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Tödliche Schüsse in Bad Kleinen erschütterten die Bundesrepublik

Spektakuläre Kriminalfälle: Der GSG-9-Einsatz auf dem Bahnhof Bad Kleinen Tödliche Schüsse in Bad Kleinen erschütterten die Bundesrepublik

Am 27. Juni 1993 lief GSG-9-Einsatz völlig schief / Beamter und RAF-Terrorist Wolfgang Grams starben / Doch wie starb Grams? / Die LN sprachen mit dem damaligen Leitenden Oberstaatsanwalt Gerrit Schwarz.

Der Bahnhof Bad Kleinen gilt als wichtiger Umsteigeplatz in der Region. Durch den missglückten GSG-9-Einsatz erlangte er traurige Berühmtheit.

Quelle: dpa

Herr Schwarz, wie haben Sie damals von den Vorfällen in Bad Kleinen erfahren?

Schwarz: Ich wurde am selben Abend durch den staatsanwaltlichen Bereitschaftsdienst informiert. Ich hörte, dass es einen Fall, einen Zugriff der Bundesanwaltschaft gab, bei dem es zu einer Schießerei gekommen ist. Ich war nicht informiert über das ganze Geschehen. Es hat sich erst in den nächsten Tagen herausgestellt, wofür die Bundesanwaltschaft und wofür die Staatsanwaltschaft Schwerin zuständig war.

Wie haben Sie auf die Geschehnisse reagiert?

Da kann einen Staatsanwalt wenig erschüttern. Aber dass der Fall diese Dimension annehmen würde, war damals überhaupt nicht absehbar.

Kernfrage der Ermittlungen war, ob RAF-Terrorist Wolfgang Grams Suizid begangen hat oder von GSG-9-Beamten mit einem aufgesetzten Kopfschuss getötet wurde. Sind Zweifel geblieben?

Es ist durch alle zur Verfügung stehenden Beweise zweifelsfrei bewiesen worden, dass Wolfgang Grams sich selbst erschossen hat. Das haben sowohl das Oberlandesgericht Rostock als auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bestätigt. Sie haben gesagt, dass es lückenlos aufgeklärt ist. Es bleibt kein Zweifel.

Dennoch halten sich bis heute Verschwörungstheorien.

Die rühren daher, dass es Zeugenaussagen gab, die eine Tötung durch Polizisten behaupteten. Wir haben uns mit diesen Aussagen sehr intensiv auseinander gesetzt. Sie wurden zum Teil durch die Zeugen relativiert oder die Ereignisse wurden immer wieder anders geschildert. Da haben auch die Medien auf die Zeugen in einer Weise eingewirkt, die nicht in Ordnung war. Die Legendenbildung entstand aber auch durch die schlechte Informationspolitik der ersten Tage. Da wurden der Presse Dinge erzählt, die gar nicht stimmen konnten.

Damals war plötzlich von einer „regelrechten Hinrichtung“ die Rede. Welche Indizien sprachen dafür?

Es gab die Aussagen der Kiosk-Verkäuferin, des Spiegel-Hinweisgebers und eines Anrufers bei der Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke. Sie alle behaupteten, gesehen zu haben, wie Grams im Gleisbett liegend von Beamten erschossen worden sei. Ein Alarmsignal war auch, dass der Bundesinnenminister Rudolf Seiters zurücktrat. Das schien die These Fremdtötung zu stützen. Ein Minister tritt nicht aus Jux zurück. Wie ich später erfahren habe, soll es andere Gründe gegeben haben. Aber der zeitliche Ablauf war unglücklich.

Es gab also Momente, in denen Sie selbst die schlimmen Vorwürfe als wahr einschätzten?

Außer Zweifel, wir haben es als eine reale Möglichkeit eingeschätzt.

Befeuert wurden die Vorwürfe durch viele Pannen und Fehler während der Ermittlungen. Welche gab es genau?

Einige. Das Bundeskriminalamt hatte zur Identifizierung von Wolfgang Grams Fingerabdrücke der Leiche genommen. Dazu wurden ihm die Hände gewaschen und so Schmauchspuren der Waffe vernichtet. Die Gerichtsmedizin in Lübeck kam wenig später mit einer Pressemitteilung um die Ecke – wo ich mich frage mit welchem Recht, wir waren Herr des Verfahrens – dass die Waffe von Grams nicht die Schusswunde am Kopf verursacht haben kann. Diese These ist widerlegt worden. Auch die Tatortarbeit war suboptimal. Sie war schon am Abend des Vorfalls beendet. Als ich genau eine Woche später nochmals eine Durchsuchung des Geländes anordnete, hat man noch einen ganzen Teil Projektile gefunden. Es ist nicht gründlich abgesucht worden.

