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Ostholstein „Das Böhmermann-Gedicht funktioniert, ist aber langweilig“
Lokales Ostholstein „Das Böhmermann-Gedicht funktioniert, ist aber langweilig“
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20:27 19.07.2016
Martin Herrmann sitzt vor der „Silbermöwe“ an der Ostsee. Diese Kulisse hat ihn inspiriert. Quelle: Peter Mantik

Beim Blick nach draußen weiß man an diesem Tage nicht, wo die Ostsee aufhört und der Himmel beginnt. In der „Silbermöwe“ in Süssau sitzt der Gast gefühlt quasi im Meer.

„Es ist fast schon ein Makel, dass ich noch nie wegen Beleidigung

angezeigt wurde.“ Martin Herrmann, Kabarettist

Diese atemberaubende Kulisse hat auch Kabarettist Martin Herrmann aus dem Süden Deutschlands angelockt und zu seinem Programm „Kreuzfahrt für Seekranke“ inspiriert. „Weil es nicht wackelt“, sagt Herrmann. Und wenn doch, dann vor lauter Lachen.

Der Kabarettist spielt mit Grenzen, packt politische wie gesellschaftliche Reizthemen an. Martin Herrmann schüttelt aber beim Thema Jan Böhmermann und dessen Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten Recep Erdogan nur den Kopf. „Das Gedicht funktioniert, folgt einer klaren Methode.“ Es sei dermaßen übertrieben, dass sich nur ein äußerst verklemmter Mensch oder einer mit einem religiösen Tunnelblick daran stören könne. Herrmann persönlich findet es dagegen „eher langweilig“. Ein wenig neidisch ist Herrmann auf Kollege Böhmermann aber schon. „Ich wurde noch nie wegen Beleidigung angezeigt – das ist in meiner Branche fast schon ein Makel.“

Er orientiert sich künstlerisch eher am Stil eines Harald Schmidt. Es sei eine Kunst, einen Witz zu erzählen und etwas anzudeuten, und dem Zuhörer den Raum zu lassen für eigene Gedanken. Seine allabendlichen Auftritte um 20 Uhr in der Silbermöwe (15 Euro/mittwochs ist geschlossen) geben dem Herrmann den Raum, sich weiter zu entwickeln. Dabei habe er sich um 180 Grad gewandelt. „Ich stamme aus der Liedermacher-Ecke, habe dort gelernt, was es bedeutet ein Publikum zu führen.“ Dennoch habe er lernen müssen, Pausen zu setzen und eben nicht alles selbst zu erzählen.

Seine Themen sind ein Streifzug durch die Gesellschaft. Er habe etwa herausgefunden, dass ein Trennungsgrund bei Paaren die Suche nach Geschenken zu Weihnachten sei. „Dieses Konsum-Terror-Fest macht viele wahnsinnig. Daher unterbreite ich dem Publikum Geschenkideen.“ Wie zum Beispiel „Kamasutra für Senioren“ – als dünne Broschüre, weil im Alter ja nicht mehr alles ginge. Gern bedient sich Herrmann auch Kinderliedern, die er dann umdichtet wie in: „Runter mit der Pille, Schwänzchen in die Höh’.“ Das ist der Viagra-Song.

In seiner Freizeit genießt der Mann aus den Bergen die See – oder er dreht beim TSV Heiligenhafen in der Turnhalle seine Riesenfelgen am Reck. „Das hält mich fit“, erklärt Herrmann, der mit dem ambitionierten Geräteturnen im Studium begann. Extremer Sport war ihm immer schon ein Gegenpol zur musischen Seite. „Wir Jungs waren 1969 die ersten, die mit Fahrrädern Down-Hill die Wälder hinabgebraust sind. Diese 28-Zoll-Räder waren die ersten Mountain Bikes dieser Welt“, erzählt Herrmann.

Künstlerisch ist er in seiner süddeutschen Heimat in den großen Hallen daheim. Beispielsweise in Böblingen, wo er vor 1500 Menschen auftrat. „Das geht wie von allein“, sagt er. Das Publikum mitnehmen, meint er. Etwas anderes sei es, an einem verregneten Abend in der Woche in der Silbermöwe für vier Personen aufzutreten.

„Die Herausforderung ist es dann, dass die wenigen Zuschauer nicht mit dem Künstler Mitleid bekommen. Das wäre fatal. Es muss Spaß machen.“ Bisher hat es immer geklappt.

Peter Mantik

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