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Ostholstein Bewährungsstrafe für Todesfahrer
Lokales Ostholstein Bewährungsstrafe für Todesfahrer
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10:02 09.08.2016
Der Verursacher des Unfalls, ein heute 37 Jahre alter Mann aus Ascheberg (Kreis Plön), musste sich wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Quelle: dpa
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Eutin/Hutzfeld

Führten gesundheitliche Probleme des Fahrers zu dem folgenschweren Unfall? Nutzte er während der Fahrt sein Handy? Oder war er ganz einfach mit seinen Gedanken überall anders, nur nicht konzentriert auf den Straßenverkehr? Diese Fragen standen gestern im Mittelpunkt des Prozesses, bei dem es im Eutiner Amtsgericht um den Vorwurf der fahrlässigen Tötung ging. Angeklagt war ein 37-Jähriger aus Ascheberg im Kreis Plön. Er hatte im Februar vergangenen Jahres auf der L 176 bei Hutzfeld in seinem VW-Transporter einen Unfall verursacht, bei dem zwei 19 und 21 Jahre alte Hutzfelder in einem VW-Golf starben. Amtsrichter Otto Witt verhängte eine Freiheitsstrafe von zehn Monaten, ausgesetzt für zwei Jahre auf Bewährung, und schloss sich damit der Staatsanwältin an. Die Verteidigerin hatte Freispruch gefordert, da aus ihrer Sicht kein schuldhaftes Verhalten erkennbar war.

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Angeklagter (37) entschuldigt sich bei den Familien der beiden Unfallopfer – Gutachter hatten das Wort – „Unachtsamkeit im Straßenverkehr“ gilt als Ursache des Unglücks.

Der Angeklagte entschuldigte sich zu Beginn der Verhandlung bei den Familien der Toten: „Es tut mir aus tiefstem Herzen leid, was passiert ist.“ Obwohl er schon einen Brief verfasst habe, habe er keinen Kontakt zu den Angehörigen aufnehmen können. „Ich wusste nicht, welcher Zeitpunkt der richtige ist“, bekannte der Angeklagte auf Witts Nachfrage.

Zunächst befragt wurde eine 49-jährige Zeugin. Sie war die erste an der Unfallstelle und hatte das „Schlingern“ des Transporters beobachtet. Der Angeklagte sei nach dem Unfall ansprechbar gewesen, habe erzählt, ihm sei „schwarz vor Augen“ geworden und habe sie aufgefordert, sich um die Insassen des anderen Autos zu kümmern. Sie leide noch heute unter den Folgen des Unfalls, sagte die Zeugin weinend.

Ein Verkehrsmediziner zitierte aus seinem Gutachten und erwähnte die Krankheitsvorgeschichte des Angeklagten. Aber weder die epileptischen Anfälle, an denen er vor Jahren litt, noch Herz-Rhythmusstörungen kämen als Unfallursache in Betracht. „Er war in Gedanken ganz woanders“, sagte der Gutachter und ging auf die Arbeitssituation des damals selbstständigen Raumausstatters an dem Tag ein. Ein Auftrag in Hutzfeld habe abgeschlossen werden sollen und ein neuer in Eutin sei per Telefon gerade vereinbart worden. Bei diesem Anruf, so sagte der damalige Gesprächspartner aus, habe es keine Hintergrundgeräusche gegeben, so dass nicht aus dem Auto heraus telefoniert worden sei. „Die gedankliche Ablenkung hat zu dem Fahrfehler geführt“, folgerte der Mediziner.

Ein Kfz-Sachverständiger berichtete, beim VW-Transporter habe es keine technischen Mängel gegeben, und auch die Geschwindigkeitsbegrenzung von 70 km/h sei von beiden Fahrern eingehalten worden.

Allerdings sei keiner der Drei angeschnallt gewesen. Der Sachverständige erläuterte, der Golf sei offensichtlich deshalb so vollkommen deformiert gewesen, weil er ausgewichen, auf die Bankette geraten und dort von dem dann höher liegenden Transporter erfasst worden sei.

Richter Witt wandte sich während der Urteilsbegründung an den derzeit beschäftigungslosen Angeklagten: „Sie waren zu dem Zeitpunkt im Kopf abgelenkt. So intensiv darf so etwas nicht passieren.“ Es sei fahrlässig gewesen, sich nicht auf den Straßenverkehr zu konzentrieren. Durch die „schicksalhaften Folgen“ seien nicht nur die Leben der beiden Familien, sondern auch das der Zeugin verändert worden.

Einige der etwa 30 Zuschauer hielt es nach dem Richterspruch „Zehn Monate Freiheitsstrafe, ausgesetzt für zwei Jahre auf Bewährung“ nicht mehr auf ihren Plätzen. Noch vor der Urteilsbegründung verließen sie den Sitzungssaal. Schon auf dem Weg zum Ausgang machten sie ihrem Unmut lautstark Luft.

„Das ist ein Lacher“ kommentierte anschließend Uwe Jahnke (47), Vater des tödlich verunglückten Dominik, das Urteil. Unverständnis herrschte auch bei Ehefrau Michaela (42) und Tochter Melanie (23).

Sie hätten sich vorher schon im Internet informiert und geahnt, dass der Unfallverursacher mit einer Bewährungsstrafe davonkommen würde. Seit dem Unfall im Februar 2015 ist nichts mehr so im Leben der Familie Jahnke wie vorher: „Domi ist immer da, er ist allgegenwärtig“, so Uwe Jahnke.

Ähnlich leidet auch die Familie des anderen Unfallopfers. Vater Bernd Jahnke (51) verfolgte die Verhandlung im Gerichtssaal mit Ehefrau Meike (46) und Tochter Elisa (27). „Wir haben die Beerdigung überstanden, also werden wir auch das schaffen“, hatten sie sich vorher Mut gemacht. Auch sie empfanden das Urteil als zu gering, sagten dann jedoch: „Uns wäre keine Strafe genug gewesen.“ Mutter Meike gab zudem Einblicke ins Familienleben: „Man funktioniert einfach nur noch.“ Bei der Trauerbewältigung helfe der Familie immer noch ihr großer Freundeskreis. „Wir reden viel“, erzählten sie.

Auch wenn beide Unfallopfer denselben Nachnamen trugen, so waren sie doch nicht verwandt. Sie waren aber die allerbesten Freunde. Dominik und Matthias verbrachten viel Freizeit miteinander und hatten dieselben Interessen. Beide waren Angehörige der Freiwilligen Feuerwehr, sie liebten das Autofahren und den Fußballsport, schwärmten für den HSV und spielten aktiv beim Bosauer SV.

Im März 2015 wurden Matthias und Dominik auf dem Bosauer Friedhof in einem Grab beerdigt – der eine in einem weißen , der andere in einem schwarzen Sarg.

 Cd Christina Düvell-Veen

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