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Wenn der Chef den Feierabend bestimmt

Grevesmühlen Wenn der Chef den Feierabend bestimmt

Jeder zweite Angestellte schiebt regelmäßig Überstunden. Das sorgt für Kritik. Viele können die Zeit aber abbummeln.

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Vor allem in der Gastronomie werden Überstunden oft vorausgesetzt. Nicht so im Restaurant „La Piazza Athen“ in Grevesmühlen: Kellnerin Stella serviert Hans-Heinrich Kirstein entspannt den Kaffee.

Quelle: Fotos: Jana Franke

Grevesmühlen. Eigentlich wäre schon seit zwei Stunde Feierabend. Aber die Aufgaben sind noch nicht erledigt. Die beiden Kollegen schaffen das nicht allein. Also bleibt Christa P.

(Name geändert) länger. Wieder einmal. So wie gestern und vorgestern. „Das ist die Regel im Gastronomie- und Hotelgeschäft“, meint die Saisonkraft, die ihren richtigen Namen in der Zeitung nicht lesen möchte. Aus Angst, sie könnte jemandem „auf die Füße treten“. Diese „Regel“ bestätigt auch Volker Schulz, Vorsitzender der DGB-Region Vorpommern. „In vielen Branchen, vor allem in der Gastronomie, werden Überstunden stillschweigend vorausgesetzt und nicht vergütet“, kritisiert er.

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Vor allem in der Gastronomie werden Überstunden oft vorausgesetzt. Nicht so im Restaurant „La Piazza Athen“ in Grevesmühlen: Kellnerin Stella serviert Hans-Heinrich Kirstein entspannt den Kaffee.

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Laut einer Studie — analysiert wurden rund 260 000 Arbeitsverhältnisse — leisten 61,6 Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland zwischen fünf und zehn Überstunden pro Woche. Nur knapp 40 Prozent erhalten einen Ausgleich. Dieser wird meist in Form von Freizeit genommen. Dafür bezahlt werden weniger als fünf Prozent.

Auch in Nordwestmecklenburg arbeiten viele Angestellte deutlich mehr als vertraglich vereinbart. Eigentlich dürfen Beschäftigte an Werktagen nicht mehr als acht Stunden tätig sein. So sieht es das Arbeitsgesetz vor. Grundsätzlich darf der Chef Überstunden anordnen, wenn der betriebliche Ablauf es erfordert — wenn die Mehrarbeit denn zumutbar ist. „Manchmal bin ich drei Stunden länger da. Aber den Mund aufmachen kann ich nicht, dann bin ich den Job los“, erzählt Christa P., die in Boltenhagen arbeitet. Helga Nielebock, Leiterin der Abteilung Recht beim DGB-Bundesvorstand, bestätigt: „Das Gesetz sieht keine genaue Grenze vor, wie viele Überstunden geleistet werden dürfen.“ Aber: „Der Arbeitnehmer sollte sie geltend machen. Es stillschweigend hinzunehmen ist keine Lösung.“

Gastronomie — ein Klassiker von Überstunden. Oder nicht? „Es ist eine Frage der Organisation“, meint Pascal, Betreiber des Restaurants „La Piazza Athen“ in Grevesmühlen. „Wenn ich weiß, dass am Abend mehr los sein wird, lasse ich den Großteil der Mitarbeiter später beginnen“, erläutert er seine Taktik. Überstunden würden bei ihm so gut wie keine anfallen. Und wenn doch, durch Krankheit eines Kollegen zum Beispiel, können diese zeitnah abgebummelt werden.

Ein Vorzeigebetrieb in Sachen Überstunden scheint auch die Zahnarztpraxis von Thomas Klemp und Ines Moll-Klemp in Grevesmühlen zu sein. „Bei uns fallen nur in Ausnahmefällen welche an“, sagt Ines Moll-Klemp. „Die Termine mit Patienten werden so gelegt, dass sie nicht in den Feierabend ragen. Ich möchte nicht, dass meine Mädels länger arbeiten.“ Sollte es ein Schmerzpatient dennoch mal erfordern, können ihre Mitarbeiter die Zeit abbummeln.

Im Durchschnitt 15 bis 20 Überstunden im Monat sammeln sich bei den Mitarbeitern von Gertrud Cordes im Gutshaus Stellshagen an. Es besteht ein Tarifvertrag mit dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). „Für die Mitarbeiter gibt es Monatskonten“, erklärt Gertrud Cordes. 173,5 Stunden im Monat sind angesetzt, die nicht überschritten werden sollten. „In den meisten Fällen gleiche ich durch Freizeit aus. Einige sparen ihre Überstunden auch für den Winter auf.“

Während die Überstundenkonten in den meisten Unternehmen schriftlich geführt werden, wird im Amt Klützer Winkel alles elektronisch erfasst. „Es gibt eine Grenze von 25 Stunden im Monat, die die Mitarbeiter mehr arbeiten können“, verdeutlicht die Leitende Verwaltungsbeamte Katrin Pardun. Nur in Ausnahmefällen — wenn wichtige Sitzungen anstehen — wird die Grenze überschritten. „Wir achten darauf, dass die Mitarbeiter nicht überlastet sind“, so Pardun. Das hat sich auch Claudia Hörl, Kurdirektorin im Ostseebad Boltenhagen, auf die Fahnen geschrieben. „Unsere Mitarbeiter können zeitnah abbummeln.“ In den Griff bekommen, wie Regina Mahlke sagt, hat die Überstunden auch das Transportunternehmen ihres Mannes in Schönberg. Drei Mitarbeiter und einen Springer beschäftigt Dieter Mahlke.

Sind genug Überstunden angefallen, können die Mitarbeiter abwechselnd freitags frei machen.

Das sagt das Arbeitsrecht
Das Arbeitszeitgesetz besagt, dass die tägliche Arbeitszeit acht Stunden nicht überschreiten darf. Im Ausnahmefall dürfen es an einem Arbeitstag auch mehr Stunden sein, wenn es innerhalb von sechs Monaten durchschnittlich bei acht Stunden pro Tag bleibt.


Zwischen Arbeitsende und dem nächsten Arbeitsbeginn gilt eine Ruhezeit von elf Stunden.


Wird die Arbeitszeit nicht automatisch erfasst — zum Beispiel in Form einer sogenannten Stechuhr —, kann jeder Arbeitnehmer selbst aufschreiben, wann er wie viele Überstunden gemacht hat. Dabei muss ersichtlich sein, warum diese Mehrarbeit notwendig geworden war. Der Vorgesetzte muss die Arbeitszeitpläne gegenzeichnen.


Das Bundesarbeitsgericht erklärte im April dieses Jahres den vertraglichen Ausschluss jeder zusätzlichen Bezahlung von Mehrarbeit für unwirksam. Die Richter halten eine solche pauschale Vertragsklausel, die der Arbeitgeber in vielen Verträgen verwendet, für rechtswidrig.


Der Anspruch auf Freizeitausgleich verjährt nach drei Jahren.

Jana Franke

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