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Zu viele Auszubildende brechen ihre Lehre ab

Grevesmühlen Zu viele Auszubildende brechen ihre Lehre ab

Das Dilemma der Kreishandwerkerschaft Nordwestmecklenburg-Wismar: 65 Prozent traten dieses Jahr nicht mehr zur Abschlussprüfung an.

Grevesmühlen. Die Kreishandwerkerschaft steht vor einem Dilemma. Immer weniger Schulabsolventen entscheiden sich für eine Lehre. Außerdem: Von den wenigen, die eine Ausbildung im Handwerk beginnen, werfen viele nach kurzer Zeit das Handtuch — und das geht quer durch alle Branchen. Allein bei den Jahrgängen für die Winterprüfung 2015/16 gaben insgesamt 65 Prozent der Auszubildenden vor dem Ziel auf (siehe Kasten).

 

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„Fun“ steht nur auf der Arbeit der Gesellenprüfung, denn Spaß hat Antje Lange (56), Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft, angesichts der hohen Zahl von Abbrechern derzeit nicht. Fotos (2): Sylvia Kartheuser

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Vielen Lehr- lingen fehlt es an Disziplin, Motiva- tion und Selbst- ständigkeit.“ Kay-Michael Wahrmann

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„Fun“ steht nur auf der Arbeit der Gesellenprüfung, denn Spaß hat Antje Lange (56), Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft, angesichts der hohen Zahl von Abbrechern derzeit nicht. Fotos (2): Sylvia Kartheuser

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Vielen Lehr- lingen fehlt es an Disziplin, Motiva- tion und Selbst- ständigkeit.“ Kay-Michael Wahrmann

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„Und das sind nur diejenigen, die die Probezeit durchgehalten haben“, sagt Kay-Michael Wahrmann (46), der bei der Kreishandwerkerschaft versucht, junge Menschen in passgenaue Lehrstellen zu bringen.

Hinzu kämen jene, die nicht einmal diese ersten Wochen überstehen würden. Im aktuellen Ausbildungsjahr, das im August begonnen hat, sind es auch schon wieder 20 von etwa 200 jungen Menschen.

„Ich bin nicht böse, wenn die Entscheidung bereits in der bis zu vier Monate dauernden Probezeit fällt“, sagt Antje Lange (56). Schließlich sei das für die Lehrlinge die Zeit, sich zu erproben und beide Seiten könnten schauen, ob es funktioniert, erklärt die Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft. Viel ärgerlicher sei, wenn die Auszubildenden erst kurz vor der Zwischen- oder der Abschlussprüfung aufgeben würden.

Bei den Gründen, die zum Abbruch der Lehre führen, wird Antje Lange deutlich: „Wir dürfen unsere Jugend nicht länger in Watte packen.“ Eltern würden ihren Kindern zu wenig zutrauen und sie zu wenig fordern. Zudem habe die Schule ihre erzieherischen Fähigkeiten verloren, da Lehrer kaum noch Möglichkeiten hätten, Schüler zu disziplinieren. Wer nach der Schule nicht studiere, erlebe dann „urplötzlich die brutale Wirklichkeit und den Stress in Betrieben“, erklärt Antje Lange.

Kay-Michael Wahrmann pflichtet ihr bei. „Den Jugendlichen fehlen Disziplin, Motivation, Lernbereitschaft, Kritikfähigkeit und Selbstständigkeit“, zählt er auf. Wer einen Beruf ausüben wolle, müsse fast täglich eigenständig Entscheidungen treffen. Das hätten junge Leute oftmals nicht gelernt. Außerdem hätten sich die Berufsbilder in den vergangenen Jahren zum Teil dramatisch verändert. „Was Oma und Opa erzählen, gilt heute längst nicht mehr“, sagt Wahrmann und fügt das Beispiel eines jungen Schornsteinfegers hinzu: „Er steigt zwar immer noch aufs Dach, um einen Schornstein zu reinigen, aber viel öfter steht er mit dem Laptop an einer Heizungsanlage im Keller und misst die Abgaswerte.“

Seit Jahren kämpfen Kreishandwerkerschaft und Betriebe um jeden Auszubildenden. Mit fachspezifischen, kostenfreien Hilfen, die die Ausbildung begleiten, versuchen die Handwerksinnungen, die Lehrlinge bei der Stange zu halten. Zudem gibt es vor Prüfungen vorbereitende Lehrgänge, die oft sogar von den Ausbildungsbetrieben bezahlt werden.

Nun sollen weitere Bausteine entwickelt werden, um die Quote der Abbrecher zu senken, die in anderen Kreisen ähnlich hoch ist wie in Nordwestmecklenburg. Antje Lange und Kreishandwerksmeister Eckard Gauer stehen daher in regem Kontakt mit dem Bildungsministerium in Schwerin. „Ich habe schon den Eindruck, dass Minister Mathias Brodkorb die Situation gut kennt und dass sich etwas bewegt“, schildert die Geschäftsführerin.

Eine Idee ist, mehr Praxis in die Schule zu bringen. Eine Möglichkeit wären wöchentliche Betriebspraktika mit einer stärkeren Verzahnung zum Unterricht. „Wenn zum Beispiel ein Jugendlicher ein Praktikum in einem Malerbetrieb macht, könnte im Matheunterricht errechnet werden, wie viel Liter Farbe für eine bestimmte Fläche benötigt werden oder wie viel Prozent einer Farbe nötig sind, um einen ganz bestimmten Ton zu erreichen“, erklärt Kay-Michael Wahrmann. Derzeit würden das Bildungsministerium, Nordwestmecklenburgs Kreisverwaltung, die Kammern und die Kreishandwerkerschaft nach geeigneten Schulen für den Modellversuch suchen, sagt Antje Lange.

Ein Flyer für die Betriebe und ein Blatt mit Ansprechpartnern für die Jugendlichen sollen ebenfalls helfen, Ausbildungen durchzuziehen und abzuschließen. Betrieben bietet die Kreishandwerkerschaft umfassende Beratungen bei so ziemlich allen Problemen an, die mit Auszubildenden auftreten können. Lehrlingen rät sie, es vor dem Abbruch erst einmal mit „Plan B“ zu versuchen: dem Gespräch mit einem neutralen Ansprechpartner. „Manchmal braucht es nur einen Vermittler zwischen dem Chef und dem Azubi“, sagt Antje Lange.

• Weitere Informationen auf der Homepage: www.wismar-handwerk.de

Die Zahlen

Zur Winterprüfung 2015/16 der Kreishandwerkerschaft Nordwestmecklenburg-Wismar sind von 100 Auszubildenden nur 35 angetreten. 65 haben aus verschiedenen Gründen ihre Lehre vorzeitig abgebrochen.

52 Jugendliche haben eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker angefangen, nur 19 haben die Prüfung abgelegt, 33 brachen vorher ab. Das entspricht einer Abbrecherquote von rund 63,5 Prozent.

Für eine Lehre als Elektriker in der Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik hatten sich vor drei Jahren 13 junge Menschen aus Nordwestmecklenburg und Wismar entschieden. Drei haben die Prüfung gemacht, davon hat einer nicht bestanden.

Von 16 Metallbaulehrlingen traten gerade einmal fünf zur Gesellenprüfung an. Die gleichen Zahlen gelten für die Anlagenmechaniker in den Bereichen Wasser-, beziehungsweise Wärmetechnik.

Zudem fiel in allen drei Fachrichtungen jeweils ein Lehrling durch die Prüfung.

Von Sylvia Kartheuser

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