Der RAF-Terrorist Wolfgang Grams liegt am 27. Juni 1993 tödlich getroffen im Gleis 4 des Bahnhofs Bad Kleinen. <QA0> Er stirbt kurz darauf in einer Lübecker Klinik. Er soll sich im Gleis selbst einen Kopfschuss gegeben haben.

Der RAF-Terrorist Wolfgang Grams liegt am 27. Juni 1993 tödlich getroffen im Gleis 4 des Bahnhofs Bad Kleinen. Er stirbt kurz darauf in einer Lübecker Klinik. Er soll sich im Gleis selbst einen Kopfschuss gegeben haben.

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Haben sie derartige Pannen in einem anderen Fall erlebt?

Pannen gibt es in jedem Fall. Wo Menschen eingesetzt werden, passieren auch Fehler. Aber in diesem Fall, wo man besonders sorgfältige Arbeit erwartet hätte, führen solche Pannen zur Legendenbildung.

Hinzu kam das Verschweigen des V-Manns Klaus Steinmetz.

Das ist im Nachhinein nicht nachvollziehbar. Dieses Verhalten hat auch die Ermittlungen verlängert. Zeugen haben neben Wolfgang Grams und der verhafteten Birgit Hogefeld eine dritte Person gesehen. Die wurde aber krampfhaft verschwiegen. Die ganze Presse wurde wach – hier wird doch etwas verschleiert. Das war für die Informationspolitik ein großer Fehler. Wie man in den Akten einen dritten Mann verschwinden lassen will, ist mir bis heute nicht ganz klar.

Auch der Heldenmythos der GSG 9 hat gelitten. Hat die Spezialeinheit in Bad Kleinen einwandfrei agiert?

Der Zugriff hätte überhaupt nicht im Bahnhofstunnel stattfinden dürfen. Es war der denkbar schlechteste Ort dafür. Zudem ist kaum erklärbar, warum es mehreren Einsatzkräften nicht gelang, Wolfgang Grams kampfunfähig zu machen. Grams hat mit wenigen Schüssen einen Beamten getötet und einen weiteren schwer verletzt. Der ganze Ablauf ist nicht optimal gelaufen.

Welche Rolle haben die Medien bei dem Vorfall gespielt?

Die Presse war gewaltig elektrisiert. Sie hat aufgegriffen, was nach Skandal roch. Das ist gutes Recht eines Reporters. Sie haben uns aber die Arbeit erschwert, weil unser Telefon dauerhaft klingelte und regelmäßig mindestens 20 Reporter um unser Haus standen. Aber ich hätte als Journalist auch meine Aufgabe darin gesehen.

War Bad Kleinen Ihr schwierigster Fall in Ihrer Karriere?

Ja, vom Arbeitsaufwand war es der größte Fall. Es waren weit über 40 Leute in der Sonderkommission tätig und ich habe teilweise bis zu vier Staatsanwälte eingesetzt. Es war eine gewaltige Informationsflut und wir standen im Rampenlicht der gesamten Bundesrepublik. Bad Kleinen kannte ab da an jeder.

Sie sind seit 2012 im Ruhestand. Wie oft denken Sie noch an den Fall?

Gar nicht, allenfalls mal zum Jahrestag. Ansonsten ist er abgehakt. Dafür gibt es im staatsanwaltlichen Geschäft viel zu viele Fälle, als dass man immer noch der Vergangenheit nachhängen kann.

  Interview: Daniel Heidmann

Die Rote Amee Fraktion

Die Rote Armee Fraktion (RAF) war eine linksextremistische terroristische Vereinigung in der Bundesrepublik Deutschland. Sie war von 1970 bis zu ihrer Auflösung am 20. April 1998 für 33 Morde an Führungskräften in Politik, Wirtschaft und Verwaltung, an Polizisten, Zollbeamten und amerikanischen Soldaten sowie für Entführungen, mehrere Geiselnahmen, Banküberfälle und Sprengstoffattentate mit über 200 Verletzten verantwortlich.

Die Terrorgruppe wurde 1970 von Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Horst Mahler, Ulrike Meinhof und weiteren Personen gegründet. Sie entwickelte sich aus den westdeutschen Studentenbewegungen der späten 1960er Jahre.

Die RAF war in ihrem Selbstverständnis eine kommunistische, antiimperialistische Stadtguerilla nach südamerikanischem Vorbild, die gegen den „US-Imperialismus“ in Westeuropa kämpfte.

Die Anzahl der Mitglieder aller drei Generationen der RAF betrug zwischen den 1970er und 1990er Jahren zwischen 60 und 80 Personen. Sie kooperierte mit ausländischen Terrorgruppen.

