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Nordwestmecklenburg Sechs Stunden um die Freiheit gepaddelt
Lokales Nordwestmecklenburg Sechs Stunden um die Freiheit gepaddelt
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21:15 21.09.2013
Bodo Neumann besucht 50 Jahre nach seiner Flucht mit seiner Ehefrau Helga noch einmal die Wohlenberger Wiek und Boltenhagen. Quelle: Foto: Maik Freitag

Auf den Tag genau 50 Jahre ist es her, als Bodo Neumann sich mit drei Freunden und zwei Paddelbooten von der Wohlenberger Wiek in Richtung Westen aufmachte. Sechs Stunden nachdem die jungen Männer ihre Boote in der Bucht der Wohlenberger Wiek zu Wasser gelassen haben landen sie direkt am Kurstrand von Grömitz. Die letzten Gäste einer Kneipe glauben 1963 ihren Augen nicht zu trauen, als die Flüchtlinge ihnen direkt in die Arme laufen.

„Es hat alles richtig gut geklappt. Es war der letzte Tag der offiziellen Saison. Die Strandpromenade war deshalb auch gegen 3.30 Uhr morgens hell erleuchtet und hat uns den Weg gewiesen“, erzählt Bodo Neumann, der zu diesem Zeitpunkt erst 18 Jahre alt ist und aus Goldberg kommt. Doch schon früh wird dem leidenschaftlichen Turner und Kunstkraftsportler klar, in der DDR wolle er nicht bleiben.

„Ich habe mich eingemauert gefühlt, wollte immer schon weg“, weiß der heute 68-Jährige noch ganz genau. Ausschlaggebend war für den heutigem Bergisch-Gladbacher der Wille der DDR-Führung, über jeden Einwohner entscheiden zu wollen. „Ich durfte nicht das machen, was ich wollte. Nachdem ich in der achten Klasse abgegangen bin und meine Ausbildung zum Installateur und Rohrschlosser gemacht hatte, sollte ich im zweiten Bildungsweg Lehrer für Mathematik und Physik werden. Ich war aber leidenschaftlicher Sportler und wollte das studieren“, berichtet Neumann. Das gefiel dem Staat nicht und Neumann brach mit 17 das Studium ab. Schon längst hatte sich der Gedanke in dem jungen Mann genährt, nicht bleiben zu wollen.

Der damals 17-Jährige hatte Glück. Der heute noch bekannte und aktive Zirkus Probst machte gerade eine Tour entlang der Ostseeküste. „Das war ein Glückstreffer. Ich heuerte dort als Akrobat an und konnte mich so in der Sperrzone etwas umsehen“, erzählt der ehemalige Flüchtling. Auch in der später drei Akrobaten umfassenden Gruppe interessierte sich einer für die Flucht und schnell wurde geplant. Doch der spätere Freund sprang ab und so hatte Neumann das Nachsehen, alleine wollte er nicht fliehen, verließ auch wieder den Zirkus. Jetzt war guter Rat teuer und plötzlich stand Bodo Neumann als Studienabbrecher und ehemaliger Zirkusakrobat wieder bei der Familie vor der Haustür. „Wie begeistert meine Mutter über die ganzen Abbrüche war, kann sicher jeder vorstellen. Aber niemand wusste, warum das so geschehen war“, erklärte der 68-Jährige.

In nur wenigen Tagen der Umorientierung begann die Arbeit für Neumann an der Mathias-Thesen-Werft in Wismar, wieder als Installateur. Und auch hier ließ der Goldberger keine Zeit vergehen. Schnell lernte er auch hier Menschen kennen, die mit ihm, zwei Jahre nach der Grenzschließung, die Republik verlassen wollten und schmiedete zum zweiten Mal einen Plan. „Wir haben uns für das Paddeln mit Faltbooten entschieden. Haben jeden Tag die Grenzlatscher (Anm. d. Red.: Wachmänner der ehemaligen NVA zur Strandbeobachtung) beobachtet, wie lange sie am Strand für die 13 Kilometer lange Strecke brauchen, wie das Wetter sich entwickelt und wann man am besten startet“, weiß Neumann noch genau. Am Freitag, 20. September 1963 sollte es los gehen. Doch zu viel Wind machte den vier Männer einen Strich durch die Rechnung. „Das hätten wir nie geschafft, die Boote wären untergegangen“, ist sich der zu diesem Zeitpunkt schon 18-Jährige sicher. Doch 24 Stunden später ist die See glatt und ruhig. Der Tag zuvor war warm und am Morgen bildet sich eine starke Dunstschicht auf dem Wasser. So dicht, dass die beiden Boote auch von den Scheinwerfern des Küstenschutzes nichts entdeckt werden können. Die Vier paddeln um ihr Leben. Sechseinhalb Stunden lang. „Das merkst Du nicht. Der jugendliche Leichtsinn, die Euphorie, das Adrenalin. Erst als wir die Lichter von Grömitz sahen und an Land waren, wurde uns bewusst, was wir geschafft hatten“, berichtet Bodo Neumann, der aus Freude erstmal einen Handstand am Strand macht.

Nachdem die Kneipengänger die vier aufgelesen haben, eine Übernachtung organisierten und die jungen Männer nach zwei Monaten Auffanglager in Ludwigshafen ankamen, verwirklichte zumindest Neumann seinen Traum. Nach einer kurzen Zeit als Installateur studiert er in Köln Sportwissenschaften und Sporttherapeut und wird zum Lehrer, leitet ein therapeutisches Zentrum.

Bereut hat der Bergisch-Gladbacher die Flucht nicht, aber einfach war es auch danach nicht. „Familie, Hausbau, Schulden und nur eine Reise nach Jugoslawien waren das Ergebnis der ersten Jahre, in denen ich bis Anfang der 70-iger Jahre drei Mal meine Familie wiedersehen durfte.“ Doch auch da gab es nach Warnung des westdeutschen Bundesnachrichtendienstes Probleme und so besuchte Neumann seine Familie erst Mitte der 80-iger Jahre wieder. „Heute sind zwei meiner vier Freunde schon verstorben, einem geht es nicht gut. Aber ich wollte mit meinem Besuch hier noch einmal bitten, diese Zeit von früher nie zu vergessen. Die Generationen werden aussterben, aber es sollte für die Nachwelt erhalten bleiben“, hofft Bodo Neumann.

Fluchten über die Ostsee
Mehr als 5600 Frauen, Männer und Kinder versuchten zwischen "Mauerbau" und "Mauerfall", über die Ostsee aus der DDR zu fliehen. (Quelle: Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR).

174 Menschen überlebten nach ausgewerteten DDR-Unterlagen diese Fluchtversuche nicht. Die auf der Flucht Gestorbenen kenterten mit ihren Booten oder hatten als Schwimmer ihre Kräfte überschätzt. Tote wurden auch an Dänemarks Strände gespült. Viele wurden auch von Fischern gefunden. 54 Flüchtlinge gelten heute noch als vermisst.

4522 Menschen wurden bei Fluchtversuchen über das Meer entdeckt und festgenommen. Die meisten Festgenommenen wurden schon an Land entdeckt. Nur 913 Versuche waren erfolgreich. Etwa zwei Drittel der Flüchtlinge waren 14 bis 21 Jahre alt, etwa die Hälfte waren Arbeiter.

Maik Freitag

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