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Ostholstein „Cap Arcona“: Gebaut für Reiche, Grab für KZ-Häftlinge
Lokales Ostholstein „Cap Arcona“: Gebaut für Reiche, Grab für KZ-Häftlinge
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22:14 14.05.2017
Neustadt

Die Geschichte der „Cap Arcona“ beginnt heute vor genau 90 Jahren.

Heute vor 90 Jahren lief der Luxusdampfer in Hamburg vom Stapel.

Das Reiseziel

Die „Cap Arcona“ wurde nach dem Kap Arkona auf Rügen benannt.

Ziele in Südamerika waren Rio de Janeiro, Santos, Montevideo und Buenos Aires.

Die Jungfernfahrt fand im November 1927 statt, Kapitän war Ernst Rolin.

An einem Sonnabend wird das fast 206 Meter lange Schiff von der Hamburger „Blohm + Voss“-Werft zu Wasser gelassen. 1315 Passagiere und 630 Crew-Mitglieder finden auf dem Flaggschiff der Hamburg-Südamerika-Linie Platz. Zwölf Tage dauert eine Überfahrt bis nach Rio de Janeiro – erstmals im November 1927. Buenos Aires erreichen die Reisenden drei Tage später. 18 Jahre später wird der Dampfer in der Ostsee vor Neustadt kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs von Bomben britischer Kampfflugzeuge versenkt. Tausende an Bord zusammengepferchte KZ-Häftlinge sterben.

Überreste des Schiffes sowie Habseligkeiten der Opfer lagern bis heute im Neustädter Cap-Arcona-Museum. Leiter Wilhelm Lange erzählt, dass das Kreuzfahrtschiff „Cap Polonio“ Vorbild für den Bau der „Cap Arcona“ gewesen sei. „Die ,Polonio’ hatte einige Schwächen, insbesondere die Antriebsanlage. Diese wurden beim Bau der ,Arcona’ berücksichtigt und beseitigt“, erläutert Lange. Unter anderem seien gleich mehrere Kessel eingebaut und von Kohle auf Öl-Verbrennung umgestellt worden. „Der Luxus an Bord der ,Cap Polonio’ war so gut, der musste nicht nachgebessert werden. Mit den Einnahmen der ,Polonio’ wurde der Bau der ,Arcona’ mitfinanziert“, schildert Wilhelm Lange.

Die Macher setzen schon beim Bau auf hochpreisige und erstklassige Ausstattung. „Die Gäste sollten vibrationsfrei reisen und möglichst nicht seekrank werden“, betont Lange. Ziel der Werft sei es gewesen, die Südamerika-Linie zu bedienen. Mit einem reinen Auswandererschiff hat die „Cap Arcona“ nichts zu tun. Dennoch nehmen die Reisenden nicht nur Handgepäck mit an Bord. In alten Filmaufnahmen ist zu sehen, wie Autos unter Deck gekrant werden. „Einige haben auch Pferde verschifft. Auch wird gerne von einer Kuh erzählt. Da gab es immer frische Milch“, so der Neustädter Museumsleiter.

1939 endet das Kreuzfahrt-Abenteuer der Reichen jäh. Der Zweite Weltkrieg bricht aus. Die Nazis, genauer gesagt die Marine, fordert das Schiff an. Es wird zum U-Boot-Stützpunkt im polnischen Gdynia unweit von Danzig verlegt. „Die ,Cap Arcona’ wurde dort als Wohnschiff eingesetzt. Die Region galt als weniger gefährdet für Luftangriffe als Kiel oder Neustadt. Spätestens seit dem Bombenangriff auf Lübeck wusste man, was los war“, sagt Lange. Diese „Ruhe“ nutzen auch deutsche Filmemacher aus. 1943 drehen sie Teile von „Titanic“ und erinnern an die folgenschwere Kollision des Schiffes mit einem Eisberg. „Viele Merkmale der ,Cap Arcona’ stimmten mit denen der ,Titanic’ überein. Es waren nur wenige Umbauarbeiten für den Film notwendig“, erläutert Lange.

Etwas mehr als ein Jahr später muss die „Cap Arcona“ die polnische Ostsee verlassen. „Gdynia geriet unter Artilleriebeschuss Russlands. Das Schiff transportierte deutsche U-Boot-Soldaten, Torpedos und Flüchtlinge aus Ostpreußen nach Hamburg. Anschließend gab es eine zweite Fahrt nach Kopenhagen. Am 14. April 1945 kam das Schiff in der Neustädter Bucht an. Dort war es endgültig manövrierunfähig“, sagt Wilhelm Lange. Fehlende Wartung habe die Maschine zerstört. Zudem habe es an Treibstoff gemangelt.

Etwa 2,5 Kilometer vor Pelzerhaken liegend wird die „Cap Arcona“, nachdem sie Neustädter Schüler gereinigt haben – wie nachzulesen in Schulchroniken – zum Gefängnis für Tausende KZ-Häftlinge. Am 3.

Mai folgt der Luftangriff, das Schiff explodiert. „Bis heute liegen die Gebeine von 3000 Toten in 17 Metern Tiefe. Das wurde 1995 mit einem Wasservermessungsschiff und von Tauchern festgestellt“, betont Lange. Das Schiff selbst habe sich bei der Explosion auf die Seite gedreht und sei bis Anfang der 1950er Jahre abgewrackt worden. Es war das endgültige Ende des einstigen Luxusdampfers.

 Sebastian Rosenkötter

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