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„Wir wurden schon schief angeguckt“

Das Lager Questin: Herbert Klimt verließ als Elfjähriger seine Heimat im Sudetenland „Wir wurden schon schief angeguckt“

Ein Großteil der Menschen in der Region hat seine Wurzeln in den ehemaligen deutschen Gebieten. Dazu gehören auch Herbert Klimt und seine Frau Hilda. Ihre Familien wurden Ende 1945 aus dem heutigen Tschechien vertrieben.

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Herbert Klimt vor den Unterlagen aus der Zeit nach 1945. Der gelernte Möbeltischler stammt aus Habendorf.

Quelle: Fotos: Michael Prochnow

Grevesmühlen. Die Linien sind scharf gezeichnet, die Straßennamen fein säuberlich aufgeführt. Auch wenn das Papier, auf dem die Karte gezeichnet wurde, inzwischen leicht vergilbt ist, so lässt sie doch erkennen, wie Habendorf einmal ausgesehen hat. Vor der Karte sitzt Herbert Klimt, 83 Jahre alt. Tischler, Lastwagenfahrer, DRK-Mitarbeiter war Klimt viele Jahre. Nun sitzt er in einer 64 Quadratmeter großen Wohnung in Grevesmühlen mit seiner Frau Hilda und setzt die Puzzleteile seines Lebens zusammen. Die Karte von Habendorf ist ein Stück davon, der Anfang sozusagen.

LN-Bild

Ein Großteil der Menschen in der Region hat seine Wurzeln in den ehemaligen deutschen Gebieten. Dazu gehören auch Herbert Klimt und seine Frau Hilda. Ihre Familien wurden Ende 1945 aus dem heutigen Tschechien vertrieben.

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Serie zum Lager Questin

In loser Folge veröffentlichen die

LN die Geschichte der ehemaligen

Insassen des Vertriebenenlagers Questin bei Grevesmühlen.

Daraus wird ein Buch entstehen.

Herbert Klimt gehört zur Kriegsgeneration, in Böhmen geboren und später vertrieben, sind er und seine Frau Hilda (82) Zeitzeugen, die berichten können von der Situation, als nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Deutschen ihre Heimat verlassen mussten. Ostpreußen, Pommern, Schlesien oder, wie Klimt, Böhmen, dem heutigen Tschechien.

Die Karte zeigt Habendorf in der Zeit von 1945, mit allen Straßennamen („Damals hießen sie Gassen.“), Brücken, Familien und wichtigen Orten. Warum er das aufgezeichnet hat? „Als Erinnerung“, sagt Herbert Klimt. „Damit nichts vergessen wird.“

Dann wandern die Gedanken mehr als 70 Jahre zurück nach Habendorf, in die alte Heimat.

Die Bauernstelle in Böhmen

Am 4. April 1934 wurde Herbert Klimt in Böhmen geboren. Er war eines von vier Kindern, die die Mutter die meiste Zeit allein großziehen musste. Die Familie bewirtschaftete in Habendorf, rund 80 Kilometer südlich von Dresden, eine kleine Bauernstelle. Als der Vater 1943 an der russischen Front bei Belgograd als vermisst gemeldet wurde, war der Großvater die einzige Arbeitskraft auf dem Hof.

Herbert wurde kurz nach Kriegsbeginn eingeschult. Als die Kämpfe endeten, war der Elfjährige in der vierten Klasse. Der Krieg spielte sich überwiegend am Himmel über Habendorf ab. „Die Bomberstaffeln flogen nach Dresden“, sagt Herbert Klimt. „Der ganze Himmel war voll.“ Die Nachricht von der Bombardierung der Elbmetropole kommt tags darauf auch in Habendorf an. Als Asche, die vom Himmel fällt.

Der Wind hat die Qualmwolken von Dresden weit nach Süden getragen. „Überall kam es herunter.“

Ein paar Wochen später stehen die Russen in Habendorf. „Wir hatten Glück, zwei Offiziere haben sich bei uns einquartiert. Die haben zu unserer Mutter gesagt: ,Du Kinder, schlafen bei Ihnen’“. Einmal versuchen ein paar betrunkene Rotarmisten, sich Zutritt zum Haus der Klimts zu verschaffen. Doch die Offiziere schützen die Familie vor Übergriffen. Nur Lebensmittel werden knapp. „Die haben die beiden Schweine mitgenommen, die wir hatten. Sonst haben sie uns nichts getan“, erinnert sich Herbert Klimt.

