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Nordwestmecklenburg Wenn Menschen nicht allein über sich bestimmen können
Lokales Nordwestmecklenburg Wenn Menschen nicht allein über sich bestimmen können
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20:10 13.03.2018
Grevesmühlen

Der Kontakt zu den Kindern besteht nicht mehr. Die Gründe hinterfragt Barbara Kochinka nicht, sie ist einfach nur für die 64-Jährige und den 77-Jährigen da, die im Pflegeheim in Rehna untergebracht sind. Sie verwaltet deren Konten, organisiert Krankentransporte, begleitet zum Arzt, reguliert alte Schulden. Im August vergangenen Jahres hat Barbara Kochinka die Betreuung des Duos übernommen. Ehrenamtlich. „Ich kann aus gesundheitlichen Gründen seit 2014 nicht mehr arbeiten. Neben meinem großen Garten wollte ich auch sozialen Kontakt. Ich wollte helfen“, begründet die 62-Jährige, die als Verwaltungsleiterin in der Schweriner Landesregierung tätig war, ihr Engagement.

Ehrenamtliche gesucht

Können Menschen nicht mehr selbst über sich und ihr Leben entscheiden – aus Alters-, Krankheitsgründen oder nach einem schweren Unfall zum Beispiel – kommen Betreuer ins Spiel. Ist die Betreuung nicht über eine Vorsorgevollmacht (siehe Kasten) geregelt – meist werden hier Ehepartner, Kinder oder Enkelkinder eingesetzt –, bestellt das Gericht eine Person, die die Aufgabe übernimmt. Bei der Auswahl ist die Betreuungsbehörde des Landkreises beteiligt. „Wir versuchen vorrangig, Familienangehörige oder enge Bezugspersonen zu gewinnen“, erläutert Kreissprecherin Petra Rappen. Stehen die nicht zur Verfügung, kommen abhängig vom Einzelfall fremde, ehrenamtliche Betreuer, Mitarbeiter eines Betreuungsvereins oder selbstständige Berufsbetreuer in Betracht. „Die Betreuerauswahl erfolgt nach einer Eignungsprüfung. Für die Auswahl ehrenamtlicher Fremdbetreuer und selbstständiger Berufsbetreuer hat der Landkreis im regionalen Fachkreis Standards erarbeitet. Auf diesen Standards basiert die Eignungsprüfung“, so Petra Rappen.

Im Landkreis werden derzeit 2585 Menschen betreut – 923 davon ehrenamtlich. 810 erhalten Unterstützung aus dem Familienkreis, 113 von Fremdbetreuern wie Barbara Kochinka. Von ihr gibt es etwa zehn im Landkreis. Sie sind rar und werden dringend gesucht.

Arbeit der Betreuungsvereine

Neben den ehrenamtlichen gibt es Berufs- und Vereinsbetreuungen. Davon zählt der Landkreis 1662. 1248 werden von selbstständigen Betreuern vorgenommen, 413 von den drei Betreuungsvereinen in Nordwestmecklenburg: „Miteinander“ in Warin, Caritas und „Der Weg“ in Grevesmühlen – unterm Strich von insgesamt etwa 20 Betreuern. Anne Greiser, Andrea Koitzsch und Stefan Baetke sind im Verein „Der Weg“ organisiert. Dass deren Arbeit nicht immer einfach ist, zeigt sich in geschilderten Erlebnissen, die sie bis heute nicht loslassen. Gerade wenn es um Zwangseinweisungen geht, erzählt Stefan Baetke, kann es emotional und auch gefährlich werden. So habe ein psychisch kranker Betreuter zunächst die Rettungskräfte mit einer Schreckschusspistole bedroht und danach versuchte, sich mit einem Mundschuss das Leben zu nehmen. Es misslang, er kam schwerverletzt ins Krankenhaus. In einem anderen Fall hat sich ein übergewichtiger Betreuter einfach auf den Boden gelegt, um so einer Zwangseinweisung zu entgehen. Nur mit Mühe, mehreren Einsatzkräften und letztlich über eine Feuerwehrleiter konnte der Betroffene eingewiesen und behandelt werden. „In schweren Fällen achte ich schon darauf, wo die Ausgänge in der Wohnung sind und dass ich den Rücken frei habe“, erklärt Stefan Baetke, verdeutlicht aber, dass das Ausnahmefälle sind.

Deutlich wird, dass Berufsbetreuer – weil erfahrener – eher die „schweren Fälle“ haben als die ehrenamtlichen Betreuer. Normalerweise endet die Betreuung mit dem Tod des Betreuten. Doch in vielen Fällen gibt der Verein „Der Weg“ Betreute an Ehrenamtliche ab, wenn die meisten Vermögensfragen – Haus- und Autoverkauf zum Beispiel – geklärt sind. So entstand auch der Kontakt zu Barbara Kochinka.

Denn ihre beiden Betreuten aus Rehna hatte Stefan Baetke zuvor in seinem Bestand.

Ganz ohne Aufwand ist ihre Betreuung nun dennoch nicht. „Ich musste zunächst alle Banken und Krankenkassen anschreiben, dass ich die Betreuung übernommen habe“, erklärt Barbara Kochinka. Dann standen in einem Fall auch Gläubiger vor der Tür, die Geld haben wollten. „Letztlich wächst man in die Aufgaben hinein. Und wenn ich einmal gar nicht weiterweiß, dann kann ich jederzeit bei Herrn Baetke anrufen.“

Wer kann Betreuer werden?

Wer Interesse hat, ehrenamtlich Betreuungen zu übernehmen, kann sich an die Betreuungsbehörde und die Betreuungsvereine wenden. „Grundsätzlich sollte der Interessent gesund sein, Lebenserfahrung und einen qualifizierten Schulabschluss sowie einen Beruf haben. Er darf nicht verschuldet und nicht vorbestraft sein“, zählt Petra Rappen auf. Laut Stefan Baetke argumentiert das Amtsgericht, dass Ehrenamtler, die mehr als zehn Betreute haben, Berufsbetreuer sind. Absolvieren müssen die Interessenten einen zehnwöchigen Lehrgang und die Eignungsprüfung beim Landkreis.

Wie werden Betreuer bezahlt?

Für Berufsbetreuer gibt es eine Verordnung, die den Verdienst unter anderem nach Dauer der Betreuung, Aufwand und Qualifikation regelt. Ehrenamtliche Betreuer erhalten eine jährliche Pauschale von 399 Euro pro Betreuten. Hier ist der Aufwand in den überwiegenden Fällen geringer als bei Berufsbetreuern. Finanziert werden die Betreuer in der Regel aus der Staatskasse, es sei denn, der Betreute ist vermögend. Dann muss dieser die Betreuungskosten selbst tragen.

Wer wird betreut?

Laut Stefan Baetke gibt es die typischen, an Demenz erkrankten Senioren, die in der Obhut des Vereins sind. Beherrscht werde der Arbeitsalltag aber zunehmend von psychischen Erkrankungen der Betreuten. Extreme Fälle sind die von drogeninduzierten Psychosen. So gibt es Betreute, die behaupten, von Außerirdischen den Auftrag zu bekommen, Menschen zu töten. Aufgabe von Stefan Baetke ist es dann, gemeinsam mit Medizinern schnell zu handeln und zwangseinzuweisen, falls der Betreute eine Einweisung ablehnt. Meist in der geschlossenen Psychiatrie werden sie medikamentös eingestellt.

Jana Franke

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