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Nordwestmecklenburg Wie barrierefrei ist Boltenhagen wirklich?
Lokales Nordwestmecklenburg Wie barrierefrei ist Boltenhagen wirklich?
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20:12 20.07.2016
Das Ehepaar Gabriele (r.) und Günter Wolff aus Wedemark.

Gabriele Wolff ist enttäuscht. Die auf den Rollstuhl angewiesene Frau war nach Boltenhagen gekommen, um sich zu erholen. Doch der geplante Urlaub wurde zum großen Ärgernis. Sie und ihr Mann Günter haben sich im Ostseebad nicht gut aufgehoben gefühlt. „Wir hatten den Eindruck, dass ein Gast mit Behinderung nicht willkommen ist“, sagt Wolff. Sie stellte in den öffentlichen Einrichtungen und Geschäften, aber auch in vielen Ferienwohnungen gravierende Mängel in Sachen Barrierefreiheit fest. Ihre Erkenntnis: Viele Unterkünfte würden zwar mit rollstuhl- oder behindertengerechten Bedingungen werben, „doch in Boltenhagen liegt einiges im Argen“, echauffiert sich Wolff.

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Das Ehepaar Gabriele (r.) und Günter Wolff aus Wedemark.

Das Ehepaar aus Wedemark bei Hannover checkte im behindertengerechten Aura-Hotel ein, das speziell für Gäste mit Sehbeeinträchtigung oder Erblindung ausgerichtet ist. Ihre Ferienwohnung brachte ersten Unmut: Das Badezimmer. „Das Waschbecken war zu hoch. Duschen konnte ich auch nicht, da keine rutschfesten Fliesen vorhanden waren“, erzählt die 72-Jährige. Die 14-tägige Nutzung des Badezimmers glich einer Tortur.

Wolff, die seit sechs Jahren fest im Rollstuhl sitzt und selbst Mitglied in einem Behindertenbeirat ist, suchte während ihres Aufenthaltes in Boltenhagen nach alternativen Unterkünften und schaute sich mehrere davon an. Rund ein Dutzend sind auf der Seite der Kurverwaltung als behindertengerecht angeboten. Doch gerade einmal zwei davon würden laut Wolff die entsprechende Norm für barrierefreies Bauen (DIN 18040) erfüllen. „Das sind die Ferienwohnungen der Familie Frank und die Strandvilla Muschel“, zählt die 72-Jährige die positiven Beispiele auf. Der Rest sei eine „Mogelpackung“, auf der das Rolli-Logo zwar draufstehe, die Vorgaben der Barrierefreiheit aber nicht vollständig vorzufinden seien. „Vielerorts findet man nur halbe Sachen“, meint sie.

Mit ihrer Kritik trat Wolff auch an Boltenhagens Kurdirektorin Claudia Hörl heran. „Doch sie schien nicht interessiert, etwas daran zu ändern.“ Hörl betont auf Nachfrage: „Die Kurverwaltung ist nicht die Baubehörde. Es liegt nicht in unserem Ermessen, zu bewerten, ob die Normen der Barrierefreiheit eingehalten wurden.“ Denn die Unterkünfte werden nicht von der Kurverwaltung betrieben. Dennoch sieht Bürgermeister Christian Schmiedeberg (CDU) das etwas anders. „Die Kurverwaltung kann schon schauen, wer rollstuhlgerechte Unterkünfte anbietet und nachprüfen, ob die Anforderungen erfüllt werden.“ Gegebenenfalls könnten Betreiber aufgefordert werden, entsprechende Ausweisungen zu streichen. „Wenn jemand mit ,rollstuhlgerecht’ wirbt, muss das auch eingehalten werden. Sonst ist das Betrug. Das schadet dem Ansehen von Boltenhagen“, so Schmiedeberg weiter. Er kündigt an, dass sich die Gemeinde mit der Thematik beschäftigen wird. Karla Krüger, die zweite Stellvertreterin der Landrätin, habe schon Kontakt aufgenommen. „Wir werden künftig sensibler sein“, meint Schmiedeberg. Es soll in diesen Tagen ein Treffen geben.

Auch Wolfgang Griese, Vorsitzender des Behindertenbeirats Nordwestmecklenburg, soll dann dabei sein. Ihm ist der Fall bekannt. „Das klingt nach Betrug am Kunden und trägt nicht zum Renommee des Ostseebades bei“, sagt er. Griese sieht die Bauordnungsämter in der Pflicht. „Es muss mehr geprüft werden, ob wirklich barrierefrei gebaut wurde.“ Das gelte auch für öffentliche Gebäude und Einrichtungen, die seit 2009 laut UN-Behindertenrechtskonvention für Rollstuhlfahrer und Menschen mit anderen Handicaps zugänglich sein müssen. Laut Griese würden die Fälle mit verschiedenen Behinderungsgraden stetig zunehmen. „Wir sollten uns auch darauf einrichten. Und wenn man es gut macht, kostet es auch nicht mehr, barrierefrei zu bauen“, sagt Griese.

Einer, der im Ostseebad rollstuhlgerecht bauen will, ist Uwe Kirbach. Der Investor, der selbst im Rollstuhl sitzt, saniert gerade die Villa Florida und baut diese zum Teil behindertengerecht um.

Hinter der Villa will er zusätzlich noch einen Neubau errichten lassen. Dort sollen sechs weitere Ferienwohnungen entstehen, die voll auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen, speziell auf Rollstuhlfahrer, zugeschnitten sind. „Rollstuhlgerechte Unterkünfte sind in Boltenhagen ein Manko“, weiß der Perleberger. Er versuche, die Gemeinde mit seinem Projekt für das Thema zu sensibilisieren. Bei der Sitzung der Gemeindevertreter heute Abend (18.30 Uhr, im Festsaal) hofft er, dass der B-Plan für sein Vorhaben abgesegnet wird. Zuletzt hatte es Diskussionen gegeben, der Neubau würde mit 12,50 Meter zu hoch ausfallen und müsse auf 9,80 Meter beschränkt werden. „Es ist nicht ganz einfach“, so Kirbach vielsagend.

Den Zustand der öffentlichen Toiletten in Boltenhagen schätzt Kirbach als ausreichend ein. Gabriele Wolff übt dagegen auch hier Kritik. Viele wären wegen Sanierungsarbeiten geschlossen gewesen. Das Rolli-WC im Kurhaus sei zudem „unter aller Kanone“. Nur ein Hilfsgriff sei verbaut, dazu findet sich eine Stange, die vom Boden bis unter die Decke reicht. „Das wirkte wie in einer Bar auf St.

Pauli, ein Witz. Als Rollstuhlfahrer musste ich mich total verbiegen. Und das ist die Visitenkarte der Kurverwaltung“, hadert Wolff.

Daniel Heidmann

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