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Wie Gewalt Leben verändert

Wismar Wie Gewalt Leben verändert

Ein junger Mann und eine junge Frau erzählen.

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Noch immer ist die Scham, häusliche Gewalt anzuzeigen, groß – auch in Nordwestmecklenburg. GRAFIK: BENJAMIN BARZ

Wismar. 31. Oktober 2016. Drei junge Männer warten in Rostock auf die S-Bahn. Es ist morgens um sieben. Die Jungs waren feiern in einem Studentenclub. 1,1 Promille messen die Ärzte wenig später in der Uni-Klinik bei Martin (Name von der Redaktion geändert). Das Bild der Computertomografie zeigt Martins gebrochenen Schädel. Seinen gebrochenen Unterkiefer. Zwei abgebrochene Backenzähne. Martins blutendes Hirn.

1153 gefährliche und schwere Körperverletzungen hat die Polizei in Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 2015 gezählt. Die Zahl der Fälle ist im Vergleich zum Vorjahr leicht angestiegen (1,8 Prozent).

Die Aufklärungsquote lag mit 90,7 Prozent über dem Durchschnitt sonstiger

Straftaten.

Quelle: Kriminalstatistik Mecklenburg-Vorpommern 2015

„Ich möchte wieder der sein, der ich bin.Martin, zusammengeschlagen auf einem S-Bahnhof

Häusliche Gewalt in Nordwestmecklenburg

„Mit jedem Gespräch verliert mein Rucksack ein Steinchen.Anne, isoliert, kontrolliert, unterdrückt in einer Beziehung

„Von dem Moment an, als ich ohnmächtig wurde, weiß ich nichts mehr.“ Martin sitzt am Küchentisch im Haus seiner Eltern nördlich von Wismar. Seine Mutter stellt eine Tasse vor ihn – Hagebuttentee mit ausgepresster Orange. Am Vormittag waren sie einkaufen. Nur der Bademantel für die kommenden drei Wochen Reha fehlt noch.„Ich bin Realist. Es kann jeden treffen. Jederzeit.“ Zwei Männer hatten mit ihnen gewartet auf die S-Bahn an jenem Morgen in Rostock. „Die suchten Stress; ich wollte sie ignorieren.“ Einer von Martins Freunden lässt sich provozieren. Sie prügeln ihn zu Boden. „Ich hatte nur einen Moment Zeit, um mich zu entscheiden.“ Martin geht dazwischen. Erst bricht der Unterkiefer. Dann folgt der Schlag auf die Schläfe. Dann geht auch Martin zu Boden. Sie fluchen, spucken auf ihn hinab. Sie treten ihm gegen den Kopf – der Moment, von dem an Martin nichts mehr weiß.

Nun sitzt er am Küchentisch. Die Arme vor dem schmalen Oberkörper verschränkt. Immer wieder reibt er sich mit der Hand über den Kopf. „Die Ärzte haben mir Angst gemacht.“ Es sei fraglich, ob er je wieder belastbar sei wie ein Gesunder. Er, der 23-Jährige, der gerade kurz vor dem Abendabitur steht. Den seine Lehrer als Genie bezeichnen, als einen hellen Kopf. Er, der nun nur nach Minuten vergisst, wie Menschen heißen, die sich ihm gerade vorgestellt haben. Dem vom Lesen schwindelig wird. Vom Einkaufen für die Reha.

