Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Nordwestmecklenburg Wie aus vielen Notizzetteln ein biografisches Buch wurde
Lokales Nordwestmecklenburg Wie aus vielen Notizzetteln ein biografisches Buch wurde
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:39 04.07.2017
Angelika Hukal (67) mit ihrem Buch „Eine Frau zwischen den Zeiten“. Sieben Jahre hat sie daran geschrieben. Nun ist es im Handel erhältlich. Quelle: Foto: Jana Franke

Angelika Hukal sitzt auf dem blauen Klappstuhl und atmet schwer. Der Rollator ist selbst im Haus der ständige Begleiter der 67-Jährigen. Sie legt ihre linke Hand auf den Griff – so, als wolle sie damit sagen: Wir gehören eben zusammen. Ihr rechte Hand ruht auf ihrem rechten Knie. Es ist geschwollen. Das rechte mehr als das linke. „Mit der Krankheit musste ich mein Leben komplett ändern“, sinniert sie. Diabetes. Auch ihre Hände sind von Deutschlands Volkskrankheit Nummer Eins gezeichnet. „Ich kann nicht einmal eine Kaffeekanne tragen“, sagt sie.

Am meisten tue ihr leid, dass sie das Töpfern aufgeben musste. Keramik war ihr Leben, mit mehreren Ausstellungen machte sich die gebürtige Thüringerin einen Namen in Nordwestmecklenburg. Ihre Galerie in Everstorf wurde regelmäßig von Kunstfreunden und Künstlern, die dort ausstellten, aufgesucht. „Jetzt betrete ich meine Keramikwerkstatt nicht mehr. Ich kann es einfach nicht. Dann kriege ich die Krise“, sagt sie mit gesenktem Blick. Aber Angelika Hukal lässt sich nicht unterkriegen – wie sie es ihr gesamtes Leben nicht getan hat. Und davon handelt das Buch, das sie geschrieben hat. Sieben Jahre arbeitete sie daran, nun ist es im Handel erhältlich.

„Eine Frau zwischen den Zeiten“ kann als Biografie der Mutter zweier Kinder – Stefan (44) und Yvonne (41) – gelesen werden. Eben jenen hat sie das 329-seitige Werk auch gewidmet. „Wenn mich früher etwas gefreut oder geärgert hat, dann habe ich es immer auf Zetteln notiert“, erinnert sich Angelika Hukal. Beim Aufräumen fielen ihr all diese Zettel vor sieben Jahren wieder in die Hände. Und so war die Idee der Biografie geboren.

In dieser gibt es lustige Textstellen, ebenso erschütternde. So erzählt die Autorin von ihrer Studienzeit in Dresden, in der sie fast einen Kommilitonen und guten Freund verloren hätte. „Er wollte sich umbringen, stand schon auf dem Fensterbrett“, erinnert sie sich. Mit aufbauenden Worten habe sie ihn vom Suizidversuch abbringen können, erzählt sie, den Blick zum Boden gerichtet. Nach dem Studium zum Kartografischen Zeichner verloren sich beide aus den Augen, aber sie schrieben sich regelmäßig Briefe. Doch dann kam der Tag, an dem Angelika Hukal von seinem Tod erfuhr. „Er hatte sich mit Tabletten umgebracht. Das hat mich erschüttert.“

Kurzgeschichten und Gedichte hatte Angelika Hukal schon in der Schule gern geschrieben. Im Erwachsenenalter nahm sie an Wettbewerben teil, die die Literarische Arbeitsgemeinschaft in der Meister-Akademie Husum ausschrieb. Ihr größter Erfolg dabei: „Ich habe den elften Platz unter mehreren Hundert Einsendungen aus dem In- und Ausland erreicht“, sagt sie strahlend und nimmt ein Buch, in dem der lyrische Text zum Thema Frühling zu finden ist, aus dem Korb ihres Rollators. Sie schlägt die mit einem roten Klebezettel gekennzeichnete Seite auf und zeigt sie stolz. „Ja, es war schon eine schöne Zeit damals“, sagt sie seufzend.

Schön sei auch ihre Zeit in der Hochschule Wismar gewesen. Dort gab sie bis 1994 Seminare im Fach Vermessungskunde. Und dann erhielt sie nach einem Gesundheitscheck kurz vor Weihnachten die Diagnose Diabetes. Schmerzen waren ihr täglicher Begleiter, mit Spritzen wurde sie eingestellt, dass sie schmerzfrei über den Tag kam. Nach einem halben Jahr versuchte sie sich wieder als Seminarleiterin an der Hochschule. Als sie vor Studenten aufgrund ihrer Krankheit ohnmächtig wurde und schließlich mit 45 Jahren berufsunfähig geschrieben wurde, ging sie mit sich hart ins Gericht, wie sie sagt. „Ich habe einen Schlussstrich gezogen und wollte neu anfangen.“

Dann begann ihre Zeit als Künstlerin. „Ich habe mich selbstständig gemacht und es bis heute nicht bereut“, sagt sie lächelnd. Sie und ihr zweiter Mann, von ihrem ersten hatte sie sich 1986 scheiden lassen, bauten das Haus in Everstorf aus, schufen eine Galerie. Aufgestellt hatte sie auf dem Gelände auch ihren Keramikofen. „Es war nicht so einfach, den zu DDR-Zeiten zu kaufen. Sieben Jahre musste ich auf den Ofen warten“, erzählt sie laut lachend. Heute ist er unbenutzt. Sie schaut auf ihre Knie. „Aber ich habe ja noch das Malen und das Schreiben“, versucht sie sich zu trösten. Ja, Angelika Hukal ist niemand, der so einfach aufgibt. Das beweisen die Zeilen ihres ersten Buches. Das zweite soll bald folgen.

 Jana Franke

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige