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Wenn sich Lebenslinien kreuzen

Grevesmühlen Wenn sich Lebenslinien kreuzen

Als sich Gudrun und Artur Rostek aus Grevesmühlen kennenlernten, ahnten sie nicht, dass beide im Lager in Questin waren – sie als Vertriebene und er als Helfer.

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Artur (83) und Gudrun Rostek (73) über den Aufzeichnungen ihrer Mutter aus der Zeit im Questiner Lager.

Quelle: Foto: Jana Franke

Grevesmühlen. Gudrun und Artur Rostek sitzen in ihrem gemütlich eingerichteten Wintergarten ihres Hauses in Grevesmühlen. Das Ehepaar schaut sich in die Augen. Haben sich ihre Wege bereits gekreuzt, als er elf und sie zwei Jahre alt war? Wenn man an irgendwelche Übermächte glaubt, könnte es durchaus sein. Gudrun Rostek war von November 1945 bis April 1946 mit ihrem Bruder Gero, ihren Eltern Hildegard und Georg Schwarz und ihren Großeltern Anna und Karl Schwarz im Vertriebenenlager in Questin. Artur Rostek begleitete seinen Bruder, der bei der Stadt Grevesmühlen angestellt und unter anderem für die Essenversorgung im Lager zuständig war. Aß auch Gudrun Rostek davon? An die Zeit im Lager hat sie keine Erinnerungen, aber aus Erzählungen und Aufzeichnungen ihrer Mutter baute sie sich ihr eigenes Geschichtsbuch zusammen.

LN-Bild

Als sich Gudrun und Artur Rostek aus Grevesmühlen kennenlernten, ahnten sie nicht, dass beide im Lager in Questin waren – sie als Vertriebene und er als Helfer.

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Serie zum Lager Questin

In loser Folge veröffentlichen die Lübecker Nachrichten die Geschichte der ehemaligen Insassen des Vertriebenenlagers Questin bei Grevesmühlen. Daraus wird ein Buch entstehen.

Zugfahrt dauerte vier Tage

Hochschwanger war Mutter Hildegard, als die Familie am 2. November 1945 die Aufforderung bekam, innerhalb von zwei Stunden ihren 45 Hektar großen Hof im pommerschen Schlawe zu verlassen. „In größter Eile bündelten meine Mutter und meine Großmutter vieles zusammen“, erzählt Gudrun Rostek. Sie, zwei Jahre alt, und ihr einjähriger Bruder hätten mehrere Lagen Sachen anziehen müssen – zum einen, um noch mehr Kleidung dabei zu haben, aber in erster Linie, um bei der Kälte nicht zu frieren. Am Bahnhof wurde die Familie mit vielen anderen in einen Waggon eingepfercht – nur nicht Opa Karl. „Er hatte sich das Schlüsselbein gebrochen und hätte das im Abteil nicht ausgehalten“, weiß Gudrun Rostek aus Erzählungen. „Er hat sich ein Brett besorgt und die Fahrt auf den Puffern des Zuges verbracht.“

Die Fahrt führte über Köslin, Belgrad, Stargard und Stettin nach Berlin. „Meine Großmutter hat versucht, für uns Kinder etwas Essbares und Milch aufzutreiben, wenn der Zug hielt“, führt Gudrun Rostek aus. Wie war es wohl für die Kinder, was für Erwachsene schon unerträglich war? „Meine Oma und meine Mutter haben nacheinander versucht, uns zu beruhigen und zu vermitteln, dass das irgendwann ein Ende hat.“ Das hatte es, zunächst nach drei Tagen. So lange dauerte die Zugfahrt nach Berlin. Dann rollte, nachdem sogenannte Flüchtlingsbescheinigungen verteilt worden waren, ein Zug nach Grevesmühlen. Von dort aus ging es für kurze Zeit in ein Lager in der Zementfabrik im Grünen Weg, danach wurde die Familie im Großherzog am Markt untergebracht. Nächste Station: Questin.