Die Vertreibung beginnt

Doch dann ziehen die Russen am 7. Mai ab, die Tschechen kommen. Die Stimme von Herbert Klimt wird leiser. „Dann ging es los, die Erschießungen und Vertreibungen.“

Die ersten Deutschen müssen ihre Häuser verlassen. Der elfjährige Herbert erinnert sich an eine Situation vor dem Fenster des Hauses. „Es waren Kinder, die Rucksäcke trugen, eine Frau mit Kinderwagen und eine alte Frau, die sich an den Kinderwagen stützte, ich weiß nicht, wie weit sie gekommen sind.“ Die Bilder, die heute in den Geschichtsbüchern die Vertreibung dokumentieren, sie gab es auch vor dem Haus der Klimts.

Die Trecks, die Habendorf passieren, werden immer länger, das Jahr 1945 nimmt seinen Lauf. Bis Oktober bleiben Herbert Klimt, seine drei Geschwister, die Mutter und der Großvater in ihrem Haus. Dann kommt die Nachricht, vor der sich alle gefürchtet haben. „Da stand die tschechische Familie mit Papieren vor unserem Haus, eine Stunde hatten wir Zeit, um zu packen.“ 50 Kilogramm pro Person, so lautet die offizielle Anweisung, dürfen sie mitnehmen. Doch viel ist es nicht, was sie aus den Häusern retten können.

Herbert Klimt, mit seinen drei Geschwistern, der Mutter und dem Großvater, kommt bei einer Familie in Habendorf unter. 15 Quadratmeter teilen sie sich. Ein halbes Jahr leben sie dort. Im Frühjahr 1946 geht es weiter. „Ich meine, es war der 14. April, aber einige sagen, es war schon früher, vielleicht auch der 4. April“, erklärt der 83-Jährige. Das Auffanglager im heutigen Decin, damals Tetschen, das die Tschechen eingerichtet haben, ist die nächste Station. Klimts haben Glück. Im Lager ist es zwar eng, aber sie bleiben von Schikanen verschont.

Leichen in der Elbe

Die Schreckensnachrichten aus anderen Lagern verbreiten sich schnell. „In Usti wurde eine Seifenfabrik angezündet, für die Tschechen war das ein Grund, die Deutschen aus dem Lager in die Elbe zu treiben, flussabwärts wurden die Leichen aus dem Fluss geholt. Später stellte sich heraus, dass die Tschechen die Fabrik selbst angezündet hatten. So war das damals.“

Wer arbeitsfähig war, musste auf den Gütern in der Umgebung schuften. Wieder bleiben die Klimts verschont, die sechsköpfige Familie bleibt zusammen. Anfang Juli stehen die Güterwaggons bereit für den Transport nach Deutschland. 30 Menschen pro Waggon, Dutzende Wagen hintereinander. Drei Tage geht es durch Deutschland. „Wir sind in der Nacht durch das zerstörte Dresden gefahren, nur drei Lichter waren dort zu sehen, die Ruinen ragten in den Himmel, das sah schlimm aus.“ Dann hält der Zug mit 1500 Männern, Frauen und Kindern auf dem Bahnhof in Grevesmühlen.

