Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Nordwestmecklenburg „Ohne Kirche gäbe es Beidendorf nicht“
Lokales Nordwestmecklenburg „Ohne Kirche gäbe es Beidendorf nicht“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:12 29.06.2017

. Zentimetergenau platziert Lars Maronn die schweren Bühnenelemente vor dem Altar der Beidendorfer Dorfkirche. Die Bühne ist nur fünf Meter lang – eine der kleinsten bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommerns. Am gleichen Abend will der kräftige Bühnenarbeiter selbst im Publikum sitzen. „Es ist etwas Besonderes, ein Konzert in der intimen Atmosphäre einer kleinen Kirche zu erleben.“

Festspiele MV in Beidendorf

Der stellvertretende Bürgermeister, Wolfgang Höfer, ist voller Vorfreude, als er zwischen den weißen Kirchbänken entlang geht. „Es wird rappelvoll sein. Bis jetzt waren die Festspiele bei uns immer ausverkauft.“ Die Kirche fasst bis zu 250 Menschen, doch kommen werden mehr, schätzt Höfer. Vor der Kirche stehen bereits zwei Catering-Zelte und ein mobiles Toilettenhäuschen – alles wie bei den Großevents, nur kleiner. Gestern Abend ist es dann soweit – die Musik erklingt.

Die Festspiele hat Höfers Ehefrau, Anne Homann-Trieps, nach Beidendorf geholt. Sie ist Vorstand des Vereins Festsspielfreunde und habe die Verantwortlichen schnell für das kleine Dorf begeistern können, sagt Höfer. „Der Intendant war sofort begeistert von der Akustik der Kirche und dem Ambiente ringsum.“ Die Festspiele finden hier schon zum fünften Mal statt.

Gemeinschaft trotz Kilometern

Mit zehn Zentimeter hohen Absätzen geht Bürgermeisterin Stefanie Kirsch durchs Dorf. Weder das harte Kopfsteinpflaster noch die unwegsamen Feldwege machen ihr etwas aus. In der Hand hält sie ein dickes Schlüsselbund: „So habe ich die Schlüssel aller wichtigen Gebäude in der Gemeinde in einer Hand“, erklärt die 35-Jährige. Sie ist die jüngste Bürgermeisterin in ganz Mecklenburg-Vorpommern, nur ein männlicher Kollege ist jünger. „Hier ist sie die Schlüsselperson“, witzelt ihr Vize Höfer.

Die Zollbeamtin ist vor drei Jahren ins Amt gewählt worden. Davor hat sie sich im Landeselternrat engagiert. „Wenn sie für das Wohl der Kinder sorgen kann, schafft sie es auch, für unser Wohl zu sorgen, haben sich wohl die Bürger gedacht“, sagt Kirsch. Die Bürgermeisterin strotzt vor Ideen: Erneuerung des Friedhofs, Straßensanierung, neue Radwege. Das Wichtigste sei es aber, nah an den Menschen zu sein, sagt sie. In jedem Dorf gibt es einen Aushang mit ihrer Telefonnummer – jederzeit soll man sie erreichen können. „Es sind die kleinen Sorgen, die die Bürger bewegen.“ Mal fehle im Dorf eine Bank, mal müsse der Löschteich gesäubert werden. „Wenn wir als Bürgermeister den Menschen nicht zuhören, wer in der Politik tut es dann?“, sagt Kirsch.

Eines ihrer wichtigsten Anliegen ist es, das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu stärken. Nach der Gemeindefusion im Jahr 2004 sei es für die Menschen schwer gewesen, sich mit ihrer neuen Gemeinde zu identifizieren. Kirsch ist sich aber sicher: Durch gemeinsame Feste, Freiwillige Feuerwehr, Grundschule und Kindergarten finden die Menschen zueinander. Auch die Pastorin der Kirchengemeinde Dambeck-Beidendorf, Daniela Raatz, glaubt an ein Zusammenwachsen. „Ich wünsche es mir, die Menschen aus den unterschiedlichen Dörfern zusammenzubringen.“ Die Dorfkirche sei dabei ein wichtiger Mittelpunkt, auch für Menschen, die nicht Mitglied in der Gemeinde sind. „Ohne die Kirche würde es Beidendorf nicht geben“, ist sich die Pastorin sicher.

