracht werden können und „weniger Lärm entwickeln“, so der Anwalt, der seit 2007 die Familien vertritt und vor dem Bau des Piratengeländes auf das Kiebitzmoor als Spielstätte verwies: „Dort hätte es kaum Lärmbelästigung gegeben. Diese Meinung vertrete ich noch heute.“ Auf eine einvernehmliche Lösung ist Grevesmühlens Bürgermeister Lars Prahler bedacht und schlug drei Termine für ein Treffen der beiden Parteien mit ihm vor. Nun soll es der 12. September sein. „Aber wir sind schon mehrfach von den Piraten wegen angeblicher Geschäftstermine vertröstet worden“, so Renzow, der dieses Mal auf ein Treffen hofft.

Persönliche Empfindung respektieren

Der in der Öffentlichkeit ausgetragene Streit zwischen den Piraten und den Anwohnern beschäftigt auch manche Zuschauer. Annette Krenovsky (61) aus München hatte einen Sonntag genutzt, um sich gemeinsam mit ihrem Enkel Joshua (7) eine Vorstellung anzuschauen. Beide waren begeistert von der Geschichte um die Rettung Captain Flints, der im Stück „Exekution in Cartagena“ hingerichtet werden soll. Auch wenn sich Joshua immer mal wieder Augen und Ohren zuhielt und Schutz bei seiner Omi suchte – immer dann, wenn die Feuer „gefährlich“ hoch loderten und Musketen- und Böllerschüsse die Luft erschütterten –, fieberte er mit den Schauspielern von der ersten bis zur letzten Minute mit. „Wir hätten ohne die Piraten Grevesmühlen vermutlich nicht kennengelernt“, sagte Annette Krenovsky. Auf die Frage, wie sie den Konflikt zwischen einigen Anwohnern und den Theatermachern empfindet, sagt die Psychologin, die in ihren Seminaren überall in Deutschland in Sachen Personalentwicklung, Konfliktbewältigung und Potentialergründung für Firmen und Privatpersonen unterwegs ist, dass sie nachvollziehen kann, was die Kläger bewegt: „Letztlich ist es egal, ob es nur ein, zwei Menschen stört. Das persönliche Empfinden kann oft ganz anders liegen, als das kollektive. Und das ist zu respektieren.“ Natürlich wäre der Verlust des Open Air-Theaters für eine kleine Stadt wie Grevesmühlen etwas sehr Bedauerliches, ergänzt sie. „Die Urlauber wirken als Multiplikatoren. Sie erzählen von ihren Erlebnissen im Urlaub und motivieren andere, auch hierherzukommen. Und sie lassen ihr Geld in der Stadt.“ Den Vorschlag des Grevesmühlener Bürgermeisters, die Konfliktparteien in Kontakt zu bringen, hält die Psychologin für den richtigen Weg: „Es gibt mittlerweile überall gute, erfahrene Mediatoren, die behilflich sein können, eine einvernehmliche Lösung zu finden, mit der alle leben können.“

Wovon sie gar nichts hält, ist, dass eine „Hexenjagd“ auf die Anwohner beginnt, die sich gestört fühlen. Sie gibt ehrlich zu, dass sie es auch nicht ganz optimal finden würde, genau neben einem Freilufttheater zu wohnen. „Auch wenn es nur die Sommersaison betrifft, das ist nun einmal die Jahreszeit, in der sich Menschen im Garten, im Freien aufhalten wollen. Wer empfindlich ist, aus welchen Gründen auch immer, kann sich in seiner Lebensqualität auf Dauer enorm beeinträchtigt fühlen.“ Die Voraussetzung für jede Art von guter Konfliktlösung sei immer die direkte Kommunikation: „Jede Seite sollte sich für die Situation der Gegenseite zumindest einmal öffnen, mal aus der eigenen begrenzten Sichtweise heraustreten und sich in die Rolle des anderen hineinversetzen.“

 Jana Franke und Annett Meinke

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