„Ich hatte überhaupt keine Ahnung, wo wir waren, von Grevesmühlen hatte ich noch nie etwas gehört.“ Die Menschen versammeln sich auf dem Platz neben dem Bahnhofsgebäude, mit Lastwagen geht es ins Lager Questin. Herbert Klimt kann sich noch gut an die Erdbunker erinnern, die entlang des Weges aufgereiht waren. „Dahinter gab es den Donnerbalken, für Männer und Frauen getrennt, da musste man schon aufpassen, wenn da morsche Bretter lagen.“

Die Zeit im Lager

Für die Erwachsenen ist die Zeit im Lager auch eine Zeit des Grübelns. Nicht alle kommen mit der Situation zurecht, mit der Vertreibung, dem Verlust der Heimat, der Ungewissheit. „Vor allem die Alten, die hatten alles verloren“, sagt Herbert Klimt. „Für die war es schlimm.“ Für Kinder wie Herbert jedoch ist Questin im Sommer 1946 vor allem ein Abenteuerspielplatz. Aus Zwirn und Nadeln bauen sie sich Angeln und fischen in der Stepenitz, sie sammeln die Kartoffelfelder ab, baden im Fluss. „Das war schon spannend für uns Kinder.“

Nach drei Wochen im Lager geht es am 20. Juli nach Mallentin, die Familie wird auf den Dorfplatz gefahren, um dort in eine Unterkunft zu kommen. Doch die Häuser sind voll, seit 1944 haben Flüchtlinge jede Kammer besetzt, für die Vertriebenen ist kaum noch Platz. Die Bauern suchen sich vor allem die kräftigen Leute aus.

Familie Klimt bleibt den ganzen Tag auf dem Dorfplatz stehen, niemand will die Mutter mit den vier Kindern und dem Großvater. „Abends kam dann eine Frau, die uns etwas zu essen gebracht hat.“ Dann finden sie doch noch einen Platz in Mallentin, auch wenn es eng ist. Herbert Klimt bekommt zu spüren, was es heißt, als Fremder in ein Land zu kommen. „Wir wurden schon schief angeguckt“, erinnert er sich. Katholiken aus Böhmen sind nicht überall im protestantischen Mecklenburg willkommen. Das Platzproblem macht die Sache nicht besser.

Die Schule beginnt

Herbert Klimt kommt wieder in die Schule, nach Mummendorf geht er jeden Tag zu Fuß. Mit 14 Jahren beendet er die Schule. „Meine Mutter war froh, so konnte ich wenigstens für mich selbst sorgen.“

Autoschlosser will er werden, doch Lehrstellen sind rar gesät. „Und die guten Stellen bekamen diejenigen, die Speck und Wurst mitbringen konnten, aber ich hatte ja nichts.“ So wird er Möbeltischler, erst in Grevesmühlen, später in Schönberg. Aus alten Fahrrädern bastelt er sich ein funktionierendes Rad. „Aus alten Autoreifen haben wir uns das Gummi rausgeschnitten und das als Reifen auf die Felgen gebastelt, das hielt eine Weile.“

Wenn Herbert Klimt aus seiner Vergangenheit erzählt, dann macht er das mit einem Lächeln, ohne Groll. Zwischen die Ereignisse schiebt er kleine Anekdoten, Späße, die sie sich als Kinder und Jugendliche erlaubt haben. „Das war alles nicht ganz einfach damals, aber wir haben es gut überstanden.“

Seine Frau Hilda nickt. Auch sie stammt aus Böhmen, auch ihre Familie kam im Sommer 1946 mit einem Güterwaggon in Grevesmühlen an. 1951 sieht Herbert seine spätere Frau das erste Mal im Zug nach Klütz. Viele Vertriebene heiraten in dieser Zeit untereinander. Zufall? „Ja“, sagt die 82-Jährige. „Das hat mit der Vergangenheit eigentlich nichts zu tun gehabt, schon eher damit, dass wir beide katholisch sind.“

61 Jahre sind beide inzwischen verheiratet, wenn Herbert spricht, schaut er immer wieder seine Frau an. Die 82-Jährige erzählt vom ersten Zimmer des jungen Paares in Mallentin, ihrer Arbeit im Kaufhaus in Grevesmühlen und der Wohnung in der Kreisstadt. Am 7. Oktober 1962 ziehen sie in eine Erdgeschosswohnung nahe dem Friedhof. Sie sind die ersten Mieter in den neuen Blöcken und leben bis heute hier. 64 Quadratmeter, seit 55 Jahren. Die Wohnung ist akkurat, alles hat seinen Platz und seine Ordnung. So wie die Karte, die Klimt gezeichnet hat. Von Habendorf, der alten Heimat.

Michael Prochnow

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