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Ostholstein Alltag mit Leseschwäche: Betroffener will Mut machen
Lokales Ostholstein Alltag mit Leseschwäche: Betroffener will Mut machen
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13:55 23.08.2017
Treffen an der Oldenburger VHS: Projektkoordinatorin Adrienne Rausch mit Kursteilnehmer Marco Stolze.

„Ich bin nicht dumm.“ In der Schule wurde Marco Stolze gehänselt, weil er nicht so gut lesen und schreiben konnte. Heute weiß er: „Ich habe andere Stärken.“ Mit seiner Lernschwäche geht er mittlerweile selbstbewusst um. Er nimmt Unterricht und möchte anderen Betroffenen Mut machen.

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Kreisweites Projekt hilft Menschen, die nicht lesen und schreiben können.

Hier gibt’s Hilfe

Die Alphabetisierungsangebote sind kostenfrei. Infos unter Tel. 04361/5083917.

Ein Infostand wird zudem am 7. September im Rathaus aufgebaut (8.30 bis 13.30 Uhr).

Wer Betroffene kennt, wird gebeten, sie aufmerksam zu machen.

Der funktionale Analphabetismus – bei dem zwar Grundkenntnisse vorhanden sind, diese jedoch nicht für schwierigere Wörter oder Texte reichen – sei viel weiter verbreitet, als die meisten Menschen annähmen, sagt Adrienne Rausch. Sie koordiniert ein Projekt, in dessen Rahmen Grundbildungskurse an verschiedenen Volkshochschulen (VHS) in Ostholstein angeboten werden. Finanziert werden die kostenfreien Angebote aus ESF- und Landesmitteln sowie durch die Kulturstiftungen des Kreises.

In Ostholstein gebe es etwa 18 000 Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben könnten, sagt Rausch. Allein in Oldenburg müsse man von 900 Betroffenen ausgehen. „Bisher besucht nur ein Bruchteil von ihnen unsere Kurse“, berichtet die Projektkoordinatorin. Zurzeit seien es an den fünf Standorten – neben Oldenburg gibt es entsprechende Programme in Heiligenhafen, Neustadt, Eutin und Sereetz – etwa 35 Teilnehmer. Die Hemmschwelle sei für viele Betroffene noch immer groß, so Rausch, „das möchten wir gerne ändern“.

„Es gehört Mut dazu, zu dem Problem zu stehen“, bestätigt Marco Stolze. Seit März besucht der 41-Jährige einen Deutschkursus an der Oldenburger VHS. Nachdem er seine Arbeit als Dachdecker aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste, will er nun eine Umschulung machen – am liebsten zum Erzieher oder zum Rettungsassistenten. In jedem Fall bedeutet das die Rückkehr auf die Berufsschulbank.

Und um die dortigen Anforderungen zu meistern, brauche er Hilfe.

Zur Schule gegangen sei er nie gern, erinnert sich Marco Stolze. Zwar habe es Fächer wie Sport oder Kunst gegeben, die ihm sehr gelegen hätten. In Deutsch habe er jedoch regelmäßig schlechte Noten kassiert. Von seinen Mitschülern sei er dafür gemobbt worden; „als Kind wird man schnell ausgegrenzt, wenn man anders ist“. Am Ende sei er von der Haupt- auf die Sonderschule versetzt worden und habe dadurch auch die letzten Freunde verloren.

Seinen Hauptschulabschluss habe er später nachgeholt, erzählt der 41-Jährige. „Ich wollte unbedingt eine Dachdeckerlehre machen und dafür brauchte ich ihn“, erklärt er. Also lernte er, bis er die Prüfung schaffte. „Es war hart“, erinnert er sich. Sein Bruder habe währenddessen sein Abitur gemacht – „ohne jede Mühe“. Zu sehen, wie leicht anderen schulische Aufgaben fielen, die auf ihn selbst oft wie unüberwindbare Hindernisse wirkten, war frustrierend. Doch „ich wusste, was ich wollte“, sagt Stolze, „und habe nicht aufgegeben“.

Heute hat er erkannt: „Jeder Mensch hat seine Stärken und seine Schwächen.“ Wer nicht gut lesen und schreiben könne, werde häufig als dumm abgestempelt – „aber das stimmt nicht“. Er kenne Betroffene, die sich mit allen möglichen Tricks durch den Alltag helfen würden – bis hin zum Auswendiglernen von Strichcodes, um Waren richtig in die Supermarktregale sortieren zu können. „Das sind für mich eher Genies“, sagt er, „ich finde das beeindruckend.“

Er selbst geht offensiv mit seiner Rechtschreibschwäche um. Wenn er bei der Arbeit etwas aufschreiben musste, habe er Kollegen um Hilfe gebeten. Freunden schreibe er Nachrichten, ohne Angst, dass sie ihn dafür auslachen könnten: „Sie wissen alle Bescheid und unterstützen mich.“ Und wenn er mal gar nicht weiter wisse, verschicke er eben eine Sprachnachricht.

Allerdings gehe längst nicht jeder so selbstbewusst mit dem Thema um, berichtet Adrienne Rausch. Viele Betroffene versuchten, ihre Schwächen geheim zu halten, und lebten in der ständigen Angst, dass jemand etwas merken könnte. Die Grundbildungskurse könnten helfen, diesem Stress – und auch Abhängigkeiten von anderen – zu entkommen.

Jeder müsse selbst entscheiden, ob er den Schritt gehe, sagt Marco Stolze. Ihm persönlich bringe der Kurs mit Adrienne Rausch sehr viel. „Es macht sogar Spaß“, sagt er, „die Atmosphäre ist ganz anders als früher in der Schule.“

 Jennifer Binder

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