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Nordwestmecklenburg Schuhe sind ihre Leidenschaft
Lokales Nordwestmecklenburg Schuhe sind ihre Leidenschaft
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00:00 20.10.2012
Nordwestmecklenburg

Grevesmühlen – Wer durch die Tür von „Puschensuse“ Christin Büttner tritt, wird als Erstes von Border Collie „Chucho“ begrüßt. Normalerweise liegt der Hund hinter dem Verkaufstresen und guckt seinem Frauchen bei der Arbeit zu. Wenn Kundschaft kommt, dann bellt er manchmal. „Keine Sorge, er ist ganz lieb“, sagt Christin Büttner, wischt sich die Hände an der Schürze ab und krault den Hund liebevoll. „Kommen Sie ’rein.“ Die Frau mit den blaugrauen Augen und den kunstvoll verfilzten Haaren hat im März vergangenen Jahres eine kleine Schuhmacherei in der Wismarschen Straße in Grevesmühlen bezogen. Dort repariert die 43-Jährige Schuhe, flickt Reiterzubehör und erfüllt auch Sonderwünsche. Doch davon allein kann sie nicht leben. Deshalb kürzt sie auch Kleidung und nimmt Rezepte für orthopädische Einlagen entgegen. „Ich arbeite mit einem renommierten Orthopädieschuhtechniker auf der Insel Rügen zusammen“, sagt sie. Es sei nicht leicht, sich in dem Handwerk zu behaupten. Man müsse kreativ sein.Manchmal kommen der gelernten Orthopädieschuhtechnikerin Zweifel. Dann staunt sie über ihren eigenen Mut, den sie hatte, als sie ihren sicheren Job aufgab und sich mithilfe eines Förderkredits vom Landesförderinstitut M-V selbstständig machte. „Hier kannten mich schon viele – das ist ein Vorteil“, sagt Christin Büttner. Ihre Freunde hätten sie außerdem zu diesem Schritt ermutigt, seien vom Projekt „Puschensuse“ begeistert gewesen. Auch wenn sie heute mehr Zeit investieren muss: „Ich sitze auch oft am Wochenende noch hier, dann habe ich die nötige Ruhe, die kniffeligen Sachen zu machen.“ Am Anfang sei das Geschäft schleppend angelaufen, nun gehe es einigermaßen. Die Arbeit macht ihr Spaß, das lässt sie durchhalten, trotz der Zweifel. „Ich kann mir keinen besseren Beruf vorstellen“, sagt die Mutter von drei Kindern. Mit 17 hat sie ihr erstes Kind bekommen. „Das war zu DDR-Zeiten fast normal“, erinnert sie sich. Zwei Söhne und eine Tochter hat sie großgezogen. Als die Kinder aus dem Gröbsten raus waren, wollte sie arbeiten. „Ich wollte etwas mit Kopf und Händen machen.“ Den ganzen Tag im Büro sitzen, das sei nichts für sie. Als sie beim Orthopädieschuhtechniker Arnold Kapelke in Grevesmühlen in die Lehre ging, war sie 27. Als Christin Büttner erst ein paar Jahre als Schuhmacherin gearbeitet hatte, wurde bei ihr Multiple Sklerose (MS) festgestellt, eine Krankheit, bei der das Nervensystem angegriffen wird. „Ich dachte, ich kann nie wieder in meinem Beruf arbeiten.“ Doch sie kämpfte sich wieder heran, machte weiter. „Heute denke ich nicht mehr darüber nach – das ist mein Weg, damit umzugehen.“ Das Arbeitsamt schlug ihr damals vor, eine Umschulung zu machen. Im Jahr 2004 begann sie eine Ausbildung zur Kauffrau im Gesundheitswesen. Sie habe gleich gemerkt, dass es nicht das Richtige für sie ist. „Ich habe mich immer als Schuhmacherin gesehen.“ Trotzdem zieht sie die Umschulung bis zum Ende durch, bevor sie wieder zu Kapelke zurückkehrt. „Man nimmt überall etwas für sich mit.“ Zum Beispiel den Namen „Puschensuse“. Den hat sich ihr Mann ausgedacht. Als sie im Rahmen der Umschulung Rechnungswesen paukte („Doof und langweilig!“), schrieb ihr Mann seiner Frau jeden Tag eine Kurznachricht mit dem Handy, um sie aufzumuntern. Jedes Mal benutzte er eine andere Anrede: Latschenschmiedin nannte er sie, oder Galoschenjule. Puschensuse ist hängengeblieben und prangt nun in grünen Lettern auf der Schaufensterscheibe ihres Ladens. Der Name funktioniert. Eine alte Dame hat ihn gelesen, jetzt bringt sie ihren Schuh. Der Absatz ist abgebrochen, und sie muss unbedingt noch ihren Bus erwischen. Christin Büttner legt ihre Arbeit beiseite, sieht sich den Schuh an und verschwindet in ihrer für Außenstehende etwas chaotisch anmutenden Arbeitsecke. „Ich brauche das Chaos um mich herum – wenn ich aufräume, finde ich nichts mehr wieder.“ Die Kundin blickt sich derweil im Laden um. An der Wand hängen Fotos, im Schaufenster steht eine alte Singer-Nähmaschine. Christin Büttner arbeitet an Maschinen aus den 80er-Jahren. Eine Schleif- und Poliermaschine sowie eine Presse der Firma Hardo stammen aus dem Jahr 1983. „Ich habe sie einem alten Schuhmacher aus Berlin abgekauft, der seine Werkstatt aufgelöst hat“, erzählt die 43-Jährige. Alles sieht ein wenig antik aus. Aber es funktioniert. Schuhe herstellen und reparieren, das ist ihr tägliches Geschäft. Doch sie kann noch mehr. „Ich mache alles und bin zu jeder Schandtat bereit.“ Sie versuche jeden Wunsch zu erfüllen, egal wie ausgefallen. Manchmal müsse sie dann eine Nacht drüber schlafen, aber meistens finde sie eine Lösung. „Einmal sollte ich einen alten Ledermantel zu einem Hundebett umnähen“, erzählt sie. Da sei sie an ihre Grenzen gestoßen. In ihrer Arbeitsecke liegt eine Skizze mit den Maßen eines Hundes. „Die hat mir eine Kundin gebracht.“ Sie soll einen Regenumhang für den Hund der Kundin nähen. Ob er den wirklich brauche? Sie zuckt die Schultern. Egal, Hauptsache die Kundin ist glücklich.

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