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Nordwestmecklenburg Schicksalswege – dramatische Flucht am Ende des Krieges
Lokales Nordwestmecklenburg Schicksalswege – dramatische Flucht am Ende des Krieges
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20:30 02.03.2018
Dassow/Riga

Es ist der 2. Februar 1945. Eine Gruppe Menschen drängt sich auf dem Bahnhof von Dassow. Es regnet an diesem Tag im gesamten Norden, sieben Grad und ein scharfer Wind sorgen dafür, dass die Menschen enger zusammenrücken. Die Gruppe, die an diesem Morgen in Dassow ankommt, hat einen weiten Weg hinter sich. Und doch am Ende Glück, dass sie ihn bewältigt und überlebt haben. Denn die Geschichte beginnt viele Hundert Kilometer weiter im Osten. In Riga.

Am 2. Februar jährte sich zum 73. Male der Tag, an dem eine Flüchtlingsgruppe, bestehend aus etwa 70 Personen, auf dem Bahnhof der Kleinstadt Dassow im äußersten Nordwesten Mecklenburgs eintraf. Es waren Schüler und Lehrer der Deutschen Oberschule Riga.

Sie teilten das Schicksal von Hunderttausenden Menschen, die sich in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges zu Fuß, per Fahrrad, mit Pferd und Wagen oder, wenn sie Glück hatten, per Eisenbahn, auf der Flucht vor der Roten Armee befanden. Zehntausende wurden auch über den Seeweg nach Dänemark und Schleswig-Holstein in Sicherheit gebracht. Zahlreiche Zeitzeugenberichte schildern die Dramatik jener Ereignisse.

Die Geschichte der Deutschen Oberschule in Riga ist durch die Dauer der Flucht und deren Umstände, eine ganz besondere. Sie begann bereits im April 1944 und endete erst ein Jahr später auf einer kleinen Insel mitten in der Nordsee.

Zunächst wurden der Schulbetrieb und auch das private Internat auf Grund zunehmender Gefährdung durch sowjetische Luftangriffe aus dem Stadtzentrum nach Bilderlingshof (heute Bulduri) am Strand der Rigaer Bucht verlegt. Als die Front näher rückte und plötzlich Quartiermacher der Fronttruppen erschienen, war die Besorgnis groß. Die deutsche Zivilverwaltung war bereits evakuiert worden, aber die Schule am Strand hatte niemand informiert. Vielleicht war es untergegangen in den Wirren des Krieges, vielleicht hatte man sie einfach vergessen. Die wahren Gründe sind nie ermittelt worden.

Die Eisenbahnlinie von Riga nach Königsberg lag bereits unter Beschuss der Roten Armee. So blieb nur der Seeweg.

Durch glückliche Umstände gelang die Aufnahme der kompletten Schule samt Schulbibliothek auf dem Lazarettschiff „Brake“. Unter Geleitschutz ging die Fahrt Richtung Danzig. Gegen Mitternacht schrillten die Alarmglocken: „Fliegeralarm“. Sowjetische Torpedoflugzeuge griffen das Schiff an. Glücklicherweise traf kein Torpedo sein Ziel, sodass die „Brake“ unbeschadet den Danziger Hafen erreichte. Mit der Frage: „Seid ihr das Pack aus dem Osten?“ wurden die Flüchtlinge dort nicht eben freundlich empfangen.

Der Weitertransport mit Militärlastern und die Unterbringung in Borchau, einem kleinen Ort bei Preußisch Stargard, war wenigstens gut organisiert. Doch auch dort konnte man wegen zunehmender Aktivitäten polnischer Partisanen nicht lange bleiben.

So ging es Ende August weiter nach Habichtsberg in der Nähe der Halbinsel Hela. Dort richtete man sich ein, als sollte es für immer sein, denn den Siegesparolen der NS-Propaganda wurde von vielen immer noch geglaubt.

Damit war es vorbei, als die Rote Armee am 12. Januar 1945 mit 2,2 Millionen Soldaten die „Weichsel-Oder-Offensive“ begann und die deutsche Ostfront innerhalb weniger Stunden zusammenbrach.

Bei Schneesturm und eisigen Temperaturen machte sich die Rigaer Schülergruppe zu Fuß auf den zehn Kilometer langen Weg zur nächsten Bahnstation, wurde von einem Militärzug aufgenommen und gelangte unter abenteuerlichen Umständen bis nach Dassow. Damals gab es dort noch eine Zugverbindung, heute erinnert nur noch die alte Bahnbrücke über die B 105 an die Verkehrsgeschichte der Stadt.

Drei Omnibusse mit Holzgasantrieb warteten bereits und brachten alle Flüchtlinge nach Kalkhorst. Das dortige Schloss wurde bereits seit Mitte der 1930er Jahre als Schulungszentrum genutzt und bot ideale Bedingungen. Der Schulbetrieb wurde sofort wieder aufgenommen und die Oberprima legte noch im März 1945 das Abitur ab. Doch die politische und militärische Lage wurde immer chaotischer und es wurde befürchtet, dass die Rote Armee die gesamte Ostseeküste bis Schleswig-Holstein besetzen würde. So machte man sich Ende April abermals auf den Weg Richtung Nordsee-Küste und gelangte über Husum und Pellworm auf die Hallig Süderoog, wo die Odyssee der Deutschen Oberschule Riga ihr glückliches Ende fand.

Manfred Rohde

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