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Ostholstein "Absolute Rarität": Hölzerne Funde verzücken Archäologen
Lokales Ostholstein "Absolute Rarität": Hölzerne Funde verzücken Archäologen
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22:43 11.07.2018
„Es kann Jahre dauern bis alle Funde ausgewertet werden. Für Groß Schlamin ist das Interesse hoch.“Ingo Clausen Archäologisches Landesamt

Das kleine Dorf befindet sich zwischen Neustadt und Lensahn in der Gemeinde Schashagen. Neben Kreisstraße 59 und Autobahn 1 haben die Männer vom Archäologischen Landesamt Stellung bezogen. Seit Anfang April tragen sie Erde ab, fördern Keramikscherben, Knochen und Gebäudeüberreste zutage. Dass der Boden vor Bauprojekten untersucht wird, ist Standard und gesetzlich vorgeschrieben. Die Deutsche Bahn kostet das viel Geld. Für die etwa 120 Vor- und 37 Hauptuntersuchungen seit 2016 werden fünf Millionen Euro fällig.

Wann die feste Beltquerung wirklich fertig wird, ist unklar. Fakt ist, dass die notwendige Schienenanbindung bauliche Auswirkungen hat. An fast 40 Stellen im Kreis Ostholstein wird es bis Ende 2019 Ausgrabungen gegeben haben. Eine der bedeutsamsten läuft derzeit bei Groß Schlamin.

Hölzerne Überreste gelten als absolute Rarität

Aus Forschersicht dürfte das Geld gut eingesetzt sein. Die Funde bei Groß Schlamin sind keineswegs gewöhnlich. Ausgrabungsleiter Eric Müller führt die LN gestern Morgen über die 7000 Quadratmeter große Fläche. Es regnet. In einigen Gruben staut sich Wasser. Aber: „Das ist Grundwasser“, erklärt der Fachmann. Der Wasserstand sei hier besonders hoch. Ein Glücksfall für die Archäologen, auch wenn sie das Nass herauspumpen müssen.

In Kombination mit dem starken Torfgehalt des Bodens ist der Erhaltungsgrad vieler Fundstücke außergewöhnlich hoch. Dies gilt insbesondere für hölzerne Elemente, die vor 2500 bis 2600 Jahren (frühe Eisenzeit) zum Bau von Gebäuden und Brunnen genutzt wurden. „Das ist eine absolute Rarität in Schleswig-Holstein. Wir können Häuser einer Siedlung nachweisen“, sagt Müller.

Breites Spektrum von Siedlungsbefunden

In den vergangenen Jahren wurde die jetzt im Fokus stehende Fläche landwirtschaftlich genutzt. Da die Funde unter einer bis zu 120 Zentimeter tiefen Erdschicht verborgen waren, seien sie nicht durch Pflugarbeiten beschädigt worden. „Die Ausgrabungen zeigen ein breites Spektrum von Siedlungsbefunden“, erläutert Projektleiter Erich Halbwidl. „Hervorzuheben sind vor allem die vollständigen Grundrisse von Wohn-, Wirtschafts- und Speicherbauten einer bäuerlichen Siedlung.“

Besonders bemerkenswert sei der Erhalt von organischen Materialien wie Knochen und botanischen Resten (Getreide, Heu- und Strohverpressungen). Sie würden genauere Rückschlüsse auf das Leben der Menschen ermöglichen.

Andere Teile der Siedlung liegen unter der Autobahn

Wie groß die Siedlung wirklich war, lässt sich nicht feststellen, da Teile unter der Autobahn verborgen sein dürften, oder aber bei deren Bau zerstört wurden. Die Archäologen wollen ihre Ausgrabungen bis Anfang September abschließen. Dann werden die vielen Löcher und Gruben verfüllt und der Landwirt übernimmt wieder das Kommando – zumindest bis die Arbeiten an der Schienenanbindung starten. Die Fundstücke indes kommen ins Magazin des Landesmuseums unweit von Schloss Gottorf. Anschließend stürzen sich verschiedene Forscher auf die gesammelten Daten. Spannende Erkenntnisse werden erwartet.

Führungen möglich: Wer die Ausgrabungsstätte anschauen möchte, kann sich per E-Mail bei ericmueller.arch@t-online.de melden.

Von Sebastian Rosenkötter

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