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Ostholstein Alter Tontopf gibt Rätsel auf: Mittelalter oder Reisesouvenir?
Lokales Ostholstein Alter Tontopf gibt Rätsel auf: Mittelalter oder Reisesouvenir?
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20:21 19.10.2013
Klingberg

Vier Jahrzehnte lang war es einfach „nur so da“. Es diente der Dekoration und wurde nur bewegt, wenn rundherum mal Staub gewischt werden musste. Seit einiger Zeit aber spielt das Gefäß im Leben von Dieter Rüter in Klingberg eine ganz große Rolle. Nicht nur die LN, sondern auch Archäologen interessieren sich für das Objekt.

Doch der Reihe nach: 21 Personen hatte Dieter Rüter vor Kurzem zu seinem 68. Geburtstag eingeladen. Die muntere Runde hatte schon Platz genommen. Sauerbraten, Rotkohl und Knödel dampften auf der Festtafel, als ein Freund plötzlich aufsprang und fragte: „Was ist das denn? Darf ich mir das mal genauer anschauen?“ Der Gast, von dem Rüter längst wusste, dass er ein archäologischer Kenner ist, sah sich den Gegenstand, der seit Langem schon zwischen Musikanlage und Zweisitzer bei Rüters im Wohnzimmer steht, genau an. „Das ist ein slawischer Kugeltopf aus dem frühen Mittelalter“, diagnostizierte er. Er bewunderte den „vorbildlichen Zustand“ sowie die „reichhaltigen Profilierungen“ und störte sich auch nicht an den fehlenden Tonstückchen am oberen Rand. Der Besucher ließ sein Essen kalt werden und begann zu messen. „Mit 29 Zentimetern im Durchmesser und einer Höhe von 25 Zentimetern ist das kein kleiner archäologischer Gegenstand“, befand er.

Die Geburtstagsgesellschaft hatte an dem Abend nur ein Thema. Rüter erinnert sich: „Nach vielen aufgeregten Diskussionen bot mir ein anderer Gast für diesen ,Nur-so-da-Topf‘ eine fünfstellige Summe an.“ Das wiederum brachte seinen Archäologie-Freund auf die Palme. Für diese geringe Summe solle Rüter ihn auf keinen Fall veräußern, riet er. Das vorläufige Ende vom Lied: Der Topf ist jetzt nicht mehr in Klingberg, sondern lagert ganz sicher in einem großen Safe in Lübeck.

Derweil hat sich Rüter an Anfang der 1970-er Jahre und daran erinnert, wie er überhaupt zu dem Gefäß gekommen ist. Es geschah in Frankfurt. Rüter war damals Technischer Betriebsleiter in einem großen Handwerksbetrieb. Bekannte, die nach Neuseeland auswandern wollten, verschenkten ihr gesamtes Hab und Gut. Rüters bekamen diesen Topf. „Die Frau sagte noch, dass es ein altes Stück ist und dass früher die Menschen ihr Essen darin gekocht haben“, fiel Rüter wieder ein. Kontakt zu den Auswanderern hat er nicht mehr.

Plötzlich erinnert sich Rüter aber auch an den Umzug von Frankfurt nach Klingberg. Als vor zwölf Jahren alle Möbel und der Hausrat transportfähig verpackt wurden, gab sich der Speditionsinhaber beim Topf ganz besondere Mühe. Sorgfältiger als andere Dinge wickelte er ihn in Seidenpapier ein.

Rüter möchte gerne wissen, woher der Topf kommt und was er wert ist. Die LN versuchen, Licht ins Dunkel zu bringen und schalteten schon mal das Archäologische Landesamt in Schleswig ein und schickten ein Foto dorthin. Die Antwort: „Es handelt sich bei dem Topf um keinen der gewöhnlichen und weit verbreiteten Dekore.“ Von Schleswig aus wurde ein Berufskollege in Lübeck zu Rate gezogen. Und der fragt ganz gespannt: „Einheimischer Bodenfund aus dem Mittelalter oder Reisesouvenir? Kochtopf, Vorratsgefäß oder Urne?“ Da das Gefäß ja eine ganz normale gerade Standfläche habe, sei es also kein Kugeltopf. Solche Töpfe nämlich endeten unten halbkugelig und seien von etwa 1150 bis 1350 in dieser Gegend üblich gewesen. Wenn das Gefäß in die slawische Zeit gehören sollte, dann — die Ornamentik aus Kerben und Wellenlinien könnte dafür sprechen — in die Zeit zwischen 1000 und 1200.

Erhalten und erforschen
Das Archäologische Landesamt hat als Obere Denkmalschutzbehörde den Auftrag, archäologische Denkmäler und Denkmalbereiche zu erhalten, zu erforschen und für den Schutz des kulturellen Erbes zu sorgen. Dem Land kommt aufgrund seiner geografischen Lage zwischen Nord- und Ostsee, Kontinent und Skandinavien eine zentrale kulturgeschichtliche Bedeutung zu.
„Die Frau sagte noch, dass früher die Menschen ihr Essen darin gekocht haben.“
Dieter Rüter

Christina Düvell-Veen

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