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Nordwestmecklenburg „Wegen des Geldes und der Ehre“
Lokales Nordwestmecklenburg „Wegen des Geldes und der Ehre“
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20:10 05.07.2018
Gilt nach Jahren als führender Kopf in der rechten Szene als geläutert: Philip Schlaffer beim Interview in Lübeck.
Grevesmühlen

Ein kleines Café im Westen von Lübeck, Philip Schlaffer, blaue Weste, hochgekrempelte Ärmel, seinen Zwergpinscher „Oskar“ an der Leine, grüßt freundlich und setzt sich für das Interview an den Tisch. Die blauen Augen fallen auf, die Tätowierungen an den Armen und am Hals sind nicht zu übersehen. Doch die SS-Rune ist einer HSV-Flagge gewichen, das Hakenkreuz ist auch überstochen worden. Viele Jahre war der heute 40-Jährige einer der gefährlichsten Männer in Mecklenburg, Betreiber des Werwolf-Shops in Wismar, einem berüchtigten Nazi-Laden, und Präsident des Rockerclubs „Schwarze Schar“ in Gägelow. Jetzt stützt er sich auf das Geländer des Cafés und schaut freundlich in die Runde.

Der Verein Extremislos e.V.

Als gemeinnütziger Verein engagieren sich die Mitglieder präventiv gegen Extremismus – online wie offline – sowie in der Anti-Gewalt-Arbeit bei Jugendlichen.

Der Verein betreibt verschiedene Projekte unter dem Leitgedanken, die Resilienz bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen gegen extremistische Weltbilder und gegen extremistische Rekrutierung zu stärken.

Internet: www.extremislos.de

Wie kommt’s, dass Sie heute Aufklärungsarbeit an Schulen leisten?

Ich habe in meinem bisherigen Leben schon viel Ärger gehabt. Von zwei Messerangriffen bis hin zu einer Schießerei in meinem Haus. In dieser Zeit habe ich gelernt, dass alle anderen auch mit Wasser kochen und mit der Zeit wurde es mir immer gleichgültiger. Wir sind damals aus folgenden Gründen losgegangen: Wegen des Geldes und der Ehre. In meiner Gruppe existierte eine gewisse Ordnung, die auf Respekt basierte. Wir sind oft mit anderen Clubs aneinandergeraten, was meistens in Schlägereien endete. So haben wir das Clubhaus in Gägelow übernommen. Der Club („Schwarze Schar“, Anm. d. Red.) wurde als einprozentiger Club gegründet (geht auf die Aussage zurück, dass ein Prozent der amerikanischen Biker Gesetzlose seien, Anm. der Red.), aber es war nicht von Anfang an eine kriminelle Vereinigung, sondern hat sich erst im Verlauf der Jahre als eine herausgebildet. Wegen unserer Gruppendynamik haben am Ende rund zwei Drittel der Leute kriminelle Geschäfte gemacht, anfangs waren es bedeutend weniger. Über die Jahre bekam die Gruppe nicht nur einen Zuwachs an Mitgliedern, sondern auch an Macht.

So ein Leben ist doch furchtbar!

Mit Mitte 20 steckst du das alles weg, den Stress und das Adrenalin. Ich habe mehr als 20 Hausdurchsuchungen mitgemacht, bin mehrfach verletzt worden durch Messer. Die Anspannung ist der Hammer, je älter du wirst, umso anstrengender wird das. Der Druck ist irgendwann unmenschlich groß. Das war mit ein Grund, warum ich irgendwann die Schnauze voll hatte.

Das sah damals noch anders aus, der Vorfall vor dem Landgericht Schwerin, als Mitglieder der „Schwarzen Schar“ mit anderen Rockern aneinandergeraten sind, hat ziemliche Wellen geschlagen.

Ja, das war ziemlich krass damals. Ich hatte einen Gerichtstermin, wir sind schon auf der Fahrt mit den anderen Jungs aneinandergeraten, irgendwann steckte dann ein Messer in der Windschutzscheibe.

Wir haben uns nichts gefallen lassen, die anderen auch nicht.

Wie viele Kriminelle gibt es, die einen ruhigen Lebensabend erreichen?

