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Ostholstein 65 Jahre Eutiner Festspiele: Erstmals dirigiert eine Frau
Lokales Ostholstein 65 Jahre Eutiner Festspiele: Erstmals dirigiert eine Frau
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13:35 20.07.2016
Intendantin Caron (l.) probt mit Susanne Braunsteffer („Agathe“, v. r.) und Julia Bachmann („Ännchen“).

An der Musikhochschule Dresden war das, wo sie in den 1970er-Jahren bei dem berühmten Rudolf Neuhaus studierte. Übermorgen, am Freitag, 24. Juni, wird Romely Pfund bei den 65. Eutiner Festspielen die musikalische Leitung beim „Freischütz“ haben: die erste Premiere in der 66. Spielzeit auf der Bühne im Schlossgarten. Mit ihr steht außerdem erstmals eine Dirigentin am Pult vor dem Festspielorchester.

Romely Pfund eröffnet mit Webers „Freischütz“ die 66. Spielzeit.

Den „Freischütz“ hat die 60-Jährige, gebürtige Dresdnerin, in ihrer Laufbahn schon einige Male dirigiert, unter anderem in Stendal. „Es ist ein revolutionäres Stück“, schwärmt sie von dem 1821 uraufgeführten Werk. Die Vielseitigkeit Carl Maria von Webers, der Komponist, Dirigent, Pianist und Schriftsteller war, begeistere sie. Ein Wegbereiter Richard Wagners sei er gewesen, von Weber habe die Oper als Ganzes betrachtet, „etwas, das Wagner dann umgesetzt hat“.

Die 16 Szenen des „Freischütz“ hat Romely Pfund bei einer früheren Gelegenheit einmal als „musikalisch höchst originell“ bezeichnet, „auf der einen Seite tief verträumt, auf der anderen dramatisch“.

Ihr sei eine so lieb wie die andere, sagt sie lächelnd und berauscht sich gleich wieder an Weber: „Ein großer Epiker, fast besser als Mozart. Ihm gelingt es, die Atmosphäre einzufangen, er ist meisterhaft im Instrumentieren.“ In den Spielzeiten 1986 und 1987 wurde auf der Seebühne auch Webers Oper „Oberon“ aufgeführt, ein Werk, das ihr Respekt abnötigt: „Er ist wahnsinnig schwer.“ Und sogleich folgt ein Lob für Eutin: „Hier wird wunderbare Arbeit geleistet!“

Die freilufterfahrene Dirigentin hat sich sowohl in der Vergangenheit als Zuschauerin als auch aktuell am Pult von der Akustik in Eutin überzeugen können: „Sie ist wirklich gut. Es ist erstaunlich, aber wunderbar, dass wir ohne Technik auskommen.“ Mit dem 51-köpfigen Festspielorchester – darin sind Musiker der Opernhäuser und Theater aus Lübeck, Kiel, Flensburg, Lüneburg, Hamburg und Hannover sowie Studenten aus Eutins Partnerstadt Lawrence/USA vertreten – gibt es nur sehr wenige Probentermine. „Wir müssen uns sehr konzentrieren. Aber das sind Profis, diese Arbeit ist ihr täglich Brot“, sagt Romely Pfund bestimmt. „Außerdem gibt es einen großen, festen Stamm von Musikern, der jedes Jahr hier mitwirkt.“

Nach vielen Jahren mit nationalen Engagements und internationalen Erfahrungen, als Konzertdirigentin und Leiterin von Musiktheatern kam Romely Pfund 2013 nach Lübeck, wo sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem Lübecker Theaterdirektor Christian Schwandt, lebt. Romely Pfund ist Dozentin an der Lübecker Musikhochschule. „Als ich erfahren habe, dass es für den ,Freischütz' in Eutin noch keinen Dirigenten gab, habe ich Kontakt zu Dominique Caron aufgenommen“, erzählt sie. Die Intendantin der Eutiner Festspiele und sie hätten sich zu einem Gespräch getroffen und ziemlich schnell zusammengefunden, berichtet Romely Pfund. Sie schätze es, dass Dominique Caron herausfordere, sich einzumengen.

Auf die fast unvermeidliche Frage, warum es so wenige Dirigentinnen gibt, antwortet Romely Pfund verschmitzt: „Es werden mehr.“ Und fügt an: „Strauß fand Frauen als Dirigentinnen unästhetisch.“

Tatsächlich fehlten Vorbilder, auch halte sie die Studienzeiten in Deutschland für zu lang und frauenfeindlich. „Ich habe in der damaligen DDR studiert und war mit 22 Jahren fertig. Heute ist man mit 29, 30 Jahren durch. Wenn Dirigentinnen dann Nachwuchs bekommen und eine Kinderpause einlegen, sind sie weg vom Fenster.“

Ihr ist beides gelungen: Familie zu haben – sie und Christian Schwandt sind Eltern einer Tochter und eines Sohnes –, und eine außerordentliche Karriere hinzulegen. Romely Pfund hat in 39 Berufsjahren weit über 1200 Konzerte dirigiert, ihr Repertoire umfasst mehr als 50 Musiktheaterstücke, sie hat mit ungezählten renommierten Orchestern und Künstlern gearbeitet, Preise eingeheimst, Ausflüge in Jazz und Tanztheater unternommen.

„Wir sind privilegiert“, sagt sie über sich und ihre Zunft. Und: „Man muss für seinen Beruf brennen. Dann ist das, das stärkste Gefühl der Welt.“

Kostüm- und Maskenproben für „Kaspar“ und Co.

Wenn sie nebeneinanderstehen, gibt das schon ein drolliges Bild ab: Der stattliche Bass Christian Sist – in diesem Jahr der „Kaspar“ im „Freischütz“ – überragt die zierliche Bühnen- und Kostümbildnerin Ursula Wandaress einen knappen halben Meter. 2,04 Meter misst der Sänger, der für seine Rolle mit Ledermantel, Stiefelhose und derben Stiefeln ausgestattet worden ist. Schlicht und gradlinig, das passt zum Jägerburschen Kaspar, der für Sist eine Figur ist, „die sehr eigen ist, sich nicht an die Gepflogenheiten der Gesellschaft anpassen will. Ein Außenseiter mit möglichst wenig Kontakt zu anderen.“

Christian Sist singt zum zweiten Mal in Eutin. In der vergangenen Spielzeit war er als „Ramfis“ in „Aida“ zu erleben. Seine Rolle als Jägerbursche empfindet er als herausfordernder, „ da braucht es Dampf in der Stimme und Flexibilität“.

In dieser Woche stehen noch Proben in der Maske an. Ursula Wandaress stellt sich für „Kaspar“ eine dunkle, im Nacken längere Perücke vor, dazu soll er eine Narbe geschminkt bekommen oder eine Augenbinde tragen. Chefmaskenbildnerin Marlene Girolla-Krause wird den Bass so herrichten, dass er der Rolle entsprechend ein finsteres Äußeres bekommt. Text: ben/Fotos: ben (3)/Archiv

 Ulrike Benthien

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