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Nordwestmecklenburg Seit 26 Jahren ans Bett gefesselt
Lokales Nordwestmecklenburg Seit 26 Jahren ans Bett gefesselt
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18:28 09.11.2013
Im Stadtgebiet befinden sich noch zahlreiche Eigenheime.

Nein, über Politik will Sergej, Elektromonteur und 50 Jahre alt, nicht sprechen. Es lohnt sich nicht, sagt er und hebt die rechte Hand, in der er ein bis zum Rand gefülltes Wodkaglas hält. „Die großen Probleme löst der Präsident sowieso nicht. Und die kleinen, naja. Das Leben funktioniert. Auf die Zukunft.“ Sergej schuftet für knapp 600 Euro im Monat auf dem Bau. Kein schlechter Lohn für weißrussische Verhältnisse, wo das Durchschnittseinkommen bei 250 Euro liegt. Und wie bei den meisten Weißrussen wird auch bei Sergej nicht so recht klar, wie er von dem Geld eine Familie, ein Auto und ein frisch renoviertes Haus finanziert. Denn die Preise sind ähnlich wie in Deutschland. „Irgendwie klappt das schon.“ Es gibt noch ein Thema, das Sergej elegant umschifft. Seine Ausbildung nämlich. Gelernt hat er den Job als Elektriker nur in der Praxis. „Auf der Baustelle lernst du alles, was du brauchst.“

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Viele Seniorinnen verdienen sich mit dem Verkauf von Gemüse und Blumen etwas zu ihrer Rente hinzu.

Der Pragmatismus ist nicht nur die Philosophie des 50-jährigen Handwerkers, der mit den Mitgliedern der Grevesmühlener Lidahilfe lieber über deutsche Autos anstatt über duale Ausbildungssysteme reden möchte, er hält auch das Leben in Weißrussland am Laufen. Das Problem: Die Schwachen bleiben auf der Strecke in einem Land, in dem Menschen ohne Beziehungen und Improvisationstalent nur wenig ausrichten können. Nastja, 26 Jahre alt, ist so ein Beispiel.

Die grauen Augen leuchten, die rotblonden Haare sind zu zwei Zöpfen gebunden, die links und rechts auf dem zerwühlten Kopfkissen liegen. Die linke Hand krampft sich um das Geländer des elektrischen Pflegebettes, über dessen Fußende ein Fernseher läuft. Den ganzen Tag vermutlich. „Nastja schaut gern Konzerte und Serien“, sagt Ludmilla, die Mutter von Nastja. Sie selbst kann nicht sprechen, sie wird es auch nie lernen.

Seit 26 Jahren ist das Mädchen gelähmt. Sie kam so auf die Welt. Der Reaktorunfall von Tschernobyl war erst wenige Monate her. Radioaktiver Regen ging in vielen weißrussischen Städten am 1. Mai 1986 herunter. Die Katastrophe war zu diesem Zeitpunkt noch ein Unfall, den man in den Griff bekommen werde, hieß es damals. Ludmilla war schwanger. Ob die Erkrankung von Nastja etwas mit Tschernobyl zu tun hat, ist ungewiss. Der Nachweis ist kompliziert und langwierig, der Ausgang der teuren Gutachten ungewiss. Tatsache ist, dass Nastja eine jüngere Schwester hat. 22 Jahre, bildhübsch und kerngesund. Fotos von ihr hängen am dem Spiegel neben dem Bett.

Die Mutter pflegt die Tochter seit der Geburt. Der Vater, und das ist eher die Ausnahme in Familien mit behinderten Kindern, ist bei ihr geblieben und arbeitet als Mechaniker. Nastja und ihre Mutter erhalten eine Rente, 450 Euro hat die Familie im Monat. Das reicht zum Leben in einer renovierten Wohnung im zweiten Stock am Lidaer Stadtrand. Staatliche Hilfe gibt es. Einen Fahrstuhl nicht. Das Pflegebett stammt von der Lidahilfe aus Grevesmühlen, der neue Rollstuhl wurde jetzt geliefert, ebenfalls aus Nordwestmecklenburg. Stephanie Burchert (Siehe Beitrag unten) hat ihn besorgt. Das Modell, das sie von der weißrussischen Behörde bekommen hat, ist so alt und unpraktisch, dass Nastja kaum nach draußen kommt. „Dabei ist sie gern an der frischen Luft“, sagt ihre Mutter, die ihre Tochter samt Rollstuhl so oft es irgend geht die Treppen hinunter und wieder hinauf wuchtet. Der neue Rollstuhl ist leichter und stabiler. „Danke“, sagt Ludmilla. „Für alles.“

