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Zwei Jobs sind nicht genug

Upahl/Grevesmühlen Zwei Jobs sind nicht genug

Renate L. aus Upahl verdiente gut. Doch mit der Kündigung vor zwei Jahren begann der soziale Abstieg.

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Trauriger Blick aus dem Fenster: Renate L. aus Upahl hat zwei Jobs, mit ihrem Geld kann sie trotzdem kaum überleben.

Quelle: Foto: Robert Niemeyer

Upahl. Wenn Renate L. von ihrem Leben erzählt, schießen ihr Tränen in die Augen. „Ich weiß langsam nicht mehr weiter“, sagt die 51-Jährige und schaut aus dem Küchenfenster ihrer Plattenbauwohnung. Die Möbel sind nicht mehr die neuesten.

Auch renoviert werden müsste mal wieder. Seit 2003 hat sich die Zahl der Menschen mit Zweitjob bundesweit mehr als verdoppelt — von rund 1,158 Millionen auf 2,658 Millionen Ende 2012 . Renate L. ist eine von ihnen. Doch auch dieser Einsatz scheint nicht auszureichen.

Vor zwei Jahren sah es noch viel besser aus. Renate L. hatte einen guten Job als Briefzustellerin, brachte rund 2000 Euro nach Hause. Dass sie seit acht Jahren alleinstehend war, machte nicht viel aus. Auch dass der Vater ihres 14-jährigen Sohnes keinen Unterhalt zahlte, war zu verschmerzen. Kurz vor Weihnachten 2011 begann der Abstieg. Renate L. wurde gekündigt. Das gute Leben war vorbei.

Nicht, dass sie es nicht versucht hätte. „Ich wollte sofort wieder Arbeit“, sagt sie. Ein halbes Jahr probierte sie es in der Gastro-Branche. „Bis mein Sohn gesagt hat, dass er das nicht mehr will.

Ich war ja nie für ihn da.“ Die Arbeitszeiten belasteten das Verhältnis zu Hause. Ihr Sohn musste ein Schuljahr wiederholen. Renate L. kündigte.

Damit begann der Teufelskreis, in dem sie sich noch heute befindet. „Ich ging zu einer Zeitarbeitsfirma — mein sozialer Abstieg.“ Von einem Verdienst von etwa 1300 Euro fiel sie auf 800 Euro. Von morgens um sechs bis abends 18 Uhr muss sie arbeiten. Ständig wechselt der Arbeitsplatz, teilweise fährt sie bis zu 60 Kilometer. Um sich über Wasser zu halten, verteilt sie früh morgens noch Zeitungen. Zeitweise hatte Renate L. noch einen dritten Job, ebenfalls als Verteilerin für eine große Sonntagszeitung. „Das war zu viel, da habe ich schnell wieder gekündigt“, sagt die 51-Jährige.

Gerade Frauen haben es im Nordwestkreis schwer, eine gut bezahlte Vollzeitstelle zu finden. Laut einer Mitteilung der Gewerkschaft Verdi sind lediglich 39 Prozent aller Vollzeitstellen mit Frauen besetzt. Teilzeit und Minijobs dagegen haben einen Frauenanteil von 71 Prozent. Gerade im Minijob-Bereich werde Niedriglohn gezahlt.

Deutschlandweit, so die Statistik der Bundesagentur für Arbeit, hat sich die Zahl der Zeitarbeiter in den vergangenen zehn Jahren nahezu verdreifacht, von 309 000 (2002) auf 822 000 (2012). 29 Prozent davon sind Frauen. Auch im Zeitarbeitsbereich liegen die Stundenlöhne deutlich unter 8,50 Euro.

Renate L. bekommt 7,46 Euro pro Stunde. Der gesetzlich festgelegte Mindestlohn für Zeitarbeiter beträgt 7,50 Euro. Mit Zeitarbeit, Minijob und Kindergeld hat Renate L. insgesamt 1300 Euro im Monat.

Nach Abzug aller laufenden Kosten, wie Miete, Strom, Benzin, bleiben ihr 50 Euro in der Woche zum Leben. Unter den Ausgaben sind auch Tilgungszahlungen für zwei Kredite. Als es ihr noch gut ging, kaufte sie sich ein Auto, half außerdem ihren drei anderen erwachsenen Kindern, auf die Füße zu kommen. Durch die Kündigung 2011 und die zeitweilige Arbeitslosigkeit häuften sich etwa 6000 Euro Mietschulden an.

Beim Sozialamt und beim Jobcenter habe sie vorgesprochen, ohne Erfolg. „Man sagte mir, dass ich ja Arbeit habe.“ Um aufzustocken, verdiene sie zu viel. „Ich bin heulend rausgerannt“, ist Renate L.

enttäuscht. Von Urlaub kann sie nur Träumen. Essen gehen, Kino, Volksfeste — nichts zu machen. Renate L. ist froh, dass sie ihrem Sohn wenigstens Fußballschuhe für 30 Euro kaufen kann. Mittlerweile macht auch der Körper nicht mehr mit. Die Knie sind kaputt, die Achillessehnen schmerzen. „Aber ich kann nicht krank machen. Ich habe Angst, dass ich meinen Job verliere“, sagt Renate L. Gerne würde sie wieder in der Landwirtschaft arbeiten, Agrartechnik und Mechanisator hat sie eigentlich gelernt. „Mit meinen Knochen bekomme ich dort doch keinen Job mehr.“

Es sind nur kleine Schritte, die sie sie machen kann. Zwei Mal die Woche kommt ein Mann vom Jugendamt vorbei, um sich als sogenannter Familienbeistand mit um Renate Ls. Sohn zu kümmern. Zur Schuldnerberatung geht sie mittlerweile auch. Die 51-jährige hofft, dass sich irgendeine Gelegenheit, eine Chance, Hilfe ergibt. Allein der Glaube schwindet.

Immer mehr Aufstocker
Die Zahl der Aufstocker steigt seit Jahren. 2012 gab es in Deutschland rund 322 000 Haushalte mit einem Hartz-IV-Aufstocker, der mehr als 800 Euro brutto verdiente.

Besonders im Handel, in der Gastrobranche sowie im Gesundheits- und Sozialhilfen sind viele Menschen auf zusätzliche Hilfe vom Staat angewiesen, trotz Vollzeitjob.

In Mecklenburg-Vorpommern ging die Zahl jedoch etwas zurück. Waren 2011 noch knapp 49 000 Menschen auf Hartz IV angewiesen, waren es 2012 noch 46 800. Etwa die Hälfte davon waren Mini-Jobber mit einem Verdienst von bis zu 400 Euro.

Ich ging zu einer Zeitarbeitsfirma. Mein sozialer Abstieg.“Renate L. (51) aus Upahl

Robert Niemeyer

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