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Zahl der Notarzteinsätze im Landkreis drastisch gestiegen

Grevesmühlen/Wismar Zahl der Notarzteinsätze im Landkreis drastisch gestiegen

Das Retten von Personen in akuter Lebensgefahr macht sechs Prozent der Gesamteinsätze aus, 1993 waren es 42 Prozent / Oft fährt der Rettungswagen ohne Patient zurück.

Grevesmühlen/Wismar. Trotz des Bevölkerungsrückgangs im Landkreis Nordwestmecklenburg steigt die Anzahl der Notarzteinsätze. Aber: Nicht immer besteht Lebensgefahr. Im Jahr 1993 handelte es sich bei 42 Prozent der Notarzteinsätze im ehemaligen Landkreis um Patienten in akuter Lebensgefahr. Heute liegen diese Einsätze bei nur 6 Prozent. Gestiegen sind dagegen Einsätze, in denen Patienten letztlich nicht ins Krankenhaus gebracht werden müssen. Lagen diese 1993 bei 4 Prozent, stehen heute 23 Prozent in der Bilanz.

LN-Bild

Das Retten von Personen in akuter Lebensgefahr macht sechs Prozent der Gesamteinsätze aus, 1993 waren es 42 Prozent / Oft fährt der Rettungswagen ohne Patient zurück.

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„Das Anspruchsverhalten der Bevölkerung ist gestiegen“, sagt Dr. Jörg Allrich, Ärztlicher Leiter der Rettungsleitstelle Westmecklenburg in Schwerin, die Notrufe aus Nordwestmecklenburg, Schwerin und Ludwigslust/Parchim entgegennimmt. Wählen kann jeder die Notrufnummer 112. Doch einige würden es auch schon bei Husten, Schnupfen und Heiserkeit tun, sagt Dr. Allrich überspitzt. „Es hat den Anschein, dass die Menschen keine Zeit und keine Lust haben, sich in übervolle Praxen zu setzen. Das Bedürfnis nach einer schnellen Behandlung, am besten von einem Notarzt direkt, ist gestiegen.“

In 2014 (die Zahlen für 2015 liegen noch nicht vor) sind in der Rettungsleitstelle rund 330000 Anrufe gezählt worden. Ausgerückt sind die Rettungswagen letztlich nur rund 80000 Mal. Ein sogenannter Disponent am Telefon entscheidet nämlich mit einer strukturierten Notrufabfrage — also einem Fragenkatalog —, ob ein Rettungswagen geschickt wird. „Es wird gezielt nach den Symptomen gefragt, um zu erkennen, ob sich der Patient in Lebensgefahr befindet“, erläutert Dr. Jörg Allrich. Erst dann wird ein Notarzt alarmiert, denn „die stehen uns nicht unbegrenzt zur Verfügung.“ Genauer gesagt sind es sechs für den Landkreis. Wenn die bei Bagatellen gebunden sind, stehen sie bei kritisch kranken Patienten nicht zur Verfügung, verdeutlicht Dr. Jörg Allrich. So müsse genau abgewogen werden, wann ein Notarzt herausgeschickt werde. Im Landkreis Nordwestmecklenburg lag die Anzahl der Notfalleinsätze, also die Einsätze mit und ohne Notarzt, im Jahr 2014 bei 28354.

Notärzte teurer als in Schwerin

Notärzte kosten Geld, in Nordwestmecklenburg sogar doppelt so viel wie in Schwerin. Krankenkassen zahlen für einen in der Landeshauptstadt eingesetzten Notarzt etwa 250 Euro, in Nordwestmecklenburg 470 Euro. Hinzu kommen die Kosten für den Rettungswagen, die bei 520 Euro liegen — egal, wie viele Medikamente eingesetzt worden und wie teuer sie sind. „Die Kosten entstehen durch die Vorhaltung von Einsatzmitteln rund um die Uhr“, erläutert Florian Haug, Leiter des Eigenbetriebes Rettungsdienst beim Landkreis Nordwestmecklenburg. Werden die Notfalleinsatzfahrzeuge seltener alarmiert, „werden die Vorhaltekosten durch weniger Einsätze geteilt. Ein einzelner Einsatz kostet somit mehr.“

