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Nordwestmecklenburg Der lange Weg nach oben
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22:10 29.05.2018
Faszinierende Aussicht in Richtung Norden, die Stadt Grevesmühen ist vor lauter Grün kaum zu erkennen. Quelle: Fotos: Michael Prochnow
Grevesmühlen

Ein dumpfes Rauschen erklingt, sobald eines der drei gewaltigen Rotorblätter wenige Meter über der Erde entlangfährt. Vor der Windkraftanlage steht Uwe Dramm, Prokurist der Grevesmühlener Stadtwerke, und erklärt die Eckdaten der Anlage, die 2010 errichtet wurde und mit ihren vier Gigawattstunden Strom pro Jahr etwa 1600 Haushalte versorgt. Uwe Dramm steckt bereits im Klettergeschirr, das notwendig ist, um die 80 Meter auf der Leiter im Inneren des Turms zu bewältigen. Torsten Perschk, Tino Kinski, Laura Streit – allesamt Mitarbeiter der Stadtwerke – sowie Ingenieur Heimo Wittenburg aus Wölschendorf und Redakteur Michael Prochnow nutzen die Chance, auf die Anlage zu klettern. „Höhenangst sollte man nicht haben“, erklärt Uwe Dramm. „Und körperlich fit sein.“

Die Grevesmühlener Stadtwerke betreiben eine Windkraftanlage bei Questin / Die LN klettern auf 80 Meter Höhe / Ein Aus- und Rückblick zum Thema Wind.

Dann schaltet er die Anlage ab. Innerhalb weniger Sekunden stehen die gigantischen Rotorblätter still. Stille macht sich breit. Auch im Inneren des Turms. Dann stehen wir an der Leiter. Uwe Dramm:

„Das Klettergeschirr sorgt dafür, dass ihr nicht nach unten rutschen könnt“. Der Blick nach oben im Turm verheißt nichts Gutes, bis zur ersten Plattform sind es mindestens 20 Meter. Den Gurt einklinken, die Hände an die Aluleiter, dann geht es aufwärts.

Direkt über mir klettert Stadtwerke-Ingenieur Tino Kinski. 31 Jahre jung und durchtrainiert. Dementsprechend ist sein Tempo. Die erste Plattform liegt unter uns, wir sind 30 Meter über dem Erdboden.

Bloß nicht nach unten schauen, den Blick auf die Leiter richten. Trotzdem ist es ein mulmiges Gefühl. „Das kostet ganz schön Kraft“, sagt Tino Kinski. Der 31-Jährige hat vor wenigen Monaten sein Studium beendet, kümmert sich um den Netzbereich und das Thema „Regenerative Energien“ bei den Stadtwerken. Deshalb klettert er mit auf den Turm. „Aus Neugier und weil es ein Bereich ist, der auch beruflich für mich wichtig ist.“

Hinter mir steigt Laura Streit die Leiter hinauf, 21 Jahre jung, Abteilung „Strategische Unternehmensentwicklung“ der Stadtwerke. „Wir planen die Zukunft des Unternehmens“, erklärt die junge Frau.

Sie hat ihre Ausbildung bei den Stadtwerken gemacht, hängt jetzt ein Fernstudium dran. Der Ausblick in 80 Metern Höhe ist faszinierend, aber auch gewöhnungsbedürftig. Die junge Frau steckt vorsichtig den Kopf aus dem Fenster des Maschinenraums, der die Ausmaße eines Reisebusses hat. „Ganz schön hoch.“ Später setzt sie sich auf das Dach des Maschinenhauses. Torsten Perschk, technischer Leiter für die Energieerzeugung, bleibt auf der Leiter stehen. Er ist mit raufgeklettert, „um zu sehen, wie unsere Anlage von innen und von oben aussieht. Wenn wir schon mal die Chance haben, dann wollte ich sie auch nutzen.“ Perschk (37) gehört zum Stamm der gut ausgebildeten Mitarbeiter.

Zum Team gehört an diesem Tag auch Heimo Wittenburg. Der Unternehmer besitzt ein Planungsbüro in Wölschendorf. Wittenburg fährt einen Tesla, hat seine Familie mit E-Golfs ausgestattet und setzt auf erneuerbare Energien, er investiert in die Zukunft. Der Weg auf die Windkraftanlage war schon länger ein Wunsch. Lange blickt er über die Landschaft rund um die Anlage.

Grevesmühlen, obwohl nur zwei Kilometer Luftlinie entfernt, ist vor lauter Grün nicht zu erkennen. Das Gewerbegebiet in Upahl ist zu erkennen, das Arla-Logo ragt über die Bäume. Die Windkraftgebiete nahe Testorf sind gut zu sehen, die Anlagen rund um Schönberg, selbst bis kurz vor Schwerin reicht der Blick. Die Windräder bestimmen das Landschaftsbild. „Natürlich kann man das auch kritisch sehen“, sagt Uwe Dramm, der auch privat eine Windkraftanlage im Klützer Winkel betreibt. „Wenn wir unsere Anlage für Besucher öffnen, kommen auch Leute, die die Windräder nicht gern sehen. Wichtig ist, dass wir darüber sprechen.“ Einen Wildwuchs könne und dürfe es nicht geben, betont Dramm.

Die Stadtwerke planen derweil den nächsten Schritt. Weil die Regionalplanung neue Gebiete für Windkraft ausweisen wird, will das Unternehmen investieren. Bei Santow könnten demnächst neue Windkraftanlagen entstehen – von den Stadtwerken. „Es ist kein Geheimnis“, so Uwe Dramm. „Und wenn es soweit ist, dann wollen wir, dass der Gewinn in Grevesmühlen bleibt. Deshalb engagieren wir uns.“

Die Anlagen

2010 errichtete die Wismarer Firma Kenersys gegen den Willen der Stadt die vier Windkraftanlagen bei Questin. Der Bau wurde genehmigt, da Kenersys das Areal als Testfeld für seine Entwicklungsabteilung deklarierte.

Kenersys ist inzwischen pleite. Die Stadtwerke Grevesmühlen erwarben eine der Anlagen, die Firma Windprojekt betreibt zwei weitere. Auch die vierte Anlage ist verkauft.

Ende 2015 verlor eine der Anlagen der Firma Windprojekt ein Rotorblatt. Das Bauteil, das offenbar einen Materialfehler aufwies, bohrte sich metertief in den Ackerboden.

Im August 2016 wurde es repariert.

 Michael Prochnow

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