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Nordwestmecklenburg Tagesmutter kurzfristig krank, was nun?
Lokales Nordwestmecklenburg Tagesmutter kurzfristig krank, was nun?
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13:50 24.11.2018
Haben es nicht bereut, als Tagesmutter zu arbeiten: Sylvia Renzow (42) aus Grevesmühlen und Antje Griebenow (38) aus Wismar. Quelle: JANA FRANKE
Grevesmühlen/Wismar

 Die Eltern mit ihren Kindern auf dem Arm morgens vor verschlossener Tür stehen zu lassen, hätte Sylvia Renzow nicht übers Herz gebracht. Irgendwie schafft sie es schon durch den Tag mit den Kopfschmerzen. Wo sollen die Kinder denn bleiben? Die Eltern müssen schließlich zur Arbeit. Krank werden darf eine Tagesmutter eben nicht, das ist der Nachteil gegenüber Erziehern in einer Kindertagesstätte. Die Kollegen können sich gegenseitig vertreten. Doch nun gibt es ein Modellprojekt in Nordwestmecklenburg, das Tagesmüttern wie Sylvia Renzow aus Grevesmühlen eben doch einmal erlaubt, ihren Schnupfen oder die Grippe ordentlich auszukurieren.

In Person ist es Antje Griebenow aus Wismar, die von Krankheit betroffenen Tagesmüttern unter die Arme greift. Seit September erprobt sie sich darin – mit der Unterstützung des Landkreises und des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Die 38-Jährige merkte schnell: Der Bedarf ist da. Erkrankt eine Tagesmutter oder auch ein eigenes Kind, ereilt Antje Griebenow der Anruf und sie springt ein. Seit September tourt sie im Landkreis von Tagesmutter zu Tagesmutter, damit sie zu den Kindern ein Vertrauensverhältnis aufbauen kann, falls es mal zur Vertretung kommt. Hier und da macht sie sich Notizen zu den Vorlieben der unterschiedlichen, kleinen Charaktere. Klingt nahezu unglaublich, als Fremde problemlos aufgenommen zu werden, „aber die Kinder sind alle so offen. Ich hatte bisher absolut keine Schwierigkeiten“, freut sie sich. Drei Vertretungen zählt sie bisher – Tendenz steigend. Bis zu zehn Arbeitstage darf sie in einer Tagespflegestelle einspringen.

Die Idee eines solchen Projekts ist im Wismarer Verein „Tagesmütter-Kinderträume“ entstanden, in dem Antje Griebenow vertreten war. „Im Sommer habe ich meine Kinder abgeben müssen, weil sie in die Kita kamen. Dann wollte ich etwas Neues ausprobieren, aber trotzdem mit Kindern arbeiten“, begründet sie ihren Entschluss, als sogenannte Springerin zu arbeiten. Und nun wird sie überspitzt ausgedrückt zur Retterin der 107 registrierten Tagesmütter im Landkreis, wenn sie ausfallen oder auch einmal zum Facharzt müssen. Und was ist, wenn die mobile, selbstständig tätige Tagespflegeperson, wie es der Landkreis ausdrückt, auch einmal erkrankt? „Mein Ziel ist es, das Projekt zu erweitern, dass auch ich eine Vertretung habe“, sagt Antje Griebenow. Sylvia Renzow begrüßt die Idee: „Es ist beruhigend zu wissen, dass mich jemand im Notfall vertreten könnten.“

Im Jahr 2005 machte sich die 42-Jährige als Tagesmutter selbstständig. „Als Friseurin war ich den ganzen Tag auf Achse. Meine Oma musste oft einspringen und hat sich viel um meine Kinder gekümmert“, berichtet sie. Sylvia Renzow wollte beruflich etwas Neues wagen, um auch mehr Zeit für ihre eigenen Kinder zu haben. Sie absolvierte über die Kreisvolkshochschule eine Qualifikation zur Tagesmutter. Neben Arbeit, Haushalt und Kindererziehung drückte sie ein Jahr lang die Schulbank und machte sich als Tagesmutter in der Heinrich-Heine-Straße in Grevesmühlen selbstständig. „Zehn kleine Zappelfinger“ heißt ihre Einrichtung, für die sie liebevoll die Garage in ihrem Haus und den Bungalow im Hinterhof ausbaute. Sie hatte das Glück, genügend Platz zu haben. Und wenn eine Tagesmutter kein Haus hat? Die Idee, zur Tagesmutter umzuschulen, begraben?

