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Nordwestmecklenburg Zeugen und Videos belasten Horroreltern
Lokales Nordwestmecklenburg Zeugen und Videos belasten Horroreltern
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11:22 07.11.2017
Müssen sich wegen Kindesmisshandlung verantworten: Nicole B. und Ronny B. Quelle: Foto: Cornelius Kettler
Grevesmühlen

Vater und Stiefmutter wird vorgeworfen, den leiblichen, zum Zeitpunkt des Geschehens dreieinhalb Jahre alten Sohn des Mannes im Zeitraum von Ende 2015 bis Mai 2016 mehrfach schwer misshandelt zu haben.

Zu den Vorwürfen gehört unter anderem, dass der Junge nichts zu essen bekommen haben, mit kaltem Wasser abgeduscht und mit dem Kopf in eine Toilette gedrückt worden sein soll.

Der Verteidiger von Nicole B. verlas zu Beginn eine Erklärung seiner Mandantin, die auch im Namen des Ehemannes und unter Mitwirkung seines Verteidigers verfasst worden war. In dieser räumten Beide eine Eskalation der häuslichen Situation ein, verwiesen aber gleichzeitig auf den hohen Druck, der auf ihnen gelastet habe, angesichts des Umstandes, dass der Junge besonders schwierig, aggressiv und renitent gewesen sei. Sie seien von der Situation komplett überfordert gewesen, deshalb hätten sie sich schließlich auch Hilfe beim Jugendamt gesucht.

Das Kind lebte ursprünglich bei seiner leiblichen Mutter, mit der Ronny B. nur wenige Monate im Jahr 2012 zusammen war, später lebte der Junge aufgrund der schweren Erkrankung seiner Mutter (diese dauert immer noch an) in einer Wohngruppe in Schwerin. Ende 2015 hatte der Vater das sogenannte Mitsorgerecht erhalten. Seit der Junge in der Wohngruppe gelebt habe, so die Aussage in der Erklärung, sei er vollkommen auf seine Großmutter (die Mutter des Angeklagten) fixiert und von Anfang an nicht bereit gewesen, in der Familie seines Vaters zu verbleiben.

Weiter hieß es in der Erklärung, dass das vom Vorsitzenden Richter zum Prozessauftakt angebotene Strafmaß von zwei Jahren, drei Monaten bzw. drei Jahren, drei Monaten nicht akzeptiert werden könne.

Würde es doch für die Tochter der Angeklagten bedeuten, dass sie im Fall der Verurteilung ihrer Mutter in einem Heim leben müsste. Die Angeklagten seien dennoch bereit, erklärte der Anwalt von Nicole B., aktiv zur Aufklärung der Vorfälle beizutragen – auch in der Hoffnung, mit einer Strafe auf Bewährung davonzukommen.

In der Verhandlung am Montag zeigten erschütternde Videos, aufgenommen von Nicole B. mit ihrem eigenen Handy, dass sie den Sohn ihres Mannes vernachlässigte, ihn beim Essen und auch sonst immer wieder isolierte, den Kleinen weinen ließ und dabei filmte oder anschrie – zudem zeigten die Videoaufnahmen, dass der Junge zu verschiedenen Zeiten starke Hämatome am Kopf hatte, von Beiden verursacht. Weiterhin besagten die Zeugenaussagen der Großmutter und der leiblichen Mutter des Kindes, dass sich der Junge durch den halbjährigen Aufenthalt bei seinem Vater und dessen Frau vollkommen veränderte, nicht nur körperlich, sondern auch psychisch stark geschädigt wurde.

Reny N. (52), die Großmutter des Kindes, wies jede Manipulation ihres Enkelkindes durch sie oder ihren Ehemann von sich. „Ich wollte immer, dass mein Sohn die Verantwortung für seinen Sohn übernimmt. Ich wollte eigentlich einfach nur Omi sein.“ Erst zu dem Zeitpunkt, an dem ihre Schwiegertochter und ihr Sohn den Kontakt zu ihrem Enkel systematisch unterbanden, entschied sich Reny N. Anfang 2016, aus Sorge um ihr Enkelkind auf Umgangsrecht zu klagen.

Im Laufe dieses Verfahrens war der Zustand des Kindes ans Licht gekommen – der Junge war stark untergewichtig und mit Hämatomen übersät in ein Krankenhaus gekommen, und von dort aus zu seinen Großeltern. Reny N. schilderte dem Gericht, wie sich der Junge inzwischen in den anderthalb Jahren bei seinen Großeltern entwickelt habe. Er sei langsam ruhiger geworden, gehe auch gern in den Kindergarten. Dort stehe dem Kind mittlerweile ein Integrationshelfer zur Seite, der den Jungen dabei unterstütze, mit seinen Ängsten umzugehen, die immer noch vorhanden seien. Der Prozess wird am 13. November mit der Befragung von sieben weiteren Zeugen vor dem Landgericht Schwerin fortgesetzt.

Anonymer Brief

Im Mai 2016 wurde der Fall durch einen anonymen Brief, der eklatante Personalmängel des Kreisjugendamtes anprangerte, öffentlich.

Der Prozess startete am 2. November. Am ersten Verhandlungstag gab es eine Einigung zwischen Gericht und Angeklagten, dass sie bei einem Geständnis mit Haftstrafen zwischen 27 Monaten und 39 Monaten rechnen könnten. Diese Einlassung blieb gestern aber aus.

 Annett Meinke

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