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Nordwestmecklenburg Von der Schwierigkeit, einen Witz zu erzählen
Lokales Nordwestmecklenburg Von der Schwierigkeit, einen Witz zu erzählen
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20:18 11.12.2015

. Ich gebe Deutschunterricht für Flüchtlinge. In meiner Gruppe sind Menschen aus Syrien, Somalia, Afghanistan und aus der Ukraine. Um das Ganze aufzulockern, kam mir kürzlich die Idee: Ich erzähle einen Witz! Völkerverständigung braucht schließlich Humor. Gesagt, getan. Schlappe fünf Minuten brauche ich, um überhaupt den Begriff zu klären:

„Witz W; I; T; Z“, buchstabiere ich das Wort mehrmals.

„Hahhaha! Versteht ihr??!“, starte ich meine mehr oder weniger pantomimische Einleitung. Dazu kraule ich mich demonstrativ mit der rechten Hand unterm linken Arm. Symbolisch. Die Gruppe guckt und bleibt seltsam skeptisch. Die ungünstigen Ausgangsbedingungen meines Wagnisses werden mir bewusst. „Puhh!“, denke ich. „Vielleicht doch keine so gute Idee.“Doch der Wagen rollt.

Alle schauen konzentriert, beobachten meine Bemühungen und wollen die neue Lektion unbedingt kapieren. Ich wiederhole mein Anliegen in Zeitlupensprache: „Wisst ihr, w-a-s e-i-n W-i-t-z i-s-t?

L-a-c-h-e-n!“ Dabei ziehe ich nun beide Mundwinkel mit den Zeigefingern links und rechts nach oben. Bei Oksana fällt zuerst der Groschen und zumindest ihren Landsleuten aus der Ukraine übersetzt sie, was ich vorhabe. „Ahhhh! Wiiiitz, gut!“, gibt mir zumindest die russisch sprechende Schülerfront aufmunterndes Feedback. Meinen Freunden aus Afghanistan hingegen ist es anzusehen: Sie haben nach wie vor keinen Schimmer. Jetzt quält mich der Gedanke: Oh mein Gott, vielleicht gibt es anderswo auf der Welt gar keinen Witze-Humor? Die verstehen nur Bahnhof.

Nassan aus Syrien achtet wie immer mit großen Kulleraugen auf die Bewegungen meines Mundes. „Wwwizz“, wiederholt er brav. Mir bricht der Schweiß aus. Da habe ich mich ja in etwas reinmanövriert. Ich hatte mich entschieden für: „Zwei Kühlschränke gehen durch den Wald. Sagt der eine Kühlschrank zum anderen: Du, lass mich mal in die Mitte.“ Kurz, prägnant, einfach. Das Wort Kühlschrank ist meinen Schülern nicht neu. In einer der Lektionen hatten sie das Bild eines Kühlschrankes im Vorlagenheft „ausgemalt“ und so erste Bekanntschaft mit dem Wort geschlossen.

Ich erzähle nun also laut und deutlich meinen Kühlschrankwitz. Wie zu erwarten: Keine Reaktion. Stirnen falten sich mir entgegen. Himmel, was für eine komische Situation! Nein, ich kann und will das Projekt jetzt nicht abbrechen. Vielmehr bitte ich Sarah zu mir nach vorn und erkläre, indem ich mir mit dem Zeigefinger immer wieder vor die eigene Brust klopfe: „Ich bin ein Kühlschrank.“ Dann zeige ich auf Sarah und verkünde: „Du bist auch ein Kühlschrank.“ Sarah guckt daraufhin eher wie ein Auto. Ich bleibe dabei: „Wir sind zwei Kühlschränke und gehen durch den Wald.“ Bei „Wald“ springe ich zurück zur Tafel und skizziere sekundenschnell drei Tannen. „Wald“, erkläre ich. Wieder zurück bei Sarah, nehme ich sie an die Hand und setzte erneut an: „Zwei Kühlschränke gehen durch den Wald.“

Dabei marschieren Sarah und ich nun demonstrativ durch das Klassenzimmer, sprich den „Wald“.

An dieser Stelle habe ich erstmals den Eindruck, dass die Geschichte irgendwie ankommt. Meine Schüler nicken zumindest. Ich gehe über zum zweiten Teil: „Sagt also der eine Kühlschrank zum anderen:

Lass mich mal in die Mitte.“

„Mitte. Die Mitte.“ Auweia, ich kann es sehen, keinMensch außer mir weiß, was das Wort ,Mitte‘ bedeutet. Ich hole jetzt die kleine Nelia dazu. Sie ist sechs und begleitet ihre Eltern stets zum Unterricht. Nelia ist begeistert, dass sie mitmachen darf. Ihre kleine Hand liegt in meiner. Sarah und ich nehmen sie in unsere Mitte. Ich erkläre: „Nelia ist jetzt in der MITTE.“ Mein Auditorium nickt. Ich bin erleichtert. Heiliger Bimbam.

Schweißgebadet erzähle ich meinen Witz wohl vier- oder fünfmal, immer in der Hoffnung, dass mal einer andeutungsweise auflacht. Nix. Stattdessen haben alle rote Ohren vor Anstrengung. Meine Schüler sind großartig, aufmerksam und geben sich wirklich alle Mühe.

Ich kann nicht mehr. Verzweifelt schaue ich Sarah irgendwann an und sage ganz normal: „Wenn nur zwei Kühlschränke durch den Wald gehen, kann keiner in der Mitte sein. Das ist der Witz, verstehst du?“Daraufhin Sarah furztrocken und ohne auch nur eine Miene zu verziehen: „Ja, ich verstehen . Ha Ha!“

„Sarah!“ Ich deute ihr lachend einen strengen Nasenstüber an, vor dem sie sich grinsend wegduckt.

Daraufhin liegt die Gruppe flach vor Lachen. Einer steckt den anderen an. Ich bin zwar fix und fertig, mir aber wenigstens wieder ganz sicher: Humor gibt es auf der ganzen Welt. Einen ohne viele Worte.

Ina Schwarz

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