Beidendorf wächst

Die Einwohnerzahl von Beidendorf ist seit 2000 von 400 auf 450 gestiegen. In den vergangenen Jahren sind auf den vorhandenen Neubaugebieten viele Häuser entstanden, berichtet die Bürgermeisterin. „Bis 2021 wird es vorerst kein weiteres Bauland geben.“ Es ziehen vor allem junge Familien und Rentner zu. Im Nachbardorf gibt es Kindergarten und Grundschule. Beste Voraussetzungen also, wenn man Nachwuchs hat.

Die Älteren suchen Ruhe. So wie Sabine Hecht. Die 68-Jährige ist vor zwei Jahren mit Ehemann und Sohn von Wismar nach Beidendorf gezogen, um der Hektik der Stadt zu entfliehen. An ihrem Haus ist ein Straßenschild angebracht – darauf steht „Am Dorfteich“. Unter dem Schriftzug ist ein kleiner Hecht zu sehen. „Das hat mein Sohn gemalt“, erzählt die Rentnerin. Mit Schubkarre und Harke steht sie inmitten selbst gepflanzter Blumenbeete. „Hier habe ich noch viel zu tun!“ sagt sie.

Wolfgang Höfer zog mit seiner Frau bereits im Jahr 1997 nach Beidendorf. Der pensionierte Notar arbeitete in Wismar und seine Frau in Schwerin. „Wir haben uns hier einfach in der Mitte getroffen. Das ist doch fair, nicht wahr?“, sagt der 70-Jährige und lächelt. So einfach war das aber doch nicht. Die Eheleute hatten sich entschlossen, das alte Pfarrhaus von der Kirchengemeinde zu kaufen. Höfer war lange Zeit skeptisch, denn das Gebäude war riesig und vor allen Dingen marode. „Um den Zweifel zu zerstreuen, nahm ich einen Stuhl und setzte mich mal in den Garten, mal ins Wohnzimmer des Pfarrhauses. Nach einer Weile gefiel mir plötzlich der Gedanke, hier zu wohnen“ erinnert sich der heutige Vize-Bürgermeister.

Das denkmalgeschützte Haus musste aufwändig saniert werden. Höfer ließ das verfaulte Fachwerk austauschen, baute die Fenster originalgetreu nach und deckte das Dach neu. „Mit Augenmaß und Zollstock rollte der Maurer jeden Sockelstein einzeln ein“, erinnert sich der Notar. Selbst Hand angelegt hat er während der einjährigen Sanierung nicht. „Ich hätte wohl mehr kaputtgemacht als geholfen.“ Die Gesamtkosten der Sanierung schätzt Höfer auf weit mehr als eine halbe Million Euro.

Auch die alte Dorfkirche ist vor knapp 20 Jahren saniert worden. Der Innenraum hat einen hellen Anstrich bekommen und sorgt für eine bessere Stimmung bei den Besuchern. Voller Ehrfurcht geht Pastorin Raatz durch das Kirchenschiff und beschreibt, wie bewegend es ist, Kinder durch den Raum zu führen: „Wie viele Generationen haben bloß hier geweint, gelacht und gebetet! Wenn Kinder das realisieren, staunen sie ganz schön.“

Alexander Salenko

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Beidendorf liegt 11 km südwestlich von Wismar. Auch Bad Kleinen ist rund 11 km vom Dorf entfernt. Die Landschaft wurde durch die Eiszeit geprägt und hat einen hügeligen Charakter.

29.06.2017

Landhof Bobitz betreibt Viehzucht und produziert Strom.

29.06.2017

Mehr Erträge bei Gerste und Weizen als im Vorjahr erwartet / Kohlschotenmücke befällt Raps.

29.06.2017
Anzeige