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Ostholstein „Blind“ mit dem Boot auf der Ostsee
Lokales Ostholstein „Blind“ mit dem Boot auf der Ostsee
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23:06 28.08.2013
Er sieht nichts, niemand an Bord hat ihm ein Ziel zugeflüstert. „The Mentalist“ agiert nur per Gedankenlesen — und zersticht den Luftballon.
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Wulfen a. F

Er hat es geschafft. Mit verbundenen Augen und einem tiefschwarzen Beutel über dem Kopf. Nur mit der Kraft seiner Gedanken dirigiert Harry Sher ein Motorboot vor der Inselküste, lässt den Bootsführer der DLRG einen Parcours aus Bojen umfahren — und zersticht dabei selbst zielgerichtet bunte Luftballons. Die Zuschauer am Wulfener Ufer staunen:

Sie erleben gerade „The Mentalist“ bei einem neuen Rekordversuch.

Und doch rätseln sie darüber, ob dieser Fehmarn-Rekord überhaupt gilt — nämlich: binnen zwei Stunden blind durchs Revier zu fahren und sämtliche Hindernisse zu beseitigen. Zeitlich gibt es überhaupt keine Diskussionen. Nach rund 40 Minuten ist das Spektakel bereits vorüber. Doch bei auffrischenden Winden der Stärke drei bis vier kommt der große Medienstar vor Fehmarn ins Straucheln. Zumindest mit der reinen Farbenlehre. Denn Sher zersticht in der zweiten Runde grüne statt der am Ufer angezeigten blauen Luftballons. Dabei dürfen ihm eigentlich höchstens zwei Pannen unterlaufen.

Die Spannung wächst: Hat der „Mentalist“ einen kapitalen Fehler gemacht? Immerhin zersticht Sher konsequent an allen Bojen die falsche Farbe. Oder ist der Bootsführer farbenblind und kann Grün und Blau nicht unterscheiden, so Moderator Andreas Sewald (Camping- und Ferienpark Wulfener Hals).

Befragt werden kann zu diesem Zeitpunkt niemand. Harry, die drei Rettungsschwimmer der DLRG und das Trio vom NDR sind draußen auf der Ostsee. Nur das Motorboot rattert. Niemand darf etwas sagen.

Wer sich an Bord verplappert, riskiert den sofortigen Abbruch der Aktion. Denn nur aufs Gedankenlesen kommt es an: „Ich kann es wirklich nicht beantworten, warum es funktioniert. Es hat etwas mit mentalen Stärken zu tun. Ich versuche, durch die Augen des Bootsführers zu empfinden, was er denkt“, erklärt Sher vorm Start den Reiz am abendlichen Spektakel. Auf diese Weise hat er bereits mit verbundenen Augen einen 20-Tonner 15 Kilometer quer durch die City von Frankfurt gesteuert. Auf Fehmarn will er den Rekord im Alleingang. Getreu dem eigenen Motto: „Es gibt immer einen Verrückten, der das das erste Mal macht. Der Zweite will ich nicht sein, an den erinnert sich hinterher keiner mehr.“

Ungläubig verfolgt das Publikum die Aktion. Nach der Verwechslung von grün und blau kriegt Sher wieder die Kurve. Bei der Farbe Rot sticht er sicher zu. In jeden Luftballon. Am Ende bleibt ein einziger liegen. Dieser Fehler ist unstrittig.

Die DLRG schippert mit Sher zurück. Wacklig betritt er wieder das Ufer. Augenbinde und Sack werden ihm abgebunden. Der Bootsführer betont, den blauen Himmel vor Augen gehabt zu haben. Sher will aber die Farbe Grün zuerst empfunden haben, weil der Bootsführer auch kurzzeitig an sie dachte.

Sher gesteht, „blind“ an Bord Orientierung und Zeitgefühl verloren zu haben. Zu viele Menschen im schaukeligen Boot, vielleicht zu viele störende Einflüsse vom Ufer? Und doch ist er davon überzeugt, den Rekord geschafft zu haben. Denn ursprünglich sollte er nur Hindernisse auf dem Parcours überwinden. Das Publikum applaudiert, auch wenn letzte Zweifel bleiben.

Es gibt immer einen Verrückten,
der es das erste Mal macht. An den Zweiten erinnert sich keiner mehr.“Harry Sher alias „The Mentalist“

Gerd-J. Schwennsen

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