Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 1 ° Regenschauer

Navigation:
„Russland kann man nicht verstehen, nur akzeptieren“

Neu Degtow „Russland kann man nicht verstehen, nur akzeptieren“

Der Grevesmühlener Tierarzt Detlev Romeyke über Russland, sein ehrenamtliches Engagement in Kaliningrad und die kleinen Ziele in seinem Leben.

Voriger Artikel
Verwaltung zeitweise geschlossen
Nächster Artikel
Vergangene Aktionen

Ein Bild aus der Zeit vor 1945, Königsberg war viele Jahrhunderte das geistige und kulturelle Zentrum Ostpreußens.

Neu Degtow. Er kann nicht mehr sagen, wann der Schalter umgelegt wurde. Als aus Wut über das, was seine Familie während des Zweiten Weltkriegs erlitten hatte, Neugier wurde, später Sympathie für den Osten. „Dabei bin ich damit aufgewachsen, dass wir die Russen eigentlich nicht mögen“, sagt Detlev Romeyke. Seine Vorfahren wurde vertrieben, haben Schlimmes erlebt und nie vergessen. Romeyke ist 69 Jahre alt, Tierarzt und betreibt seine Praxis in Neu Degtow „eigentlich nur noch, weil die Leute immer noch zu mir kommen“. Er müsste eigentlich nicht mehr arbeiten, er tut es trotzdem.

Er hätte auch nie in den Osten fahren müssen. Und doch steht er im Sommer 1989 mit Freunden und einem Fahrrad an der Grenze von Litauen zu Kaliningrad. Absolutes Sperrgebiet seit Kriegsende.

Eigentlich. Doch Glasnost und Petrestroika haben die Welt aus den Angeln gehoben. Romeyke und seinen Freunden gelingt, was 40 Jahre unmöglich war. Sie dürfen nach Kaliningrad, ehemals Königsberg.

„Doch viel war nicht mehr übrig von Ostpreußen“, sagt der 69-Jährige. „Der Kommunismus hatte alles heruntergewirtschaftet.“ Es sah schlimm aus.

Und doch fährt er immer wieder dorthin. Aus Neugier wird Leidenschaft und aus der Leidenschaft irgendwann der Gedanke, dass er mehr tun müsse, als nur zuschauen. Er meldet sich beim Senioren-Experten-Service (SES) an, einer Organisation, die Fachleute in Entwicklungsländer entsendet, damit sie ihr Wissen weitergeben. Weil er ein wenig russisch spricht, schickt in der SES in den Osten. In die Mongolei, nach Kasachstan, in den Ural. „Ich habe den kleinen Betrieben geholfen bei der Milchwirtschaft.“

Romeyke ist im Nordwestkreis als Tierarzt unter anderem bei den Milchbauern unterwegs, kümmert sich um die Kühe, die Probleme machen. Er redet nicht viel, er packt an. Die Russen mögen den Mann aus Deutschland, der keine Vorträge über Pünktlichkeit und Rationalisierung hält, sondern im Kuhstall steht und ihnen zeigt, wie es funktionieren kann. „Es gibt ja viele Organisationen, die im Osten helfen. Aber man kann reden soviel man will, das hilft nicht immer.“ Die Menschen dort sind ein eigener Schlag. Man kann sich stundenlang damit auseinandersetzen, dass die Milchkühe in Russland keine beschnittenen Schwänze haben. In Deutschland ist das Vorschrift, wegen der Hygiene. „Aber so sind die Menschen dort nunmal, sie glauben, dass das Unglück bringt. Also lassen wir es so, wie es ist“, sagt Detlev Romeyke. „Das ist wie in der Politik, Bismark hat schon damals gesagt, dass man die Russen in Ruhe lassen muss. Ich finde es nicht gut, dass man sich so auf Putin versteift, wir müssen mehr miteinander reden.“

Das würde der 69-Jährige auch gern in Deutschland tun. „Aber es gibt hier nicht allzu viele Menschen, die sich für Kaliningrad interessieren, schade eigentlich.“ An seinem Haus in Neu Degtow hängt neben der Deutschland- und eine Russlandfahne. Der 69-Jährige schert sich wenig um Konventionen. Er sagt, was er denkt. Er hält auch nicht viel von der aktuellen Flüchtlingspolitik in Deutschland.