Wird ein Angehöriger eines Patienten am 112-Telefon ab- und an den kassenärztlichen Notdienst verwiesen (☎ 116117), ist das Verständnis darüber unterschiedlich. „Frauen haben meist mehr Verständnis als Männer“, so Dr. Allrich. Erst im Dezember 2015 wandte sich ein Ehepaar an die LN, weil sie um das Leben ihrer Tochter fürchteten, die Rettungsleitstelle zunächst aber keinen Notarzt schickte — erst nach einem wiederholten Anruf. Am Ende wurde das Mädchen mit einer Ohrenentzündung und hohem Fieber in der Uniklinik in Lübeck behandelt.

Eine andere Leserin (Name ist der Redaktion bekannt) berichtet darüber, dass sie zwar den Bereitschaftsdienst anrief, nachdem sie in der Rettungsleitstelle darauf hingewiesen wurde, dass die am Telefon geschilderten Symptome kein Notfall seien, ein Arzt aber mit der Begründung, der Wohnort sei zu weit weg, nicht zur Behandlung ins Haus kam und die geschilderten Symptome ja eigentlich ein Fall für den Notarzt und fürs Krankenhaus wären. „So sitzt man zwischen allen Stühlen“, ärgert sie sich.

Hamburg, Berlin und nun auch Rostock sind schon etwas weiter als die Rettungsleitstelle in Schwerin. Dort gibt es bereits die computerunterstützte Notrufabfrage. Hier entscheidet das System, ob ein Notarzt geschickt wird. „Das ist auch Ziel in Schwerin“, erläutert Dr. Jörg Allrich.

So läuft ein Einsatz ab

Mit der Alarmierung läuft die sogenannte Dispositionszeit. Das heißt, der Disponent hat eineinhalb Minuten für die Entscheidung, ob er einen Notarzt schickt oder nicht. Die Rettungswachen sind so gelegen, dass ein Rettungsfahrzeug nicht länger als zehn Minuten zum Patienten braucht. Ist die zuständige Wache nicht besetzt, wird die nächste alarmiert. Dann ist nicht zu gewährleisten, dass die zehn Minuten ausreichen.

Gemessen an den Einwohnerzahlen hat Schwerin eine doppelt so hohe Einsatzrate wie Lübeck, rechnet Dr. Jörg Allrich vor. In Lübeck leben etwa 250000 Menschen, in Schwerin 100000. In der Landeshauptstadt MVs fährt der Notarzt aber genauso oft raus wie in Lübeck. „Wir können nicht mehr auf so eine große Anzahl an Notärzten zurückgreifen wie einst. Es ist schwer, qualifizierte Leute zu finden“, verdeutlich Dr. Allrich. In Schwerin, Grevesmühlen und Wismar greifen die Rettungswachen größtenteils auf Krankenhausärzte zurück, an anderen Standorten werden die Partner über sogenannte Notarztbörsen gesucht. Per Mausklick ersteigern Rettungswachen Ärzte, die nicht selten von weit weg kommen und Dienste übernehmen. In Nordwestmecklenburg kommen somit nach Schätzungen von Florian Haug 75 Prozent der eingesetzten Notärzte zum Einsatz. Die anderen 25 Prozent werden von sogenannten Leistungserbringer, also Hilfs- und Wohlfahrtsorganisationen gestellt.

Zahlen und Fakten

Die Rettungsleitstelle in Schwerin ist für den Bereich Westmecklenburg zuständig, also Schwerin, Ludwigslust/Parchim und Nordwestmecklenburg.

26 Rettungs- und 17 Notarztwachen gibt es in diesem Bereich. Etwa 75 Prozent der eingesetzten Notärzte werden über die Notarztbörse eingekauft.

Mecklenburg-Vorpommern hat insgesamt sechs Rettungsleitstellen.

Der Notruf ist unter ☎ 112 zu erreichen, der kassenärztliche Bereitschaftsdienst unter ☎ 116117.

Rettungseinsätze sind zu 100 Prozent beitragsfinanziert, soll heißen: die Krankenkassen zahlen.

Von Jana Franke

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