„Wie schnell sich das Leben ändern kann. In nur wenigen Minuten.“ Er hadert nicht mit der Entscheidung, dazwischengegangen zu sein. Die Welt hat ihm dieser Morgen aber nicht näher gebracht. Ihm, dem Einzelgänger. Die Schläger – niemand hat sie bislang gefasst. Martin winkt ab. Reha, Abi, Immobilienkaufmann – er zählt seine Zukunft auf wie eine Gleichung, die lösbar sein soll am Ende. „Ich möchte wieder der sein, der ich bin.“

Zurück ins eigene Leben

„Ich möchte, dass Du jetzt gehst.“ Es ist ein kleines Mädchen, das auf die Haustür zeigt, das den Mann der Familie auffordert, für immer zu gehen. Der Moment, in dem die Mutter des Mädchens begreift, dass sie etwas ändern muss. Anne (Name von der Redaktion geändert) packt, stopft das Auto voll. Kopfkissen, Bettdecke, drei Tassen, drei Gabeln, drei Messer, die beiden kleinen Kinder. Sechs Monate Frauenhaus liegen vor ihr. Das Leben mit Torsten (Name von der Redaktion geändert) soll nun hinter ihr liegen.

Ein Leben mit Haus und Garten, die Kinder haben jeweils ein eigenes Zimmer, Anne und Torsten Arbeit. „Die Nachbarn reden schlecht über Dich“, sagt Torsten. Anne hält sich fern. „Deine Freunde reden schlecht über mich, warum willst Du sie treffen“, fragt Torsten. Der Kontakt reißt fast ab. Torsten ruft Anne an. Drei, vier, zwölf Mal am Tag. Wie es ihr geht, will er wissen. Was sie gerade macht.

Manchmal mag sie nicht reden. Torsten ist beleidigt. Anne hat ein schlechtes Gewissen. Dann telefoniert sie mit Torsten beim Wäscheaufhängen, beim Geschirrspülen, während der Arbeit.

Dass sie auf dem Küchenboden liegt nach einem Streit, weil er sie geschlagen hat – daran muss sie wohl schuld sein. Daran, dass er sie im Winter in Unterwäsche aus dem Haus sperrt, auch. Dass sie daran schuld sein soll, dass er das Haus anzünden will, glaubt sie schon nicht mehr so recht. Daran, dass er sich umbringen wird, nach der fünften Ankündigung, erst recht nicht mehr. Wenn Anne und Torsten sich trennen, kehrt Torsten nach ein paar Tagen zurück.

Nun ist Anne gegangen mit den beiden Kindern. Die Zeit im Frauenhaus liegt hinter ihr. In einer Beratungsstelle in Wismar sucht sie Hilfe. Dort erinnert sie sich daran, dass sie ein Mensch war mit eigener Meinung, einer, der selbstständig Entscheidungen traf, der Schuld nicht ausschließlich bei sich suchte. Sie erlebt, dass ihr die Freunde von früher geblieben sind. Ein schlechtes Gewissen hat Anne heute nur noch, wenn sie daran denkt, was ihre Kinder miterlebt haben. Sie sehen ihrer Mutter an, dass sie daran denkt und das kleine Mädchen sagt: „Mama, wir sind stolz auf Dich.“

Im Frauenhaus für Nordwestmecklenburg in Wismar sind in diesem Jahr bislang 18 Frauen und 25 Kinder betreut worden. Im vergangenen Jahr waren es 30 Frauen und 28 Kinder. 2014 suchten dort 28 Frauen und 27 Kinder Zuflucht, 2013 waren es 20 Frauen und 10 Kinder.

In der Beratungsstelle für Betroffene von häuslicher Gewalt in Grevesmühlen suchten im vergangenen Jahr 28 Frauen, fünf Männer und 30 Kinder Hilfe.

Im Jahr 2014 waren es 30 Frauen, drei Männer und 23 Kinder. 2013 ließen sich 40 Frauen, fünf Männer und 31 Kinder beraten.

In diesem Jahr fuhr die Polizei in Nordwestmecklenburg bis Ende Oktober 87 Einsätze wegen häuslicher Gewalt. Laut Dunkelfeldstudie von 2015 wird häusliche Gewalt in mehr als 98 Prozent der Fälle nicht gemeldet oder angezeigt.

Hilfe gibt es unter der kostenlosen Rufnummer ☎ 0800/116016.

Nicole Buchmann

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