„Das muss auch mal gesagt werden.“

Immer weniger Deutsche fahren nach Kaliningrad. Die ehemaligen Bewohner Ostpreußens, die nach der Öffnung der Enklave Busladungsweise dort einreisten, sind mittlerweile in einem Alter, das das Reisen schwierig macht. „Wir schauen schon immer, ob wir nicht auch ein anderes deutschen Kennzeichen sehen, wenn wir dort sind. Aber das ist wirklich die Ausnahme inzwischen.“

Romeyke fährt trotzdem. Zweimal im Jahr, jeweils drei Wochen. Wie lange noch? „Solange ich Spaß daran habe.“ Er hat seinen eigenen Kopf, den hatte er schon immer, wenn man seine Berufskollegen in Grevesmühlen fragt. In seiner Praxis hängt ein überlebensgroßes Bild, auf dem alle Veterinäre der Region zu sehen sind. Zum 60. Geburtstag gab es das Bild. Das Kollektiv kam noch einmal zusammen.

Der 69-Jährige fühlt sich wohl in den Strukturen der russischen Wirtschaft, die eine seltsame Mischung aus Traditionen der kommunistischen Vergangenheit und der modernen Marktwirtschaft ist. „Die Betriebe haben es schwer, das ist eine Tatsache. Aber sie wollen die Hilfe.“ Und neben der ganzen Arbeit gibt es natürlich auch private Kontakte, und ein Stück deutsch/sowjetischer Geschichte mit dazu. „Mit gefällt es einfach dort, und wenn ich den Leuten erzähle, dass die russische Fahne auf meinem Grundstück weht, dann freuen sie sich.“ Sein Russisch ist alles andere als perfekt. „Wäre schön, wenn es besser wäre. Aber es reicht um zu sagen, was ich will.“ Und um anzupacken. Er hat einige Organisationen in Kaliningrad kommen und gehen sehen. Der gute Wille reicht oft nicht.

Enthusiasmus braucht es, Leidenschaft. „Und ein bisschen verrückt muss man wohl auch sein“, sagt er und lacht.

Die Geschichte der Stadt
Königsberg in Preußen war seit 1724 die Königliche Haupt- und Residenzstadt in Preußen. Bis 1936 hieß die Stadt offiziell Königsberg i. Pr., danach Königsberg (Pr). Die Stadt liegt im Südosten der Halbinsel Samland in der Pregelniederung. Bis 1945 war sie als Hauptstadt der preußischen Provinz Ostpreußen deren kulturelles und wirtschaftliches Zentrum. Mit der Reichsgründung wurde sie 1871 zur nordöstlichsten Großstadt des Deutschen Reiches. Im April 1945 fiel die durch zwei verheerende britische Luftangriffe schon 1944 weitgehend zerstörte Stadt nach schweren Kämpfen in die Hand der Roten Armee. Durch das Potsdamer Abkommen wurde Ostpreußen mit den anderen deutschen Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie von Deutschland abgetrennt. Das nördliche Ostpreußen mit der Provinzhauptstadt Königsberg kam unter sowjetische Verwaltung und wurde militärisches Sperrgebiet. 1946 erfolgte die Umbenennung in Kaliningrad.
Es gibt hier nicht allzu viele Menschen, die sich für Kaliningrad interessieren, schade eigentlich.“ Detlev Romeyke

Michael Prochnow

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nordwestmecklenburg
Reporter vor Ort

In einer fortlaufenden Galerie zeigen wir Ihnen jeden Tag die wichtigsten Bilder aus Lübeck und den umliegenden Kreisen. Klicken Sie hier, um die Galerie für den November 2017 zu sehen!

Was wäre nun Ihre bevorzugte Lösung?

  • Hochzeitszauber
    Tipps und Tricks zum Planen und Organisieren Ihrer Hochzeit. Ob Location, Dekoration, Trauringe, Flitterwochen, Catering - hier finden Sie Informationen und kompetente Ansprechpartner in und um Lübeck für Ihre Traumhochzeit.

    Tipps und Tricks zum Planen und Organisieren Ihrer Hochzeit. Ob Location, Dekoration, Trauringe, Flitterwochen, Catering - hier finden Sie Informat... mehr

  • Reisetipps
    In unserem Reiseportal finden Sie viele Tipps & Tricks für Reisende und Urlauber.

    In unserem Reiseportal finden Sie viele Tipps & Tricks für Reisende und Urlauber. mehr

  • Events & Veranstaltungen
    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe.

    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe. mehr

  • Essen und Trinken
    Hier erfahren Sie alles rund um die Themen Essen und Trinken. Neue Rezepte und Tipps, worauf muss ich bei den Lebensmitteln achten, wo finde ich ausgefallene Restaurants und welcher Wein passt wozu.

    Hier erfahren Sie alles rund um die Themen Essen und Trinken. Neue Rezepte und Tipps, worauf muss ich bei den Lebensmitteln achten, wo finde ich au... mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Termine

Ausstellungen, Theater, Konzerte und mehr in Lübeck und Umgebung.