Dankbar sind auch die Frauen des Lidaer Behindertenverbandes. Seit Jahren gibt es enge Beziehungen zur Lidahilfe. Kleidung, Rollstühle, Bettwäsche haben die Helfer dort ausgeladen. Die Kniebandagen mussten die Männer aus Grevesmühlen vor der Abfahrt wieder ausladen. Sie zählen zu den medizinischen Geräten und sind verboten. Und das ist nicht der einzige Punkt, der für Kopfschütteln sorgt. So hängt im Büro des Behindertenverbandes ein Plakat der Stadt, auf dem zum lesen ist, dass Behinderte der Gruppen 1 und 2 freien Eintritt ins Kino erhalten, in Lida dürfen sie auch umsonst Schlittschuhlaufen. Invaliden mit der Einstufung nach Gruppe 1 sind bettlägerig, Gruppe 2 ist auch nur bedingt in der Lage ein Kino zu besuchen. „Wir machen auch Witze darüber“, sagt Irina Nikolajewna vom Behindertenverband. „So ist der Staat nun mal, es lässt sich nicht ändern.“ Zwei hauptamtliche und ein gutes Dutzend ehrenamtliche Helferinnen kümmern sich um knapp 350 Behinderte in Lida, die offiziell beim Verband registriert sind. Die Dunkelziffer in der 100 000 Einwohner zählenden Stadt dürfte um ein Vielfaches höher liegen. Doch darüber zu spekulieren, ist müßig. Stattdessen versuchen die Frauen des Verbandes alles, um den Mitgliedern das Leben zu erleichtern. Hausbesuche, Behördengänge und zu den Feiertagen eine Karte sind nicht viel. Aber die Frauen machen ihre Arbeit mit viel Liebe und Hingabe.

Neben den Behinderten sind die Senioren eine Gruppe, die zunehmend zu einem Problem wird in Weißrussland. Lange Zeit war es völlig normal, dass sich die nachfolgenden Generationen um die Alten kümmern. Doch die jungen Leute ziehen weg, auf der Suche nach Arbeit verlassen viele das Land. Die Dörfer sterben aus, die Rentner bleiben zurück. Sieben Plätze hat das neueste Projekt des Sozialamtes des Stadt Lida. Ein Haus, in dem die Rentner überwintern sollen, ist fertig renoviert. „Damit sie nicht in der kalten Jahreszeit allein leben müssen“, erklärt die Chefin des Sozialamtes.

Im Frühjahr geht es dann wieder raus auf die Dörfer.

„Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen soll“
Seit mittlerweile zehn Jahren steht Stephanie Burchert aus Wismar in Kontakt mit der Familie von Nastja aus Lida. „Ich hatte schon immer eine Leidenschaft für den Osten, und so haben wir vor zehn Jahren ein Paket für Lida gepackt und einen Brief hineingelegt“, erzählt die 22-Jährige. Eine Antwort gab es jedoch nicht. Stattdessen erhielt ihre Tante, die ebenfalls ein Paket der Lidahilfe übergeben hatte, einen Brief aus Weißrussland. Er stammt von Katja, der Schwester von Nastja. „Seitdem haben wir uns geschrieben, die ersten Jahre auf russisch, inzwischen per Mail oder direkt über Facebook.“ Im vergangenen Jahr war die Weißrussin, die in Minsk am Flughafen arbeitet, zum ersten Mal bei Stephanie zu Besuch in Deutschland. In diesem Sommer reiste sie selbst nach Lida. „Ich war vorher bereits einmal in der Ukraine, insofern war der Schock nicht ganz so groß. Aber das ist schon eine andere Welt.“ Als sie das erste Mal Katjas behinderte Schwester sieht, kämpft sie mit den Tränen. „Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.“

Inzwischen unterstützt sie nicht nur ihre langjährige Brieffreundin, sondern auch die Familie. Stephanie Burchert arbeitet in der Kreisverwaltung Nordwestmecklenburgs und rührte die Werbetrommel, als sie sah, mit welchen Mitteln die Familie sich um Nastja kümmert. „Der Rollstuhl stammt vom Sozialamt des Landkreises, er war ausgemustert worden. Aber für unseren Zweck ist er ideal.“ Zudem sammelte sie bei ihren Kollegen Spenden für die Familie, Kleidung in erste Linie. Mehrere Pakete kamen so zusammen, die vor wenigen Tagen von der Lidahilfe übergeben wurden. „Im nächsten Jahr werde ich sie wieder besuchen.“ Dann übergibt sie die Spenden selbst.

Die Lidahilfe

1993 rollte der erste Hilfstransport, organisiert von Peter Wulff und Claus Adamoschek, von Grevesmühlen nach Lida.
Pro Jahr werden zwei Transporte, jeweils im Frühjahr und im Herbst, durchgeführt. Die Fahrzeuge stellt Norbert Koch vom Fahrzeugservice Grevesmühlen, zur Verfügung.


Neben Kleidung, Möbeln, Rollstühlen und medizinischen Geräten werden vor allem Familienpakete transportiert. Zahlreiche Familien aus Grevesmühlen und Nordwestmecklenburg pflegen private Kontakte zu hilfsbedürftigen Familien in Lida.

80 solcher Pakete wurden mit dem aktuellen Transport nach Weißrussland gebracht.

M. Prochnow Michael Prochnow

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