Nur ganz wenige, es gibt ein paar Clevere in diesem Geschäft, aber die sind die Ausnahme. Alle anderen liegen irgendwann im Dreck. Das will keiner wahrhaben, ist aber so.

Wovon leben Sie heute?

Ich bin an ein paar Firmen beteiligt. Mehr möchte ich nicht sagen.

Und das alte Leben?

Wenn mir eines nicht mehr fehlt, dann ist es der Kontakt zu meinen alten Mitgliedern. Ich weiß gar nicht, was schlimmer war, die Neonazi-Szene oder die Biker-Szene. Aber nein, das fehlt mir nicht.

Aber es ist schon komisch, wenn du früher mit 400 bis 500 Leuten gefeiert hast, und dann verbringst du nach der Haftentlassung deinen 38. Geburtstag nur mit Eltern, Schwester und Schwager. Es gab aber Kontaktversuche.

Von welcher Seite?

Von den anderen. Als ich angefangen habe, mich öffentlich zu präsentieren. Da kamen dann natürlich so Sprüche wie „Geh sterben!“ und Beleidigungen. Es gab aber auch Leute, die gesagt haben: „Mensch, du siehst ja jetzt ganz glücklich aus.“ Und die wollten dann auch wissen, wie ich das geschafft habe, mich da rauszulösen. In solchen Fällen nehme ich den Kontakt auch auf, aber schau’ mir natürlich vorher deren Umgang an. Man kann nicht am Wochenende mit der Gang feiern gehen und gleichzeitig versuchen, da rauszukommen. Ich habe aber mit niemandem dauerhaften Kontakt, und ich suche ihn auch nicht.

Wie sind Sie damals als Lübecker nach Wismar beziehungsweise überhaupt nach Mecklenburg gekommen?

Der Liebe wegen. Ich habe in Lübeck eine Frau aus Parchim kennengelernt. Nach einiger Zeit wollte sie in den Osten zurück und da ich meiner Tätigkeit überall nachgehen konnte, gingen wir zusammen nach Wismar. Das war so 2001.

Wenn jemand viele Jahre seines Lebens eine rechtsradikale Einstellung hat, kann man das ablegen?

Das ist ein ständiger Prozess. Man ändert sich im Innersten nicht und bleibt derjenige, der man ist. Aber es kommt darauf an, inwiefern man versucht, sein Inneres zu kontrollieren. Ich habe mittlerweile das Gefühl, den Berg, der vor mir ist, bewältigen zu können.

Aber zum Anfang hat man schon für die Sache gebrannt. Da fing es dann an mit „Deutschland ist so toll“. Und das hat sich dann gesteigert bis zum Rassenhass. Aber später ging’s nur noch um die Zugehörigkeit und die Akzeptanz in der Gruppe. Das Politische ist immer mehr in den Hintergrund gerückt.

Wann fing die ganze Sache eigentlich an?

Mit 16, als ich die erste Messerstecherei hatte, da haben meine Eltern gesagt: „Hoffentlich wacht der Junge jetzt auf“. Aber im Gegenteil. Das Adrenalin und die Gefahr und vor allem die Aufstachelung durch meine Freunde, das alles war wie ein Motor für mich. Das ist das Phänomen der Subkulturen. Trotz aller Gewalt und allem Stress gibt das einem ja auch was zurück. Sonst würde das ja keiner machen.

Wodurch verschaffen Sie sich heute Respekt?

Also ich muss ehrlich sagen: So sehr mir der Respekt damals auch gefallen hat, heute mag ich das Wort nicht mehr, obwohl ich es am Hals tätowiert habe. Aber heute hab’ ich es lieber, wenn die Leute mich als offen und nett betrachten, anstatt Angst oder Respekt vor mir zu haben. Zum Beispiel freu’ ich mich total, wenn meine Eltern stolz auf mich sind, oder Leute mich auf der Straße erkennen und auf meine Präventionsarbeit ansprechen. Ich scheue mich auch davor, Menschen zu führen. Sowas hat für mich immer einen manipulativen Beigeschmack.

Müssen Sie Konsequenzen fürchten, wenn es um die Vergangenheit geht?

Ich hab’ einen fairen Prozess erhalten und meine Strafe abgesessen. Da gibt es dann „Rechtsfrieden“, der mich schützt. Also brauche ich keine Angst, vor weiteren Prozessen zu haben. Ich kann aber natürlich meinen ehemaligen Kumpels nicht in die Köpfe schauen und nicht wissen, was sie vorhaben.

