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Nordwestmecklenburg Schattin und Schönberg in einem Roman
Lokales Nordwestmecklenburg Schattin und Schönberg in einem Roman
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20:12 03.07.2017
Schattin/Klütz

Die Geschichte spielt in Nordwestmecklenburg. Sie beginnt damit, dass beim Mähen von Weidegras ein Reh zerhäckselt wird, die Sonne „wie eine Bombe“ auf den Flughafen von Lübeck sinkt und die Hauptfigur des Romans stehen bleibt, „weil auf Tieren immer massenhaft Bakterien rumkrauchen“. Die Gegend, in der diese Geschichte spielt, ist voller Dreck und Fliegen. Später heißt es, dass hinter dem Berg eine ganz andere Landschaft beginne, „dass da keine Felder sind, die nach Gülle stinken“.

Alina Herbing liest aus „Niemand ist bei den Kälbern“.

Die Männer, die diesseits des Berges leben, saufen Bier und schlagen Frauen. Und ihre Opfer? Lassen sich das gefallen, trösten sich mit  Kirschschnaps, haben eine Frisörin zur besten Freundin und flüchten bestenfalls aus dieser Gegend.  Die Berliner Autorin Alina Herbing las am Freitagabend Auszüge aus dieser, ihrer Geschichte. 60 Frauen und Männer hörten im Klützer Literaturhaus „Uwe Johnson“ zu.

Als die Autorin das erste Kapital ihres Buches vorträgt, wird hörbar, woher sie  stammt. Sie sagt „Mehwerk“ statt „Mähwerk“, „spet“ statt „spät“. Alina Herbing wurde 1984 in Lübeck geboren.

Aufgewachsen ist sie ein paar Kilometer weiter östlich, im mecklenburgischen Schlagsülsdorf. Anfang 2017 erschien ihr erster Roman, „Niemand ist bei den Kälbern“. Er spielt in Orten, die Schattin, Carlow, Schönberg und Rehna heißen. Der Verkauf des Romans lief gut im Windschatten eines anderen Buches, das bereits 2016 erschien, ebenfalls von unromantischen Seiten des Landlebens erzählt und sich 68 Wochen in den Bestsellerlisten hielt: „Unterleuten“. Trotz des selben Themas könnten Alina Herbings Buch und der Gesellschaftsroman von Juli Zeh unterschiedlicher kaum sein. Während „Unterleuten“ ein facettenreiches, perspektivenreiches Bild des Lebens in einem Dorf malt, kennt „Niemand ist bei den Kälbern“ nur die Ich-Perspektive. Alina Herbing malt mit detailreichen Beschreibungen ein düsteres Bild, durch das immer wieder eine Grundierung hindurchscheint: das Gefühl eines Unangenehmberührtseins.

Bei Literaturkritikern in Berlin, Hamburg und München kommt die drastische Darstellung des Landlebens gut an. Sie bestätigt Klischees von einem bildungsfernen, rückständigen Dasein im Dorf –

als wäre die Trennung von Stadt und Provinz in Zeiten von Internet, Massenmedien und Mobilität nicht längst vorbei. 

Die Reaktion des Publikums in Klütz auf Alina Herbings Roman ist unterschiedlich. Eine Frau findet ihn sehr erfrischend. Es sei genug romantisiert worden. Literaturhausleiterin Anja-Franziska Scharsich spricht von einem „sehr intensiven Blick auf das Landleben“. Das Buch zeige eine Facette. Ein Mann sagt, die Geschichte sei sehr destruktiv. Festzustellen sei seiner Meinung nach ein „pessimistischer Realismus“. 

Alina Herbing erläutert, Bücher, die auf dem Land spielen, seien ihr oft einen Tick zu nett. Deshalb habe sie Aspekte verarbeitet, die negativ sind. Auch gehe es ihr darum, patriarchalische Gesellschaftsstrukturen deutlich zu machen. Einige Darstellungen habe sie überzeichnet. Auf die Frage, ob das Buch autobiografisch ist, antwortet die Autorin: „Ich würde sagen Nein.“ So gut wie nichts sei genau so passiert, aber: „Es sind schon meine Erfahrungen drin.“ 

Anderthalb Stunden haben Lesung und Gespräch im Literaturhaus „Uwe Johnson“ gedauert. Es war ein unterhaltsamer und anregender Abend in der Veranstaltungsserie „Landlust oder Großstadtsehnsucht?“ Die Reihe lohnt auch eine Anfahrt von weiter entfernten Dörfern und Städten.

Nach der Lesung von Alina Herbing ist in den Ortschaften zwischen Klütz und Lübeck kaum ein Mensch zu sehen. Aus dunklen Wolken fallen Regentropfen auf die Straße. Sie sammeln sich in Pfützen, werfen Blasen. Die Luft riecht nach feuchter Erde und frisch gemähtem Gras. Im nächsten Dorf stehen zwei Männer vor einem Haus mit Backsteinfassade. Sie heben etwas gemeinsam hoch, gehen damit hinein. Es ist ein Kasten Bier.

Jürgen Lenz

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