Bruder verstarb im Lager

Aus den Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern weiß Gudrun Rostek, dass die Männer im Lager morgens in den Wald gingen, um Holz für einen wärmenden Ofen zu suchen, der unheimlich räucherte. In den 20 Meter langen, acht Meter breiten und 2,50 Meter hohen und vor allem kalten Erdhöhlen waren bis zu 35 Menschen untergebracht. Essen gab es wenig, und wenn, dann Wruken, also Steckrüben – nichts für den einjährigen Gero. Er verhungerte und starb am 14. Dezember 1945. Bestattet wurde er auf dem Friedhof in Grevesmühlen – anders als andere im Lager, die namenlos begraben worden sind. „Ich kann mich nicht an ihn erinnern“, sagt Gudrun Rostek beinahe vorwurfsvoll. „Das Grab haben wir viele Jahre gepflegt.“ Mit einem Baby im Bauch musste Mutter Hildegard den Verlust ihres Sohnes verkraften und für ihre Tochter stark sein. Irgendwie eben. Zur Geburt kam sie ins Grevesmühlener Entbindungsheim – mit Gudrun. „Gemeindeschwester Thea, die vielen in Grevesmühlen ein Begriff sein dürfte, hatte sich dafür eingesetzt“, weiß Gudrun Rostek.

Ihrem neuen Schwesterchen Karin sei Dank, die Familie hat eine Unterkunft in der Pfaffenhufe in Grevesmühlen bekommen. Auch wenn das neue Heim spartanisch eingerichtet und es nicht viel weniger kalt war als im Lager in Questin, hatte sie dennoch ein Dach über dem Kopf.

Brief als Kraftmotor fürs Leben

Zurücklassen mussten sie in Questin eine Mutter und ihre Tochter, zu denen sich eine Freundschaft entwickelt hatte. „Briefkontakt zwischen meiner Mutter und der Tochter bestand noch viele Jahre“, weiß Gudrun Rostek, nimmt einen handgeschriebenen Brief und beginnt zu lesen: „Ich kann mich noch sehr gut an unsere zusammen verlebte Zeit von November 1945 bis April 1946 erinnern. Ich war so dankbar, dass ich mich in dieser schweren Zeit bei euch anlehnen konnte; war nicht ganz allein, als auch Mutti ins Typhus- und Fleckfieberkrankenhaus nach Klütz musste. Ich weiß noch, als dann Gero starb, du Hildchen mit Karin hochschwanger. Wenn wir an diese Zeit zurückdenken, dann wollen wir dankbar und zufrieden sein.“

Dankbarkeit empfand auch Gudrun Rosteks Mutter, „dass wir trotz der Umstände und der unmöglichen Unterkünfte in Questin als Familie zusammen waren. Das hat sie uns auch Zeit ihres Lebens vermittelt – dankbar zu sein, eine Familie zu haben“, sagt ihre Tochter mit Tränen in den Augen.

Dramatik nicht erkannt

Szenenwechsel: Die Zustände im Lager hat Artur Rostek noch vor Augen. Mit seinen elf Jahren begleitete er seinen neun Jahre älteren Bruder nach Questin, um Essen zu bringen. An die großen Gulaschkanonen kann er sich genau erinnern. „Direkten Kontakt zu den etwa 1500 Leuten im Lager hatte ich nicht. Die Dramatik dahinter erkannte ich natürlich nicht, daher empfand ich das alles als abenteuerlich.“ Denkt er heute an die Erdhöhlen, kommt er ins Grübeln. „Die Zustände waren nicht gut“, erzählt er. Und die Einwohner von Grevesmühlen wollten nicht viel abgeben für die Vertriebenen – kaum Essen und noch weniger gern Wohnraum. „Mein Bruder wurde teils regelrecht bedroht, wenn er Wohnraum für Flüchtlinge oder Vertriebene requirieren musste.“ Auch sein Leben ist von Schicksalsschlägen geprägt. Sein Vater wurde, als er unter Zeitdruck für einen Amtsbesuch in der Kreisstadt war und Schienen überquerte, von einem Zug erfasst. Er erlag seinen Verletzungen. So waren seine Frau Martha und die Kinder auf sich gestellt. Artur Rosteks älterer Bruder Erich musste in den Krieg ziehen, die Familie bangte um ihn. Der Hof in Ostpreußen wurde mit kriegsgefangenen Polen und Franzosen zur Versorgung des Heeres weiter bewirtschaftet. Als zusätzliche Belastung für Martha Rostek kam der Umstand, dass ihre drei anderen Kinder durch die sogenannte Kinderverschickung von ihr getrennt wurden. Die Reise führte das Trio nach Rügen – von August 1944 bis Ende April 1945. Ein Onkel, angestellt im Heeresamt in Bergen auf Rügen, riet ihnen, die Insel unverzüglich zu verlassen, da der Rügendamm gesprengt werden sollte. Den letzten Zug erwischten sie, dann war die Zuwegung zur Insel zertrümmert. In Doberan trafen die Geschwister, die jüngste Schwester Edeltraud war viereinhalb Jahre alt, auf ihren Bruder Erich, der im Krieg verwundet wurde und im Doberaner Sägewerk angestellt war. „Er zimmerte einen Holzkarren zusammen. Mit einem zwangsangestellten Kriegskameraden machten wir uns auf den Weg“, erinnert sich Artur Rostek. Zivilkleidung hätten sie sich besorgt, damit sein Bruder in der Armeekleidung nicht auffällt.