Die dritte Generation der RAF war ab Mitte der 1980er Jahre aktiv. Zu ihren Taten gehören:

1. Februar 1985 Mord an Unternehmens-Chef Ernst Zimmermann

8. August 1985 Bombenattentat auf die Frankfurter US-Airbase mit drei Toten

9. Juli 1986 Mord an Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts

10. Oktober 1986 Mord an Diplomat Gerold von Braunmühl

30. November 1989 Tödlicher Bombenanschlag auf Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen

1. April 1991 Tödliches Scharfschützenattentat auf Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder

27. März Sprengung des Gefängnisneubaus Weiterstadt in Hessen

Die Chronik des Einsatzes

Anfang der 1990er Jahre: Klaus Steinmetz, seit 1985 V-Mann des Verfassungsschutzes des Landes Rheinland-Pfalz, gelingt es, ins nähere Umfeld der Roten Armee Fraktion (RAF) vorzudringen.

Februar 1992: Steinmetz trifft erstmals die untergetauchte Birgit Hogefeld, einer Leitfigur der dritten RAF-Generation.

April 1993: Steinmetz trifft zum ersten Mal auf RAF-Mitglied Wolfgang Grams, ohne ihn sofort zu identifizieren.

24. Juni 1993: Birgit Hogefeld und Klaus Steinmetz beziehen in Wismar-Wendorf eine Ferienwohnung. Steinmetz trägt in seinem Laptop einen Peilsender und ein Abhörgerät mit sich. Bei der Observierung der beiden gibt es mehrere Pannen. Unter anderem beobachten die Beamten nur die Vorderseite des Ferienhauses. Dass Hogefeld und Steinmetz das Gebäude zwischenzeitlich über den Hinterausgang verlassen hatten, wird erst bei deren Rückkehr durch die Vordertür bemerkt. Ein geplanter Zugriff wird abgebrochen.

27. Juni 1993, ca. 14.00 Uhr: Birgit Hogefeld und Klaus Steinmetz fahren mit dem Zug nach Bad Kleinen, wo sie sich mit RAF-Mitglied Wolfgang Grams treffen. Die Polizei plant die Festnahme der Terroristen. Dafür sind am Bahnhof und in der Umgebung fast 100 Beamte im Einsatz, auch die Spezialeinheit des Bundesgrenzschutzes, die GSG 9. Auf dem Schweriner See dient ein getarntes Boot als Relais-Station.

27. Juni 1993, ca. 15.15 Uhr: Als die Observierten ein Bahnhofscafé verlassen, informiert ein GSG-9-Beamter an einem Tunneleingang positionierte Kollegen. Aufgrund eines missverständlichen Funkspruches geht der Beobachter in den Tunnel, wo er Grams sieht. Die GSG 9 muss zugreifen, obwohl der Abstand zu den RAF-Mitgliedern zu weit ist. Es kommt zum Schusswechsel. Während Hogefeld und Steinmetz festgenommen werden, flieht Grams auf den Bahnsteig 4 und eröffnet das Feuer auf mehrere Beamte. Dabei wird Michael Newrzella so schwer verletzt, dass er später im Krankenhaus stirbt. Wolfgang Grams fällt getroffen ins Gleis von Bahnsteig 4. Er stirbt später in der Lübecker Uniklinik an einem Kopfschuss.

1. Juli 1993: Das Fernseh-Magazin „Monitor“ zeigt den Augenzeugen-Bericht einer Kiosk-Verkäuferin, nach deren Aussage Grams „regelrecht hingerichtet wurde.

4. Juli 1993: Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU) tritt zurück. Er übernimmt

die volle politische Verantwortung für „offensichtliche Fehler, Unzulänglichkeiten und Koordinationsmängel innerhalb von Bundesbehörden“.

5. Juli 1993: Im Magazin „Der Spiegel“ berichtet ein am Einsatz beteiligter GSG-9-Beamter, das Grams wie bei einer Exekution hingerichtet worden sei.

6. Juli 1993: Generalbundesanwalt Alexander von Stahl wird von Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) aufgrund des „Informationschaos“ entlassen. Auch der Leiter des Bundeskriminalamtes, Hans-Ludwig Zachert, tritt zurück.

August 1993: Steinmetz wird ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen und lebt heute mit neuer Identität im Ausland.

Januar 1994: Im vorgelegten Ermittlungsergebnis der Staatsanwaltschaft Schwerin hat Wolfgang Grams Suizid begangen. Die Eltern von Wolfgang Grams fechten das Ergebnis erfolglos an.

5. November 1996: Birgit Hogefeld wird für Mittäterschaft bei mehreren Morden und Anschlägen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Juni 2011: Birgit Hogefeld wird vorzeitig und als letztes inhaftiertes RAF-Mitglied aus der Haft entlassen.

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