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Das psychische Leid junger Flüchtlinge

Lensahn Das psychische Leid junger Flüchtlinge

Sie waren Kindersoldaten, haben Massenhinrichtungen und Folterung erlebt: Einige Flüchtlinge kommen traumatisiert nach Deutschland. Fachleute arbeiten mit ihnen und wollen ein Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Ostholstein aufbauen. 

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Eberhard Jänsch-Sauerland lässt einen jungen Mann seine Erfahrung über sein Heimatland und die Flucht auf einen Zettel malen. Der Einstieg in eine Zusammenarbeit, bei der Vertrauen eine sehr große Rolle spielt.

Quelle: Fotos: Thomas Klatt

Lensahn. Zoran Rahmani (Namen von der Redaktion geändert) kritzelt auf das Blatt vor ihm. Was wie die Zeichnung eines Kindes anmutet, offenbart die traurige Vergangenheit des 16-jährigen Jugendlichen aus Afghanistan: Maschinengewehre, die Salven abfeuern, drei liegende Strichmännchen, mit denen Zoran vor Monaten die Flucht nach Deutschland antrat. Sie sind tot. Verdurstet oder erschossen.

Eberhard Jänsch-Sauerland lässt einen jungen Mann seine Erfahrung über sein Heimatland und die Flucht auf einen Zettel malen. Der Einstieg in eine Zusammenarbeit, bei der Vertrauen eine sehr große Rolle spielt.

Eberhard Jänsch-Sauerland lässt einen jungen Mann seine Erfahrung über sein Heimatland und die Flucht auf einen Zettel malen. Der Einstieg in eine Zusammenarbeit, bei der Vertrauen eine sehr große Rolle spielt.

Quelle:

Im sicheren Ostholstein angekommen, fällt Zoran seinen Betreuern aufgrund seines apathischen Verhaltens auf. Scheinbar emotionslos lädt er sich wiederholt Gewaltvideos im Internet herunter. Eberhard Jänsch-Sauerland von der Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtsverbände Ostholstein hat sich im Auftrag des Kinderschutzbundes des Jungen angenommen. Zusammen mit anderen Fachleuten hat er sich daran gemacht, ein Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Ostholstein aufzubauen.

In behutsamen Gesprächen nähert sich der erfahrene Traumatherapeut der Geschichte des Jungen — und erfährt Schockierendes: Als 14-Jähriger hat sich Zoran als Kindersoldat freiwillig gemeldet. Er hoffte auf diese Weise, seine Familie in Afghanistan finanziell über Wasser halten zu können. „Er hat damals miterlebt, wie Menschen an einem Massengrab erschossen und in das Grab geworfen wurden“, sagt Jänsch-Sauerland.

Als Zorans Familie von den Taliban bedroht wird, ist er auch selbst in Gefahr. Seine Familie sammelt Geld und entschließt sich, Zoran auf die Flucht zu schicken. Er ist einer von 80 minderjährigen Jugendlichen, die gegenwärtig in Einrichtungen des Kinderschutzbundes Ostholstein betreut werden. Einige von ihnen leiden unter sogenannten posttraumatischen Belastungsstörungen, haben Folterung und Misshandlung von Angehörigen, lebensbedrohliche Situationen auf der Flucht oder ähnlich schreckliche Dinge erlebt. Sie leiden unter Kopf- und Magenbeschwerden, haben Narben und Wunden von der Flucht, ziehen sich zurück oder sind leicht reizbar.

„Das Schlimmste jedoch ist“, sagt Jänsch-Sauerland, „wenn der Kontakt zur Familie abreißt.“ Er berichtet von einem Jugendlichen, dem zwar die Flucht geglückt sei, der jedoch hier bei seiner Ankunft erfahren habe, dass die Eltern in seinem Heimatland erschossen wurden.

Nicht alle dieser Jugendlichen müssen auch behandelt werden. Jänsch-Sauerland: „Das Bewältigungssystem eines solchen jungen Menschen arbeitet bisweilen wie ein ,Notstromaggregat‘. Besonders schlimme Erfahrungen werden dabei ausgeblendet.“ Wo das nicht passiert, kommen — je nach Schwere des Traumas — Therapeuten wie Jänsch-Sauerland, Psychologen oder Neurologen ins Spiel. Schritt für Schritt versucht Jänsch-Sauerland, das Vertrauen seines Gegenübers zu gewinnen. „Ich interessiere mich für ihr Schicksal, aber auch für ihr Land, ihre Kultur und ihre Familie“, beschreibt er seine Vorgehensweise. Dabei lenkt er den Blick gerade zu Beginn auch auf positive Erinnerungen. So auch bei dem jungen Afghanen, der ein Bild mit einem Drachen malt. „Eine Erinnerung aus glücklicheren Tagen, die dazu beitragen kann, dass sich der junge Mensch öffnet“, erläutert Jänsch-Sauerland.

Eine gute Integration und ein regelmäßiger Alltag seien für die Jugendlichen das Wichtigste. Sie geben ihnen Struktur und Sicherheit. Belastend würden sich dagegen die langwierigen Asylverfahren auswirken: „Wenn man nicht weiß, wo man auf dieser Welt bleiben kann, resultiert daraus eine elementare Unsicherheit.“

Zwischen drei Monaten und zwei Jahren liegt im Allgemeinen die Behandlungsdauer. Erste Behandlungserfolge kann Jänsch-Sauerland bereits vorweisen. Achmed, ein 17-jähriger Eritreer, habe er kürzlich in einem Zug getroffen. Dieser hatte gerade seine Aufenthaltsgenehmigung erhalten, ihn umarmt und gesagt: „Jetzt habe ich es geschafft“.

Auch Zoran macht Fortschritte. Er hat gute Chancen, wieder in seinem in Afghanistan gelernten Beruf als Schneider arbeiten zu können. Er kann schon wieder lachen, ist weniger skeptisch seiner Umwelt gegenüber. Jänsch-Sauerland: „Wenn ich das sehe, geht mir das Herz auf.“

 

Thomas Klatt

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