Stadt hilft bei der Suche nach Räumlichkeiten

Vermehrt haben nun auch Kommunen auf dem Schirm, dass Tagesmütter dringender denn je gebraucht werden. Denn: Die Kitaplätze werden knapp. Auch die Kreisverwaltung stellt fest: „Die Kindertagespflege trägt wesentlich zur Bedarfsdeckung von Betreuungsplätzen im Landkreis bei“, erläutert Pressesprecherin Wiebke Reichenbach. Die Wartelisten in Kitas sind lang. Mittlerweile aber auch bei den neun Tagesmüttern in Grevesmühlen und im Umland. „Ich darf bis zu fünf Kinder betreuen und es gibt schon eine Warteliste für 2020“, berichtet Sylvia Renzow. Frauen werden schwanger und melden ihr noch nicht geborenes Kind mitunter jetzt schon an. Die Stadt Grevesmühlen erkennt das Problem und wirbt für den Beruf; unterstützt sogar bei der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten. „Grundsätzlich muss ausreichend Platz für die Bewegung und Förderung der Kinder vorhanden sein. Ein separater Spielraum, der kindgerecht ausgestattet ist, ist beispielsweise eine wesentliche Voraussetzung“, schildert Wiebke Reichenbach. In Grevesmühlen gibt es geeignete Räumlichkeiten, die derzeit leer stehen, bestätigt Stadtsprecherin Regina Hacker. Bei Interesse kann der Kontakt zur Stadtverwaltung gern aufgenommen werden.

Trotz einiger Nachteile gegenüber angestellten Erziehern in einer Kindertagesstätte haben es Sylvia Renzow und auch Antje Griebenow nicht bereut, selbstständig zu sein. Und auch für die Eltern und Kinder ergeben sich bei der Tagespflegeperson einige Vorteile: Zum Beispiel ist die Betreuung – anders als in den alten Bundesländern – deutlich günstiger als in der Kita. Und teilweise auch flexibler. „Ich hatte in den vergangenen Jahren viele Mütter, die in Schichten gearbeitet haben und um halb sechs beginnen mussten. Dann hat noch keine Kita geöffnet“, sagt Sylvia Renzow. Und: „Die Betreuung ist individueller. Wir sind wie eine kleine Familie.“

Die wichtigsten Fragen zum Beruf

Wo kann ich mich zur Tagesmutter ausbilden lassen? Nach Informationen der Kreisverwaltung bietet gegenwärtig der Bildungsträger WBS Training AG in Schwerin (Werkstraße 713, Tel. 0385/ 64608-0) die Qualifizierung an. Der nächste Kurs beginnt am 18. Februar 2019. Absolviert werden müssen insgesamt 300 Stunden, davon 160 Stunden in Vollzeit. Nach Beginn der Tätigkeit als Tagespflegeperson erfolgt berufsbegleitend die kompetenzorientierte Anschlussqualifizierung mit weiteren 140 Stunden.

Was verdient eine Tagesmutter? Eine Tagespflegeperson bekommt eine laufende monatliche Geldleistung pro Kind, abhängig von der Betreuungsform – ganztags, halbtags oder teilzeit. Die monatliche Geldleistung wird von Landesmitteln und Kreisanteilen sowie 50:50 von den Gemeinden und Eltern finanziert. Der Elternbeitrag für einen Ganztagsplatz in der Kindertagespflege beträgt derzeit 198 Euro (Anmerkung: Abzüglich der Elternentlastung in Höhe von 100 Euro verbleibt bei den Eltern ein zu zahlender Betrag in Höhe von 98 Euro).

Wie viele Kinder darf eine Tagesmutter betreuen? Bis zu fünf Kinder. Abhängig ist das von der Größe der vorhanden Räumlichkeiten, in denen sie betreut werden.

Gibt es finanzielle Unterstützungen für Weiterbildungen? Der Landkreis erhält jährlich Zuweisungen vom Land für die Fort- und Weiterbildung der Tagespflegepersonen. Es besteht eine Kooperationsvereinbarung zwischen dem Fachdienst Jugend und der Kreisvolkshochschule, über die ein umfangreiches, kostengünstiges Programm an Fort- und Weiterbildungen angeboten wird. 25 Stunden Weiterbildung pro Jahr sind gesetzlich gefordert.

Jana Franke

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