Mutter und Baby erschossen

Ihr Weg führte nach Dassow zur Familie des Kameraden. Unterwegs wurden sie Zeuge, wie das Schloss in Tressow geplündert wurde. Auch sie holten aus dem Keller einige Flaschen Sekt, damit sie auf das Ende des Krieges anstoßen und es als Zahlungsmittel einsetzen konnten. In Dassow angekommen, stürmten abends amerikanische, angetrunkene Soldaten die Wohnung. „Wir mussten uns an die Wand stellen, sie haben eine Waffe auf uns gerichtet. Meine älteste Schwester hat sich schützend vor uns gestellt“, erinnert sich Artur Rostek mit zitternder Stimme. Dann der Schuss direkt über den Kopf in die Wand. „Es hat furchtbar geknallt.“ Voller Panik rannte die Familie aus dem Haus, die Soldaten hinterher und am Ende ins Nachbarhaus. Artur Rostek schaut zu Boden und findet keine Worte mehr. „Sie haben eine stillende Mutter und ihr Baby erschossen“, ergreift Gudrun Rostek das Wort.

Derweil ist seine Mutter voller Ungewissheit in Polen. „16 Briefe in vielen Sprachen haben wir losgeschickt – Deutsch, Polnisch, Russisch, Englisch“, erzählt Artur Rostek. Einer kam an. So fand die Familie im September 1947 wieder zusammen. Bruder Erich arbeitete für die Stadt, wies Flüchtlingen Wohnungen zu – vielleicht auch der Familie von Gudrun Rostek?

Ärger im neuen Heim

In ihrem Zimmer unter dem Dach in der Pfaffenhufe lebte sich die Familie von Gudrun Rostek langsam ein. „Ich erinnere mich, dass meine Schwester viel weinte“, erzählt sie. Täglich blökerte der Ofen. „Für das Baby war es bestimmt nicht gut. Wir haben den Kinderwagen auf den Dachboden gestellt.“ Da es draußen fürchterlich kalt war, seien die Dachbalken mit einer Eisschicht überzogen gewesen. Auch an das Gezeter, wie sie es nennt, des Hausbesitzers kann sie sich erinnern. „Wir trugen Holzpantoffeln, die auf der Treppe natürlich Lärm machten. Wir sollten leise sein und die Tür schließen“, erinnert sie sich an die Ermahnungen.

Im Oktober 1946 zog die Familie in eine Gartenbaracke in der Nähe des Wasserturms. „Die waren für Ausgebombte aus Hamburg aufgestellt worden. Da wir eine große Familie waren, bezogen wir eine halbe“, so Gudrun Rostek. Schwierig sei es gewesen, mit so vielen Menschen auf engstem Raum zu leben, aber sie machten das Beste daraus, führten sich vor Augen, welch ein Glück sie haben, zusammen zu sein.

Bei ihrem Vater und Opa schlug das alte Bauernherz, sie bauten Kaninchenställe. „Meine Oma pflückte Löwenzahn und Brennnessel für die Tiere – mit bloßen Händen. Dafür habe ich sie immer bewundert.“

Neues Heim, neues Glück

Auch wenn sie es sich so gemütlich wie möglich machten, glücklich war Opa Karl Schwarz mit der Situation nicht. „Er wollte aufs Dorf“, so Gudrun Rostek. In Hilgendorf wurde er fündig: Eine Witwe verkaufte ihre Neubauernsiedlung, auf die die Familie 1949 zog. Übrigens – und das macht es nahezu unmöglich, nicht an irgendwelche Übermächte zu glauben – baute Artur Rostek in seiner Tischlerlehre dort die Fenster ein. Er kannte das Gebäude also schon, bevor er seine Liebe Gudrun fand.

 Jana Franke

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