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Tschernobyl-Kinder lieben die Ostsee

Rerik Tschernobyl-Kinder lieben die Ostsee

Acht Mädchen und Jungen aus Weißrussland verleben in Rerik eine frohe Ferienzeit.

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Toben auf der Spielwiese macht durstig. Deshalb gab es nach der ersten Spielrunde Melonen-Scheiben zum zweiten Frühstück.

Quelle: Fotos: Lutz Werner

Rerik. „Das Meer – das ist das Schönste an dem Ferienlager.“ Der achtjährige Fjodor muss nicht lange überlegen, um diese Frage zu beantworten. Alisa (7), das Küken der Gruppe, hatte mitgehört, als Betreuerin Mascha Bratkowskaja die Frage ins Russische übersetzt hatte. „More – Meer“, sagt auch sie ohne Zögern. Und „Morozhenoye – Eiscreme“, fügt sie hinzu. Eis essen in Rerik – das findet auch Fjodor super. Auch bei den sechs übrigen Ferienkindern aus Weißrussland sind Strand, Ostsee und Eis die Renner.

Acht Kinder aus Weißrussland – zwischen sieben und neun Jahre alt – verleben auf Einladung der evangelischen Kirchengemeinde Rerik vier Ferienwochen im Ostseebad – noch bis zum 27. August.

Untergebracht sind sie in der Pension „Meeresstern“. Hinterm Haus gibt es eine Wiese mit vielen Spielgeräten und der Strand liegt direkt vor der Haustür. Besser geht es nicht.

Ferien für Kinder aus verstrahlten Regionen in Weißrussland, die im April 1986 nach der Reaktorexplosion im benachbarten Tschernobyl in der Ukraine vom nuklearen Niederschlag verseucht wurden, haben in Rerik eine lange Tradition. Es ist das 26. Ferienlager in Folge. Doch diesmal ist manches anders. Bis zu 50 Kinder mit mehreren Betreuern tummelten sich sonst auf der „Meeresstern“-Wiese und zuvor im Schullandheim Kägsdorf. Diesmal ist es nur ein Grüppchen. Jahr eins nach Ursula Timm.

Die engagierte Ehrenamtlerin aus Rostock hatte 25 Jahre lang mit ihrem Verein „Ferien für Kinder von Tschernobyl“, dessen Motor sie war, Ferienaufenthalte für strahlengeschädigte Kinder aus Weißrussland organisiert und für die Finanzierung gesorgt. Nicht nur in Rerik, auch in anderen Orten. Die evangelische Kirchengemeinde Rerik, die von Anfang an im Boot war, war Junior-Partner und Sponsor, hatte mit der aufwendigen Organisation nichts zu tun. Im August vergangenen Jahres hatte sich Ursula Timm (82) zurückgezogen. Der Verein wurde aufgelöst.

„Wir haben – nach Gesprächen mit Ursula Timm, die uns ermutigte weiterzumachen – beschlossen, das Hilfsprojekt in eigener Regie fortzuführen, müssen aber noch viel lernen“, so Pastorin Karen Siegert.

So sei die Kirchengemeinde beim Buchen der Betten in der Pension spät dran gewesen – es gab nur noch die neun Plätze. „Unser Ziel ist es, im Sommer 2017 wieder 20 oder mehr Kinder einladen zu können.

Das ist eine realistische Größenordnung angesichts der Tatsache, dass wir uns nun um alles allein kümmern müssen“, sagt die Pastorin und hofft, „dass die Kirchengemeinde dabei nicht allein bleiben wird und wir die ganze Stadt mit ins Boot holen können.“ Die vier Jungen und vier Mädchen, die jetzt in Rerik Ferien machen können, sind Strahlenopfer der dritten Generation, berichtet Mascha Bratkowskaja. Eltern oder schon die Großeltern wurden zwar längst aus den verseuchten Gebieten umgesiedelt, aber die gesundheitlichen Defekte wären erblich geworden: Probleme mit der Schilddrüse, Magen und Nieren, Schädigungen des Gehörs und vor allem die heimtückische Immunschwäche. Lecker Eis essen, Schokolade naschen, Kuchen in sich hineinstopfen, so viel man möchte, und Cola trinken – davon sind die Kinder natürlich begeistert. „Es sei ihnen gegönnt. Sie kommen alle aus armen Familien. Aber das wirklich Wichtige für ihre Gesundheit ist das gesunde, ausgewogene Essen in Deutschland mit viel Obst und Gemüse, die jodhaltige Luft, die der Schilddrüse hilft, und das garantiert reine Trinkwasser“, erklärt sie. Und fügt vielsagend hinzu: „Offiziell heißt es von unseren Behörden immer, das Trinkwasser in Weißrussland sei in Ordnung. Aber wir kontrollieren oft selbst.“ Wir – das ist die Stiftung „Kindern zur Freude“ in Minsk, für die Deutschlehrerin Mascha Bratkowskaja seit 20 Jahren arbeitet. 500 bis 600 Euro kostet ein Ferienaufenthalt mit Reisekosten pro Kind, an dessen Ende es noch Schuhe und eine Jacke für den kommenden Winter gibt.

Weißrussland traf es hart

1986 – am 26. April – explodierte der Reaktor vier im Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine. In Folge des nuklearen Niederschlags, der etwa zehn Tage über weite Gebiete Europas niederging, wurden 218000 Quadratkilometer in unterschiedlichem Ausmaß kontaminiert. 72 Prozent der am 26. April 1986 und in den Tagen danach entwichenen Radioaktivität gingen über Weißrussland nieder. Knapp 25 Prozent des Ackerlands und 20 Prozent der Waldfläche wurden verstrahlt – und sie sind es noch immer. Etwa zwei Millionen der knapp zehn Millionen Weißrussen gelten als Tschernobyl-Opfer, jeder fünfte Einwohner Landes.

Lutz Werner

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