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Nordwestmecklenburg Von wegen Ferien: Lehrer auf der Schulbank
Lokales Nordwestmecklenburg Von wegen Ferien: Lehrer auf der Schulbank
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22:18 10.07.2018
Unsere Kinder sind nicht schlechter als die in der Steinzeit. Aber sie bekommen keinerlei Input mehr.Dr. Lothar Nieber Trainings- und Bewegungswissenschaftler
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Grevesmühlen

65 Prozent der Kinder klagen schon vormittags über Müdigkeit und, äußerst alarmierend: 1,4 Millionen Schüler in Deutschland schlucken täglich Psychopharmaka. Das ist jeder fünfte Schüler.

Bewegung ist für viele Kinder ein Fremdwort / Fortbildung klärt auf.

Schwarzmalerei? Die will Dr. Lothar Nieber keinesfalls betreiben. Vielmehr will der Trainings- und Bewegungswissenschaftler aufklären. Lehrer. Auch wenn die nicht in voller Verantwortung für die Schüler stehen. Das seien die Eltern an erster Stelle, aber Lehrer, die die Eltern aufklären, sie sensibilisieren, könnten die Schnittstelle bilden. Und das sei bitter nötig, meinte der 69-Jährige und fasste es in klare Worte: „Verwöhnen in extremer Form ist Vernachlässigung. Unsere Kinder sind nicht schlechter als die in der Steinzeit. Aber sie bekommen keinerlei Input mehr.“ Viele Eltern würden heutzutage lieber Kumpel ihrer Kinder sein, jeglicher Konfrontation aus dem Weg gehen. „Eltern müssen auch mal etwas aushalten“, umschrieb es der Wissenschaftler, der an der Uni Greifswald tätig war. Und wenn es das Nörgeln der Kinder sei, die damit ihren Willen erzwingen wollen.

Mit Theorie und Praxis brachte Dr. Lothar Nieber sein Wissen nun in einer ganztägigen Fortbildung an die Lehrer der Grevesmühlener Grundschule „Am Ploggensee“. Und die Praxis war als Außenstehender mitunter lustig mit anzusehen. Endlich durften sie mal Schüler sein, kommentierte Lehrer Thomas Effenberger. Das, was die Lehrer sonst bei Schülern oftmals anmahnen, wurde nun frei praktiziert. Hier – liebe Schüler, jetzt bitte mal ein paar Zeilen überspringen – setzte mal jemand ein Markierungshütchen auf den Kopf, da lachte mal jemand laut darüber oder redete dazwischen. Lehrer sind eben auch nur Menschen. Aber unterm Strich hat das Kollegium viel mitnehmen können, bestätigte Schulleiterin Martina Olbrisch.

Diese Fortbildung bildete den Anfang einer Reihe, erläuterte sie. Denn mit neuen Ideen will das Kollegium die Kinder packen, sie unter anderem für Sport begeistern. Dr. Lothar Nieber gab ihnen viele Ideen an die Hand: spielerischer Umgang mit dem Ball, darstellende Spiele, Spiele zur Entwicklung koordinativer Kompetenzen, wie Reaktions- und Orientierungsfähigkeit. Denn durch den Geradeausblick aufs Handy oder auf den PC würden die Kinder den Blick nach links und rechts verlernen. „Die Eltern sind diejenigen, die sie dort hinkommen lassen“, ging er mit den Erziehungsberechtigten hart ins Gericht. „Wenn Kinder die motorischen, koordinativen Fähigkeiten nicht erlernen, dann werden sie sie nie haben. Das ist dann unsere Lost Generation. Sie müssen gefordert werden.“ Auch die Politik griff er an. „An Schulen sind viele Nichtfachlehrer im Sportunterricht tätig, weil Kräfte fehlen. Da ist die Politik gefragt.“ In der Ploggenseeschule sind zwei Sportlehrer ausgebildet, drei weitere eigneten sich ihr Wissen durch Fortbildungen an.

Jana Franke

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