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Ostholstein „20 Prozent der Kinder geht es heute erheblich schlechter“
Lokales Ostholstein „20 Prozent der Kinder geht es heute erheblich schlechter“
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20:24 19.10.2013
Die Vereinsvorsitzende Mechtild Piechulla und die beiden Geschäftsführer Martin Liegmann (l.) und Henning Reimann. Quelle: ser
Neustadt

Neustadt — 80 Ehrenamtler und 260 Mitarbeiter kümmern sich für den Kinderschutzbund Ostholstein an 22 Standorten im Kreis um Kinder, Jugendliche und Familien. Ziel ist es, den Nachwuchs zu fördern, Gewalt und Missbrauch zu bekämpfen — und das seit 40 Jahren. Zum Geburtstag gibt es nicht nur eine Feier (siehe Extra-Text), sondern auch Wünsche an die Zukunft. Warum es vielen Kindern heute schlechter geht als vor 20 Jahren, erläutern die Geschäftsführer Martin Liegmann und Henning Reimann im LN-Gespräch.

Lübecker Nachrichten: 40 Jahre Kinderschutzbund — brauchen wir ihn noch? Ist die Arbeit nicht getan?

Martin Liegmann: Vor wenigen Tagen kam ein 17-jähriger Obdachloser zum Kinderhaus am Neustädter Binnenwasser. Er hat sich erinnert, dass er hier mal vor Jahren betreut wurde. Wir haben ihn erstmal untergebracht. Also lautet die Antwort „Ja“. Wir brauchen ein differenziertes Angebot von Basisprävention und Therapie.

LN: Wie geht es dem Nachwuchs im Kreis Ostholstein?

Liegmann: Meine These lautet, dass es 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen heute deutlich besser geht als vor 20 Jahren. Bei 20 Prozent hat sich nichts verändert. Den anderen 20 Prozent geht es erheblich schlechter. Es mangelt an emotionaler und materieller Zuwendung sowie Erziehung. Auch tritt verstärkt Armut bei Kindern auf. Hinzu kommen Mehrfachbelastungen von Alleinerziehenden, insbesondere im Arbeitsprozess.

LN: Wie kann man den 20 Prozent, denen es erheblich schlechter geht, helfen?

Liegmann: Indem man weiter die Anzahl der Krippen-, Kindergarten-, Hort- und Offenen-Ganztagsschul-Plätze ausbaut. Der Zugang muss aber beitragsfrei sein. Dann haben wir die heutigen Probleme in zehn Jahren wahrscheinlich nicht mehr. Der Ausbau der Schulsozialarbeit und der „Frühen Hilfen“ ist ein absolut notwendiger und richtiger Meilenstein in diese Richtung.

LN: Können Sie allen Kindern, die Hilfe benötigten, helfen?

Liegmann: Ja, da wir ein ganz differenziertes Angebot haben. Wir würden uns das zutrauen. Die einzige Ausnahme sind vielleicht schwerst geistig- oder körperlich behinderte Kinder. Zudem ist unsere Hilfe kostenfrei, anonym und unbürokratisch.

Henning Reimann: Grundvoraussetzung ist, dass wir Kenntnis von den Fällen bekommen. Aber wir haben ein Netzwerk, welches sich von Schulen, Kindergärten und Jugendamt über Ärzte und Hebammen bis hin zur Tafel und der BQOH (Beschäftigung und Qualifizierung Ostholstein gGmbH, Anm. d. Red.) erstreckt. Es ist also die Ausnahme, dass wir von einem Kind, dass Hilfe benötigt, nicht erfahren.

LN: Wann sind Sie mit der Arbeit des Kinderschutzbundes zufrieden?

Liegmann: Wenn Erzieher in freudige Gesichter schauen können. Freude der Kinder und Jugendlichen sowie auch von Eltern ist der größte Dank. Wir selbst danken dem Kreis und den Kommunen sowie Netzwerkpartnern für die jahrelange Unterstützung und Wegbegleitung.

LN: Warum wurde 1973 der Kinderschutzbund Ostholstein gegründet?

Liegmann: Die katastrophale Versorgungslage in Neustadt war ausschlaggebend. Es gab kaum Kindergärten. Zudem engagierten sich die Gründer gegen den Bau eines öffentlichen Gebäudes am Binnenwasser. Es entstand stattdessen ein Spielplatz. Er wird bis heute genutzt.

LN: Wie wichtig sind Ehrenamtler für den Verein?

Reimann: Ohne sie hätten wir nicht die Betreuungsdichte, die wir haben. Elterntelefon, Kleiderstube, Familienpaten und auch der begleitete Umgang würden wegfallen.

LN: Muss der Kinderschutzbund weiter wachsen, um allen Kindern helfen zu können?

Reimann: Wir orientieren uns an den Bedürfnissen und den gesellschaftlichen Herausforderungen. Allein aufgrund des demografischen Wandels werden wir uns um jeden kümmern müssen. Wir werden jeden zum Schulabschluss bringen oder ihn in die Gesellschaft integrieren müssen. Es kann aber sein, dass einzelne Aufgaben wegfallen und andere hinzukommen. Ich glaube aber, dass unsere Rolle noch einflussreicher wird und wir in zehn Jahren so bedeutend wie heute sein werden.

Ministerin kommt zur Jubiläums-Feier
Die Feier zum 40-jährigen Bestehen findet am Sonnabend, 26. Oktober, in Neustadt in der Aula der Jacob-Lienau-Gemeinschaftsschule statt.


Bürger willkommen: Die Veranstaltung beginnt um 11 Uhr und ist öffentlich.


Das Programm:

11 Uhr: Eintreffen der Gäste

11.30 Uhr: Begrüßung

11.45 Uhr: Kristin Alheit, Ministerin für Soziales, Gesundheit, Familie und Gleichstellung in Schleswig-Holstein, spricht ein Grußwort. Anschließend folgen Timo Gaarz (stellvertretender Landrat), Michael Koch (Vorsitzender des Gemeindetages), Tordis Batscheider (Bürgermeisterin Neustadt), Irene Johns (Vorsitzende des DKSB-Landesverbandes), Susanne Voß (Lebenshilfe Ostholstein). Zudem soll Vereinsgründerin Ilse Tychsen geehrt werden.

13 Uhr: Schlusswort, anschließend Imbiss und Ausklang der Veranstaltung

Interview: S. Rosenkötter

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