Welche Tattoos haben noch eine Bedeutung?

Also für mich hat jedes Tattoo eine Bedeutung und eine Erinnerung. Aber ich habe mir natürlich sowas wie die SS-Rune überstechen lassen mit der HSV-Flagge. Und ich habe auch keine Hakenkreuze oder ähnliches mehr. Allerdings werde ich immer wieder auf die Vikinger- oder „Schwarze Schar“Tattoos angesprochen. Es war aber nunmal Teil meines Lebens. Wenn ich vor dem Spiegel stehe, dann sehe ich die Tattoos nicht mehr.

Was ist im Knast passiert, dass aus dem Kriminellen plötzlich ein Präventionsarbeiter wurde?

Es gab Leute, die mich nicht abgewiesen haben und für die ich dankbar bin. Mein Psychologe in der JVA zum Beispiel. Oder meine Seelsorgerin. Diese Leute haben mir die Hand gereicht, obwohl in der Akte „unverbesserlich und nicht therapierbar“ drin stand.

Wie sieht es mit Drogen aus?

Das kommt darauf an, wie man Droge definiert, ich trinke gern Gin. Vor Kurzem habe ich allerdings mit dem Rauchen aufgehört. Von Cannabis war ich noch nie begeistert und Kokain stammt eben von damals. So gesehen nehme ich heute keine Drogen mehr, nein. Damals im Club gab es klare Regeln, wir haben Kokain vertickt, aber unter der Woche war der Konsum nicht erlaubt. Das hat dann schon mal 1000 Euro Strafe gekostet. Das ging einfach nicht, wir mussten Regeln aufstellen.

Fahren Sie noch Motorrad?

Ich hab zurzeit kein Motorrad, aber möchte in naher Zukunft wieder fahren.

Was soll’s denn werden?

Ich hätte schon Bock auf ’ne Harley Davidson Softail, das wär’ schon was.

Was passiert, wenn Sie auf Leute von damals treffen?

So etwas bleibt ja nicht aus. Ich hab’ nunmal einen hohen Wiedererkennungswert. Manche grüßen mich, andere vermeiden Augenkontakt. Aber insgesamt passiert das nicht so oft.

Haben die Präventionskampagnen Erfolg?

Das ist immer sehr relativ. Mal mehr, mal weniger. Aber mir genügt es, wenn einer von tausend sein Leben wieder in den Griff bekommt. Denn die ganze Idee hat Herz und Seele, mehr als die Jahre davor mit Hass und Krawall. Und wenn ich dann die Rückmeldung bekomme, dass jemand sich aus seinem eigenen Chaos befreien konnte, bin ich zufrieden und auch ein bisschen stolz. Für mich selbst ist das sehr befriedigend, wenn ich jemandem helfen kann.

Redaktionelle Mitarbeit: Anna Schmidtke, Sophia Swidersky, Moritz Kötzing und Fabian David.

Werwolfshop und Schwarze Schar – das Leben von Philip S.

• 1978 geboren in Lübeck

• 1988 zieht die Familie von Lübeck nach Newcastle, England

• 1991 Rückkehr nach Deutschland, schlechte Noten in der Schule, es gibt erste Probleme

• Bereits in der Schule radikalisiert sich der großgewachsene Junge, er hört Rechtsrock, liest verfassungsfeindliche Schriften

• Messerstecherei im Alter von 16 Jahren

• nach der kaufmännischen Ausbildung macht er sich selbstständig in Lübeck, vertreibt rechte Musik und Klamotten

• 2001 zieht er nach Wismar, eröffnet den Werwolfshop, er steigt tiefer in die NeoNazi-Szene ein, gründet die „Schwarze Schar“, Drogenhandel, Prostitution finanzieren sein Leben

• im Januar 2014 wird die „Schwarze Schar“ verboten

• wegen Drogenhandel wird er zu zwei Jahren Haft verurteilt. 2016 wird er entlassen

• Gründung Extremislos e.V. und Arbeit im Präventivbereich, derzeit Ausbildung zum „Anti-Gewalt- und Kompetenztrainer“

Interview von Kilian Huschke und Michael Prochnow

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