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Schönberg: Wo viele Nichtwähler wohnen

Schönberg Schönberg: Wo viele Nichtwähler wohnen

Nur wenige Bürger im Bezirk 3 von Schönberg habe bei der Bundestagswahl ihre Stimme abgegeben. Ein Besuch und eine Suche nach Ursachen.

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Wohnblocks aus DDR-Zeit stehen in dem Wahlbezirk mit der niedrigsten Beteiligung im Schönberger Land. Überdurchschnittlich ist dagegen der Stimmenanteil der Partei „Die Linke“ in diesem Teil von Schönberg: Sie bekam 22,4 Prozent – Platz zwei hinter der CDU, die 25,5 Prozent erhielt.

Quelle: Fotos: Jürgen Lenz

Schönberg. Hier also wohnen besonders viele Nichtwähler. An der Dassower Straße, Lindenstraße und Ernst-Barlach-Straße in Schönberg stehen Wohnblocks. Davor parken Klein- und Mittelklassewagen meist älteren Baujahrs. Auf der Straße ist an diesem trüben Herbsttag kaum jemand zu sehen. Am Sonntag sind hier nur 47,4 Prozent der Wahlberechtigten zur nahegelegenen Schule in der Dassower Straße gegangen, um ihre Stimme abzugeben – fast 30 Prozent weniger als im Bundesdurchschnitt und auch weniger als in jedem anderen Wahlbezirk im Schönberger Land.

Warum?

Mit dieser Frage angesprochen, antwortet ein Mann, der seit vielen Jahren in dem zu DDR-Zeit bebauten Teil von Schönberg lebt: „Ich denke, viele Leute haben die Versprechungen der Politik über. Total über.“ Sie würden der Politik einfach nicht mehr vertrauen, sagt der Schönberger, der seinen Namen lieber nicht in Verbindung mit Einschätzungen seiner Mitbewohner und Nachbarn in der Zeitung veröffentlicht sehen möchte.

Aber warum wählen besonders wenige Menschen in dem von Wohnblocks geprägten Teil der Stadt, wo die Mieten relativ günstig sind? Der Mann im mittleren Alter antwortet: „Hier oben in dem Bereich wohnen viele, die aus ganz unterschiedlichen Gründen auf die Hilfe des Staates angewiesen sind, aber nicht darauf vertrauen, dass diese Hilfe ihnen jetzt und in Zukunft angemessen gewährt wird.“ Es liege nicht an denjenigen, die die Linke gewählt haben, und auch nicht an ihm, betont der Mann. Er hat am Sonntag von seinem demokratischen Recht Gebrauch gemacht.

Hier, wo in den 60er bis 80er Jahren viele Angehörige von Armee und Passkontrolleinheiten einzogen, bekam die linke Vorgängerpartei PDS noch Ende der 90er Jahre gut 40 Prozent der Stimmen. Am vergangenen Sonntag reichte es für 22,4 Prozent und damit für Platz zwei hinter der CDU mit 25,5 Prozent und vor der SPD, die 21,45 Prozent erhielt. Seit Wende und Grenzöffnung 1989/90 sind hier viele potenzielle Wähler der Linken weggezogen, verstorben, zu Nichtwählern geworden oder sie haben sich anderen Parteien zugewandt – so wie der ältere Mann, der in diesem Moment in der Dassower Straße vor die Haustür tritt. Auf die Frage, wie er sich die niedrige Wahlbeteiligung in diesem Teil von Schönberg erklären kann, antwortet er: „Ich verstehe es nicht.“ Dann berichtet er:

„Ich sage es Ihnen ganz offen: Ich habe die gewählt, bei denen man noch Bedenken hat: die AfD.“ Seine Frau habe sich für die CDU entschieden, „für die Kanzlerin.“ Warum gab er seine Stimme der AfD?

Dafür nennt der Rentner mehrere Gründe. Zuerst lässt er mit drastischen Worten erkennen, dass er mit allen Parteien unzufrieden ist. Keine sei für seine Hauptanliegen zu sprechen gewesen. Was ihm dagegen gefiel, war der Slogan der AfD:„Mut zur Wahrheit“. „Die anderen Parteien hatten diesen Mut nicht“, kritisiert der Mann vor der Haustür. Dann nennt er einen weiteren Grund für seine Entscheidung pro AfD: „Um die anderen Parteien aufzurütteln.“

Nicht viel zur Wahl sagen: Das möchte eine Frau mit bunten Haaren, als sie mit ihrer kleinen Tochter an der Hand über die Ernst-Barlach-Straße trottet. Eines lässt sie wissen: „Die ganzen Politiker interessieren mich nicht, auch nicht die von der AfD.“ Dann geht die junge Frau weiter.

Die Wahlbeteiligung im Bezirk 3 in Schönberg wäre noch geringer ausgefallen, lägen in ihm nur Lindenstraße, Dassower Straße und Ernst-Barlach-Straße. Zu ihm gehören auch zwei Dörfer und einige Straßen wie der Ahornring, die Feldstraße und die Obere Feldstraße, wo der Anteil an Wohneigentum viel größer ist als in dem vom Geschosswohnungsbau der 60er bis 80er Jahren geprägten Teil. Eine Auswertung der Ergebnisse im Schönberger Land macht deutlich, dass in Dörfern mehr Menschen zur Wahl gehen als in den großen Kommunen und dass die Beteiligung in wohlhabenderen Stadtteilen höher ist als in denen mit finanziell schwächeren Milieus. Im Schönberger Bezirk 1 beispielsweise gingen am Sonntag nicht 47,4 Prozent der Erwachsenen zum Wahlbüro, um den Stimmzettel abzugeben, sondern 61,64 Prozent.

Noch deutlicher fällt der Unterschied zwischen den Bezirken 3 und 1 in Schönberg bei einer Analyse der jüngsten Wahlen der Stadtvertreter und des Bürgermeisters im Jahr 2014 aus. Im Bezirk

1 gaben damals fast genau so viele Menschen ihren Stimmzettel ab wie bei der Bundestagswahl am vorigen Sonntag: 61,54 Prozent. Im Bezirk 3 waren es dagegen nur 31,89 Prozent. Dort erhielt der Bürgermeisterkandidat Michael Heinze (Die Linke) eine Mehrheit der Stimmen, im Schönberger Gesamtergebnis hingegen nicht.

Mehr Demokratie im Kleinen

Gemeinden mit eher wenigen Bürgern sind verglichen mit größeren Kommunen und Städten die Hochburgen der Demokratie. Diese Tendenz lässt sich aus einer Analyse der Wahlergebnisse im Schönberger Land ablesen. Die drei Bezirke mit der größten Beteiligung sind Kommunen, in denen zwischen 180 und 390 Frauen, Männer und Kinder zu Hause sind.

Ins Wahlbüro in Lockwisch, wo auch die Sitzungen der Gemeindevertretung gut besucht werden, gingen 67,9 Prozent der Erwachsenen, um ihre Stimmen abzugeben. Platz zwei im Schönberger Land: die Gemeinde Grieben mit 67,6 Prozent vor Roduchelstorf mit 66,2 Prozent.

Auffällig: Die AfD kam in allen kleinen Gemeinden auf einen geringeren Anteil der Stimmen als im Landesdurchschnitt von Mecklenburg-Vorpommern. Vielleicht einzigartig: die Tierschutzpartei mit 4,7 Prozent in Menzendorf. jl

 Jürgen Lenz

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